Ligameisterschaft

Hertha bleibt nach Aufstieg siegeshungrig

Den Aufstieg in die Bundesliga hat Hertha geschafft – wie vor 14 Jahren. Damals folgten dem Triumph allerdings drei Niederlagen. Diesmal soll es anders werden, Meisterschaft und Punkterekord sollen her.

Pal Dardai ist Fußballprofi im Vorruhestand, aber schon einige Male hat er sich außerdem durch außergewöhnliches prophetisches Talent hervorgetan. Jetzt darf der Ungar, Rekordspieler von Hertha BSC mit 296 Einsätzen, wieder einmal behaupten, dass er es ja schon viel früher gesagt hat – und zwar genau so: „Hertha wird drei Spieltage vor Schluss als Aufsteiger feststehen. So wie damals, in der Saison 1996/97 unter Trainer Jürgen Röber.“ Am 3. März hat Dardai in einem Interview diese Prognose gestellt. Was damals noch eine recht kühne Vorhersagung schien, ist nun am Ostermontag durch ein 1:0 in Duisburg freudige Realität geworden: Hertha BSC steht als Aufsteiger fest – drei Spieltage vor Saisonende.

Zwischen Dardais Ankündigung und dem Vollzug durch seine Teamkollegen lagen sieben Spiele, sechs davon hat die Mannschaft gewonnen und keines verloren (ein 1:1 in Ingolstadt trübt die Bilanz ein wenig). „Es ging auf einmal ganz schnell“, scheint Mittelfeldspieler Peter Niemeyer fast ein wenig über sich selbst und die Leistung des Hauptstadt-Klubs zu staunen. Entscheidend für den fulminanten Schlussspurt ins Ziel erachtet das Gros der Protagonisten, darunter Manager Michael Preetz, die Partie in Bochum. Durch den Sieg schwoll der Vorsprung auf den Tabellendritten von vier auf sieben Punkte an; bei einer Niederlage hätte die beiden Vorjahresabsteiger nur noch ein Pünktchen voneinander getrennt – mit dem psychologischen Vorsprung dann sicher auf Seiten der von Friedhelm Funkel trainierten „Aufholjäger“.

Der Schrecken blieb ein theoretischer. Tatsächlich darf Berlin schon jetzt, Ende April, seine Hertha feiern. Sie hätten, sagt Preetz „alle geträumt von einem solchen Szenario – doch wir konnten nicht davon ausgehen, dass es auch so kommt“. Aber mit dem Selbstbewusstsein eines Aufsteigers stellt Pierre-Michel Lasogga fest: „Wir waren der Konkurrenz immer voraus. Aber erst recht in den wichtigen Momenten haben wir gezeigt, was wir können. Wenn die anderen gepatzt haben, haben wir die Ernte eingefahren.“

77 Punkte wären Rekord

Somit ist es genau wie von Dardai angenommen genau wie vor 14 Jahren gekommen. In einem aber soll sich die umjubelte Gegenwart von der Vergangenheit unterscheiden. „Wir wollen die Saison ‚in style' beenden“, sagt Torwart Maikel Aerts. Anständig also, einem Aufsteiger und Zweitliga-Meister angemessen. Also nicht wie 1997, als Hertha im Spiel eins nach der Qualifikation zur Bundesliga zu Hause den Stuttgarter Kickers 0:1 unterlag und anschließend auch in Jena (1:2) und gegen Uerdingen (0:2) keinen Punkt mehr holte. „Warum sollen die letzten drei Spiele uns jetzt egal sein?“, fragt Aerts und liefert die Begründung gleich selbst: „Wir wollen Meister werden, und das mit so vielen Punkten wie möglich.“ Im Idealfall, also bei noch drei Siegen, können es am Saisonende deren 77 sein. Das würde einen Rekord in der Zweiten Liga bedeuten; die bislang gültige Bestmarke von 75 hat in der Saison 2001/02 Hannover96 aufgestellt (siehe Grafik). Um diesen Wert zumindest einzustellen, braucht Hertha zwei Siege und ein Unentschieden. In diesen Fällen hätte Hertha auch mehr Siege als jeder andere Zweitligist zuvor auf dem Konto; 22 schaffte Hannover in seinem Meisterjahr. „Wir wollen alle Rekorde, die möglich sind, und damit die Saison vergolden“, sagt Mittelfeldspieler Patrick Ebert.

Dass die dreiwöchige Tour d'Honneur durch das Unterhaus zu einem Auslaufen auf der Ehrenrunde geraten kann, glaubt er nicht. Zwar hätten sie ihr primäres Ziel nun schon erreicht, „aber dafür haben wir jetzt auch keinen Druck mehr, können befreit und mit Spaß Fußball spielen“. Zu sehen bekommen sollen und wollen das am Freitag rund 70.000 Fans, die gegen 1860 München im Olympiastadion erwartet werden – und die wohl nichts anderes erwarten werden als „100 Prozent Leistung von und einen Sieg für uns“, ahnt Lasogga. Wie die Zeiten sich geändert haben: Vor 14 Jahren wollten Herthas ersten Auftritt nach dem perfekt gemachten Aufstieg nur 23300 Fußballfreunde sehen. 70.000 – diese für Zweitliga-Verhältnisse ganz und gar außergewöhnliche Zahl erstaunte Torwart Aerts schon Anfang April gegen Paderborn. Nun sieht er darin erneut eine Verpflichtung: „Unsere Fans sind super. 70.000 Zuschauer – das ist eine Zahl für ein WM-Finale, aber normalerweise nicht für die Zweite Liga.“

Würdiger Abschied für Dardai

Der ungeheure Zuspruch bedeutet aber natürlich auch eine Verpflichtung. Am Mittwoch hat der Hauptstadt-Klub mit dem Vorverkauf von Dauerkarten für die Anfang August startende Bundesliga-Saison 2011/12 begonnen. Nach 14.500 verkauften Jahrestickets in Liga zwei hofft der Klub, den einen oder anderen nach dem Abstieg verloren gegangenen Stammkunden zurückgewinnen und eine Liga höher wieder auf einen Wert im Bereich der üblichen 18.000 Dauerkarten-Inhaber zu kommen. Da empfiehlt es sich aktuell nicht, Spiele lustlos abzuschenken. Der Fairplay-Gedanke gegenüber der Konkurrenz tut ein Übriges, „könnte ja sein, dass von unserem Ergebnis am letzten Spieltag gegen Augsburg abhängt, ob sie oder doch noch Bochum oder Fürth direkt aufsteigen“, hat Trainer Markus Babbel unverändert das große Ganze im Blick. Er wird also mitnichten die verbleibenden drei Partien für personelle Extravaganzen missbrauchen. Eines aber, und dafür muss man kein Prophet sein, wird die komfortable Ausgangslage zulassen: dass Rekordspieler Pal Dardai ein würdiger Abschied von Hertha BSC gewährt werden kann.

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