Pleite gegen 1860

Löwen verderben Hertha die Meisterparty

Es kamen fast 60.000 Fans und Berlin hätte Zweitliga-Meister werden können. Doch Hertha gelang beim 1:2 (0:0) gegen die Münchner nicht viel. Resultat: Gelb-Sperren für Raffael und Lasogga. Und ein Rekord ist dahin.

Sie hüpften trotzdem. Und riefen lauter trotzige Dinge, „Spitzenreiter“ zum Beispiel oder „Nie mehr Zweite Liga!“ Dann veranstaltete die in der Ostkurve ansässige Kernmasse der Anhängerschaft von Hertha BSC La Ola mit jenen Fußball-Profis, die seit Montag dieser Woche als Aufsteiger in die Bundesliga feststehen. Aber über die Andeutung dessen, was an Ausgelassenheit möglich gewesen wäre, kam die gemeinsame Feierei grundsätzlich nicht hinaus. Ein 1:2 (0:0) des Hauptstadt-Klubs gegen 1860 München, die erste Niederlage seit jener an selber Stätte und mit demselben Ausgang gegen den 1. FC Union am 5. Februar, verdarb Fans wie Spielern gleichermaßen die Freude an diesem herbeigesehnten Spiel.

57.829 Fußballfreunde, darunter gut 1000 aus der bayerischen Kapitale, hatten die Bundesliga-Rückkehrer sehen wollen, im milden Licht der späten April-Sonne schunkelten und sangen sie sich durch 90 Minuten, die lange wenig Ereignisreiches mit sich brachten. „Wir haben nicht gut ins Spiel gefunden“, bilanzierte Trainer Markus Babbel unzufrieden die Frühphase der Partie, das Fazit zog ernüchtert Christian Lell, einer der wenigen im blau-weißen Trikot, die zuvor eine passable Leistung gezeigt hatten. „Total ärgerlich“, fand er es, „dass wir verloren haben. Hier kommen 60.000 Leute, und wir hätten Meister werden können. Es hat einen faden Beigeschmack, dass wir es nicht geschafft haben.“

Dieses mehr symbolische Geschenk, das die Berliner ihren Fans im eigenen Stadion hatten bereiten wollen, werden sie nun zumindest verspätet nachreichen müssen. Abhängig vom Ausgang des Augsburgers Auswärtsspiels am Montag in Cottbus entweder vom Sofa aus, oder eben in den verbleibenden beiden Partien in Aue und den potenziellen Mitaufsteiger Augsburg. Dieses Mal hätten sie jedenfalls auch „keine meisterwürdige Leistung“ geboten, nörgelte Trainer Babbel. Nach torlosen ersten 45 Minuten forderte er von den Seinen mehr Laufbereitschaft und Aggressivität, prompt wurde es zumindest kurzzeitig besser. Lauffreudig setzte sich Rechtsverteidiger Lell gegen Daniel Halfar durch, mit dem er sich noch einige weitere durchaus leidenschaftliche Duelle an der Seitenlinie liefern sollte. Und aggressiv zog Pierre-Michel Lasogga vor das Tor; zwar beförderte nicht er selbst den Ball über die Linie, doch provozierte sein Vorstoß das gütige Zutun von 60-Innenverteidiger Necat Aygün – Eigentor, 1:0 für Hertha.

Nach 61 Minuten schien die Meisterparty also schon nahe. Doch dann geschah zweimal etwas, das Hertha in dieser Saison einige Male, zuletzt aber nur noch so selten zugelassen hat, dass es fast schon in Vergessenheit geraten war: Gegentore nach Standards. Auf nahezu identische Weise bugsierte Ex-Nationalspieler Benjamin Lauth in Minute 64 und 70 den Ball aus dem Halbfeld in den Berliner Strafraum; erst traf wieder Aygün im Duell mit Lasogga, aber diesmal ins von ihm aus gesehen richtige Tor, dann tat Stefan Buck es ihm nach – mit vergleichsweise wenig Aufwand hatten die Gäste das Spiel gedreht. Somit werden sie als der einzige von 17 Konkurrenten in die Saisonchronik Einzug finden, der Hertha in beiden Spielen hat besiegen können.

Bei der Ursachenforschung stieß Trainer Babbel alsbald darauf, dass es „nach dem emotionalen Highlight am Montag nicht leicht gewesen“ sei, gleich am Freitag schon wieder anzutreten. Er räsonierte dann über Spielplanmacher, die er nicht verstehen könne, aber entscheidender war wohl, dass seine Mannschaft es nach der Wende im Spiel nicht mehr schaffte, eine eigene Antwort zu finden. Zumeist flogen lange Bälle nach vorn, die für die „Löwen“ leichte Beute waren. Allerdings war das ein grundsätzliches Problem an diesem Abend.

Im 4-2-3-1-System hatte Babbel das Team formiert, und was in der Theorie so aussieht, als solle es Spielmacher Raffael im Zentrum des offensiven Mittelfeldes alle Freiheiten im Spiel nach vorn offenbaren, entpuppte sich stattdessen zum wiederholten Mal als wenig praktikable Strategie für dieses Ensemble. Viel gelang Raffael und Kollegen auch nicht, weil zum einen dem besten Saisonschützen Adrian Ramos wenig bis nichts glücken mochte. Und zum anderen, weil Lasogga sich an vorderster Front der liebevollen Betreuung von immer gleich zwei Münchner Abwehrspielern erfreute.

Davon abgesehen, dass Hertha durch diese insgesamt sechste Niederlage der Saison den Punkterekord von Hannover 96 aus der Spielzeit 2001/02 (75) nicht mehr wird toppen und auch nicht einstellen können, ist noch nicht viel passiert. Zwar hat Hertha wie beim letzten Aufstieg 1997 das dem Vollzug folgende Heimspiel verloren – damals 0:1 gegen die Stuttgarter Kickers. Doch gelobt Kapitän Andre Mijatovic, dass die Geschichte sich nun nicht wiederholen wird.

„Wir wollen die Meisterschaft nicht noch hergeben, wir haben jetzt noch zwei Spiele, um das klar zu machen.“ Allerdings wird Hertha beim Gastspiel am Sonntag der kommenden Woche im westsächsischen Aue auf zwei Garanten des bisherigen Erfolges verzichten müssen: Raffael und Lasogga sahen jeweils die fünfte Gelbe Karte und sind somit für eine Partie gesperrt.

Schema: Hertha BSC Berlin - 1860 München 1:2 (0:0)

Berlin: Aerts - Lell, Hubnik, Mijatovic, Kobiaschwilli - Niemeyer (79. Domowtschiski), Lustenberger - Ebert (66. Nico Schulz), Raffael, Ramos - Lasogga. - Trainer: Babbel

München: Kiraly - Rukavina, Aygün, Buck, Benjamin Schwarz (56. Schindler) - Stahl, Bülow - Aigner, Halfar (89. Bierofka) - Lauth (90. Rakic), Volland. - Trainer: Maurer

Schiedsrichter: Florian Steuer (Menden)

Tore: 1:0 Lasogga (61.), 1:1 Aygün (64.), 1:2 Buck (70.)

Zuschauer: 57.829

Beste Spieler: Niemeyer, Lell - Kiraly, Aygün

Gelbe Karten: Lasogga (5), Lustenberger (3), Nico Schulz (3), Raffael (5), Lell (6) - Benjamin Schwarz, Buck (4)

Torschüsse: 16:8

Ecken: 4:4

Ballbesitz: 58:42 Prozent