Spieleranalyse

Friend und Domovchiyski sind Herthas Verlierer

In einer Saison voller Gewinner müssen sich Valeri Domovchiyski und Rob Friend ein bisschen verloren vorkommen: Beide mussten ihren Stammplatz abgeben und waren lange nur zweite Wahl. Es ist fraglich, ob sie bleiben dürfen.

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Es hat ihn gegeben, den einen Moment in der Rückrunde, als Rob Friend einem Torerfolg im Auftrag von Hertha BSC noch einmal ganz nahe war. Doch dann geschah etwas im Stadion zu Aachen und im Strafraum der ortsansässigen Alemannia, was in dieser Szene wohl nur ihm passieren konnte. Weil es in Perfektion die Absurdität seiner glücklosen Saison widerspiegelte. Der Kanadier hatte kräftig ausgeholt, doch statt dem Ball ins Tor flog nur der leuchtend orangefarbene Schuh von Friends rechtem Schussbein davon. Wütend stapfte er unmittelbar danach zur Seitenlinie, warf den modernen Krempel von dannen und zog sich flugs seine altgedienten weißen Töppen an.

Dabei ist auch die Farbe des Schuhwerks schon länger nicht mehr entscheidend. Viermal hatte der als Königstransfer des Sommers apostrophierte Torjäger bei seinen sechs ersten Pflichtspieleinsätzen für die Berliner getroffen – aber seit September kein einziges weiteres Mal. Folglich spielt er ein Frühjahr später kaum noch eine Rolle beim designierten Zweitliga-Meister. Der wird nicht wegen Friend, sondern trotz dessen anhaltender Torflaute in die Bundesliga zurückkehren. Weswegen Friend eingesteht „ein bisschen Bauchschmerzen beim Feiern des Aufstiegs“ zu haben.

Und doch kann es immer noch ein Happy End einer Saison zum Vergessen geben. Der fünften Gelben Karte von Pierre-Michel Lasogga wegen wird Friend in Herthas vorerst vorletztem Spiel in Liga zwei am Sonntag bei Erzgebirge Aue (13 Uhr, Sky live) noch einmal eine zentrale Rolle spielen: ganz vorn im Angriff der Blau-Weißen. „Das ist seine Position“, erklärt Trainer Markus Babbel, weswegen er sich wohl für Friend und gegen den gleichfalls hoffenden Valeri Domovchiyski entscheiden wird. Der aber als Ersatz für den aus demselben Grund fehlenden Raffael infrage kommt.

Sie beide hätten gut trainiert, lobt Babbel, menschlich sei gegen sie ohnehin nichts einzuwenden. Beide hätten die Unzufriedenheit über ihre Situation artikuliert – aber nur intern, nie nach außen hin. Ein Umstand, der Trainer wie Kollegen gleichermaßen Respekt abnötigt, denn freilich wäre es ein Leichtes gewesen, in den allgemeinen Erfolg hinein lautstark das eigene Leid zu beklagen.

Das Leid, dass mit Lasogga und Adrian Ramos sich zwei gefunden haben, „die es zusammen richtig gut gemacht haben“, wie Babbel es ausdrückt. 25 Saisontore stehen auf ihrem gemeinsamen Konto. Immerhin auf deren neun bringen es Friend und Domovchiyski. Aber sie eint das Schicksal, dass ihnen nach einem guten Start alsbald gar nichts mehr gelingen wollte – und die Plätze, die vormals für sie reserviert waren, schnell neu und fortan dauerhaft anderweitig vergeben wurden fanden. Was genau es war, das beide in ein Loch hatte fallen lassen – niemand weiß es so recht zu definieren. Von körperlichen Problemen infolge fehlender Spielpraxis mutmaßte Babbel, denen sich solche im mentalen Bereich anschlossen, weil der Kursverlust am Selbstvertrauen nagte.

Weder Friend noch Domovchiyski befreite sich je wieder aus dem Tief, und pure Spekulation ist, wie es sich im Falle wieder vermehrter Einsatzzeiten hätte verhalten können. Fakt ist hingegen: Beide stehen bei Hertha vor einer ungewissen Zukunft. Zwar sagt Babbel über den bis 2012 vertraglich an Hertha gebundenen Bulgaren Domovchiyski, er würde die Zusammenarbeit mit ihm ungern schon nach dieser Saison einstellen, „weil er ein guter Typ und ein klasse Fußballer ist, fußballerisch und von seiner Spielintelligenz her vielleicht sogar einer unserer Besten“. Und über Friend, dessen Vertrag sogar bis 2013 Gültigkeit besitzt: Ein Kader bestehe nun mal nicht nur aus elf, sondern aus 18 oder sogar noch mehr Spielern – und so zähle er auch über die Saison hinaus und trotz des bereits als Zugang feststehenden Tunay Torun auf den Stürmer aus Kanada: „Wir haben gesagt, dass wir mit der Truppe so wie sie jetzt ist hochgehen wollen.“

Hertha wird für Anfragen offen sein

Aber kann Hertha es sich leisten, zwei besser verdienende Kräfte auf Dauer im Reservistenmodus zu belassen? Legt es die betriebswirtschaftliche Vernunft nicht zumindest nahe, möglichen Anfragen Gehör zu schenken? Und so wird es sich den Sommer über auch verhalten. Ernsthaftem Kaufinteresse wird der Aufsteiger sich nicht verschließen. Genauso wird Friend – wie auch Domovchiyski – spätestens dann von der jetzt noch gültigen Aussage abweichen, er wolle „nicht gehen, ohne gezeigt zu haben, was ich wirklich kann“. Friends Auffassung zufolge wird Herthas Spielweise in der Bundesliga mit dann wohl mehr langen und hohen Bällen in die Spitze der für seine Stärken nötigen sehr viel näher kommen als jene auf schnelle Ballzirkulation ausgerichtete des Favoriten Hertha eine Klasse tiefer.

Von dem „eher feinen, eleganten“ (Babbel) Domovchiyski wiederum nimmt der Trainer an, „dass er sich in der Bundesliga sogar leichter tun wird als in der eher auf Physis angelegten Zweiten Liga“. Wenn es also nach der allseitigen Wunschvorstellung kommt, darf Hertha sich zurück in der Bundesliga auf zwei echte Verstärkungen in der Offensive freuen. Im schlechteren Fall drohen teure Reservisten. Denn auch das hat Babbel klargestellt: Natürlich gingen Lasogga und Ramos nach ihrem so erfolgreichen Zweitliga-Jahr „mit etwas Vorsprung auch in die neue Saison“.

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