Zuschauer-Boom in Berlin

Jetzt erst recht! Was Herthas Fans antreibt

Mindestens genauso beeindruckend wie die sportliche Souveränität von Hertha BSC ist der Zuschauer-Hype in dieser Saison. Was ist mit dieser Stadt passiert? Zwei Fanforscher analysieren das Phänomen der Berliner Anhänger.

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Claus-Dieter Wollitz weiß, wie es ist, wenn die eigenen Fans sauer sind: Ende letzten Jahres beschimpften die Cottbuser Anhänger ihren Trainer als „Wessi-Arschloch“; Wollitz hatte es gewagt, für einen Verkauf der Namensrechte am Stadion der Freundschaft zu plädieren. Und auch wenn der Westfale wahrlich kein Hertha-Fan ist – noch in der Hinrunde lästerte er über die Berliner Selbstzufriedenheit – weiß er die Entwicklung beim Hauptstadtklub vielleicht gerade deshalb zu würdigen. „Wissen Sie, wofür ich Hertha wirklich bewundere? Dass Hertha die Trendwende zusammen mit den Fans geschafft hat“, so Wollitz Ende Februar in einem Morgenpost-Interview.

Nicht nur Wollitz, ganz Berlin staunt, wie sich die Bilder unterscheiden. Vor einem Jahr schien das Verhältnis zwischen den Hertha-Anhängern und ihrem Verein stark angeknackst. Unvergessen sind die Szenen nach dem 1:2 gegen Nürnberg, als wutentbrannte Fanatiker das Spielfeld stürmten. Und nun in Liga Zwei? Schunkeln 76.000 Arm in Arm bei einem Heimspiel gegen die graue Maus aus Paderborn; hat Hertha im Durchschnitt 43.285 Zuschauer bei Heimspielen und damit mehr als doppelt so viele wie der Zweitbeste Fortuna Düsseldorf; ist der Verein mit Platz 26 der europäischen Zuschauertabelle der erfolgreichste Zweitligist auf dem Kontinent. Sogar Schauspieler Rainer Hunold ist ratlos: „Hilfe, Hertha macht einen Fußballfan aus mir!“ Was ist passiert?

Siege als positives Erlebnis

Die Berliner Fanforscher und Buchautoren Jochen Roose und Jonas Gabler haben das Zuschauer-Phänomen mitverfolgt. Beide sind der Meinung, dass der Aufschwung auf den Rängen im Wesentlichen von drei Faktoren abhängt. Der wichtigste und wohl profanste: sportlicher Erfolg. „Wenn gut gespielt wird, dann kommen die Leute“, sagt Roose. In seinem Buch „Fans – Soziologische Perspektiven“ erklärt der Junior-Professor für Soziologie der FU Berlin, dass Bedürfnisbefriedigung in der Wohlstandsgesellschaft vor allem eine Befriedigung des Bedürfnisses nach positiven Erlebnissen sei. Die gab es bei Hertha genug. Keiner schoss zu Hause so viele Tore (35), und außer einer Schwächephase im November und der Derby-Pleite gegen Union stimmten auch die Ergebnisse. „Die Berliner wollen Tore sehen. Das treibt dann mehr als die 25.000 Hardcore-Fans ins Stadion“, sagt Gabler, Politologe und Autor von „Die Ultras“.

Faktor Zwei: die Reaktion der Fans. Als Hertha am 33. Spieltag der vergangenen Saison nach dem 1:1 in Leverkusen endgültig abgestiegen war, sangen einige der Mitgereisten zur Melodie von John Denvers „Country Roads“: „Oh BSC, wir sind da, jedes Spiel, ist doch klar. Zweite Liga tut schon weh, scheißegal, oh BSC!“ Auch wenn dieses Chanson landauf landab für jede Fahrstuhlmannschaft, deren Vereinskürzel sich auf „E“ reimt, angestimmt wird, verdeutlichte es die Jetzt-erst-recht-Attitüde des Berliner Anhangs. „Die Fans sind zusammengerückt“, sagt Gabler. Der Abstieg sei eine Zäsur gewesen und habe eine Mischung aus Trotz und Begeisterung entfacht. Ein typisches Phänomen bei Fans in Zeiten des Misserfolgs. Ein Anteil daran habe das Fanprojekt „Förderkreis Ostkurve“, aber auch das verbesserte Image des Vereins – Faktor drei.

Denn Hertha ist wieder ein Verein, mit dem das anspruchsvolle Berliner Publikum sich identifizieren mag. Vorbei die Zeiten des Missmanagements, keine wilden Transfers mehr wie zu Zeiten von Dieter Hoeneß. Trotz 31 Millionen Euro Schulden ist der Klub konsolidiert. Und auf dem Platz steht ein Team mit Perspektive: Junge Talente wie Pierre-Michel Lasogga, die sich längerfristig an den Verein binden wollen und keine Zugvögel mit Star-Allüren. Roose vermutet gar eine neue Generation von Fans, die durch die positiven Erfahrungen mit Hertha emotional gebunden wurden. In der Soziologie lässt sich das mit der „Rational-Choice-Theorie“ erklären: Dieser zufolge wägen die Berliner bewusst ab, welche Freizeitaktivität ihnen den größten Nutzen, das größte physische Wohlbefinden, bereitet. „Da hat sich Hertha BSC dieses Jahr gegen die anderen großen Sportvereine behauptet“, sagt Roose. Das Olympiastadion als Wohlfühl-Oase – natürlich hat der Verein selbst einiges dafür getan, dass die Leute kamen. „Maßnahmen wie die Aktion Traumkulisse gegen Paderborn sind gut angekommen“, weiß Gabler. Tatsächlich könne man mit niedrigen Ticketpreisen wie in Liga Zwei punkten.

Tickets jetzt wieder ein Viertel teurer

Stellt sich die Frage, ob das in der Bundesliga so bleiben wird. Seit Dienstag sind Dauerkarten für die nächste Saison erhältlich. Eine Stehplatzdauerkarte in der Ostkurve kostet dann 169 statt 129 Euro – das ist eine Preissteigerung von fast 25 Prozent. Dazu wird es sportlich erheblich schwerer. Bei Hertha ist man dennoch zuversichtlich. „Warum sollten nächste Saison weniger kommen?“, fragt Sprecher Peter Bohmbach. Auch Gabler sieht Herthas Zukunft optimistisch: „Bei den Leuten hat die Saison Spannung erzeugt, sie wollen wissen, wie es weitergeht“, sagt er. Roose dagegen ist skeptisch: „Kein Hype kann ewig aufrechterhalten werden. Die Berliner sind schnell zu begeistern, aber auch schnell wieder weg.“ Noch sind sie erst mal da. Beim heutigen Spiel gegen 1860 München werden wieder mehr als 70.000 erwartet, das Saisonfinale gegen den FC Augsburg ist bereits ausverkauft.

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