Talentsichtung

Hertha erteilt Hoffenheims Chefscout Hausverbot

Hertha BSC hat den Talentespähern der TSG Hoffenheim Hausverbot erteilt. Sie sollen sich schlecht benommen und Hertha als "Stasi-Verein" bezeichnet haben. Der Kampf der Profi-Vereine um den Nachwuchs wird immer härter.

Foto: picture-alliance / GES-Sportfoto/GES/Helge Prang

Nein, um die Ecke residiert der neue Verein nicht. 617 Kilometer trennen Hertha BSC und die TSG 1899 Hoffenheim. Eine ungewöhnliche Entfernung für den Wechsel zweier so junger Fußballspieler. Wegen dieser Talente (14 und 15 Jahre alt/Namen sind der Redaktion bekannt) eskaliert nun der heftige Streit zwischen den Klubs. Die neueste Wendung ist ein geharnischter Brief, den der Tabellenführer der Zweiten Liga an den Erstligisten geschickt hat. Die Protestnote gipfelt in einem Hausverbot, das Hertha gegen Wolfgang Geiger, den Nachwuchs-Chefscout der Hoffenheimer, sowie gegen sämtliche Mitarbeiter der Scouting-Abteilung der TSG ausspricht. Das Verbot gilt für den gesamten Olympiapark und die Geschäftsstelle von Hertha BSC.

Begründet wird die Maßnahme mit unflätigen Beschimpfungen, die Geiger gegenüber Hertha-Mitarbeitern sowie dem Klub getätigt haben soll. Der Vorfall fand am 16. März im Poststadion bei einer Spielersichtung statt. Dort unterhielten sich Herthas Nachwuchsscout Wolfgang Damm und ein Spielerberater über die Abwerbung der Talente eben nach Hoffenheim. In dieses Gespräch sei Geiger mit Bemerkungen geplatzt wie „Die große Hertha macht sowieso nur Scheiße“ oder „Die Spieler haben alles richtig gemacht.

Was bildet sich Hertha ein, dieser Stasi-Verein“. Das war dann zu viel für den Hauptstadt-Klub. Als historisch absurd, geschmacklos und nicht entschuldbar wiesen die Berliner die Äußerung zurück. Dass Hertha ein Verein aus dem früheren Westteil der Stadt ist, wird auch in Baden-Württemberg zur Allgemeinbildung gehören. Zudem haben die Berliner in ihrem Vereinsleitbild verankert, dass sie für Toleranz stehen und gegen Fremdenfeindlichkeit sowie Totalitarismus sind.

Immerhin, für die Beleidigungen entschuldigt sich Ernst Tanner, Manager der TSG, bei den Berlinern: „Mir wurde berichtet, es sei die Formulierung gefallen: Hertha arbeite mit Stasi-Methoden. Das war ein Ausrutscher in einem Streitgespräch. Aber das will ich nicht kleinreden. Das können wir nicht gutheißen.“

Grundsätzlich stellt sich beim Thema Nachwuchs die Frage, ob Hertha wie eine verschmähte Geliebte reagiert, zumal auch der Aufstiegsanwärter die Toptalente der Region zum Teil von anderen Klubs holt. „Wir stellen uns dem Wettbewerb“, sagt Hertha-Manager Michael Preetz. „Was wir aber nicht hinnehmen, sind die Auswüchse einer immer rüder werdenden Abwerbepraxis mancher Vereine.“

Stuttgart schließt Öffentlichkeit vom Training aus

Ursprünglich hatten die deutschen Profiklubs vereinbart, sich untereinander den Nachwuchs nicht abspenstig zu machen. Die TSG 1899, der vom Milliardär Dietmar Hopp großzügig unterstützte Retortenklub, dessen Jugendabteilung kaum mit der von Bundesliga-Traditionsklubs verglichen werden kann, hält sich nicht daran. Doch das ist kein Hoffenheimer Phänomen. Die meisten Klubs haben bereits gegen diese Übereinstimmung verstoßen.

Aber auch Fredi Bobic, Manager beim VfB Stuttgart, sagt: „Die Beziehung zwischen Stuttgart und Hoffenheim ist eine spezielle. Allein deshalb, weil Ralf Rangnick nach seiner Zeit in Stuttgart sehr genau wusste, wer vom VfB für ihn in Hoffenheim interessant ist.“ Grundsätzlich konstatiert Bobic: „Sie werden immer dreister, und es geht um immer jüngere Spieler. Die Schmerzgrenze fällt immer tiefer.“

So gebe es in Stuttgart bereits bei der C- oder B-Jugend Trainingseinheiten mit auffallend vielen Zuschauern, von denen die wenigsten Eltern sind. Scouts anderer Vereine halten Ausschau nach möglichen Verstärkungen. Zudem haben die Berater ihr Tätigkeitsfeld längst auf Jugendliche, zum Teil auf Kinder ausgeweitet. „Wir beim VfB werden wohl das Trainingsgelände für Besucher schließen. Damit der Nachwuchs wenigstens in Ruhe arbeiten kann“, sagt Bobic. Auch bei den Jungen, die von Berlin nach Hoffenheim wechseln werden, waren Agenten beteiligt. So werden beide Jungspunde von der International Soccer Consulting betreut, deren Chef Michael Becker ist. Bekanntester Kunde der Agentur: Michael Ballack.

„Wir haben diese Leute fast täglich auf dem Gelände“, sagt Hertha-Manager Preetz. Zum Teil werde aggressiv auf die Jungen zugegangen. „Wir müssen die Arbeit der Nachwuchszentren schützen. Das ist kein Berliner Problem, sondern ein grundsätzliches.“

TeBe-Trainer wechselt als Scout zu Hoffenheim

Am aktuellen Beispiel fällt auf, wie bundesweit vernetzt manche Vereine sind. Ursprünglich hatte Hertha dem Duo Förderverträge vorgelegt, um sie langfristig zu binden. Diese Verträge dürfen die Schüler mit 15 unterschreiben (mit den Eltern), mit 16 treten sie in Kraft. Die gebürtigen Berliner hatten um Bedenkzeit gebeten – und am letzten Tag der Frist den Berater erklären lassen: Danke, aber die Jungs wechseln im Sommer nach Hoffenheim. Dazu sagt TSG-Manager Tanner: „Ich sehe das auch mit einem weinenden Auge. Aber es ist so, dass es diesen Wettlauf gibt. Es ist üblich, Talente zu verpflichten – bevor sie fördervertraglich gebunden sind.“ Daraufhin hat Hertha die Beiden vom Training freigestellt und aus der Maximalförderung gestrichen. Begründung: Intensive Betreuung, inklusive Nachhilfeunterricht lassen wir denen zukommen, die bleiben wollen.

Damit die Talente nicht ohne Training sind, sollen sie sich zeitnah in der C-Jugend des Konkurrenten Tennis Borussia bis zum Sommer fit halten. Deren Trainer heißt Andreas Beese, ein seit 35 Jahren im Berliner Jugendfußball angesehener Fachmann. Vom 1. Juli an erhält der einen neuen Job: Beese wird Honorarscout, verantwortlich für Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Sein künftiger Arbeitgeber: die TSG Hoffenheim. Einen Bogen wird er um das Hertha-Gelände machen müssen, auch für Beese wird das Hausverbot gelten.

Das Problem zwischen Jugendschutz und maximaler Förderung können die Profiklubs nur selbst lösen. Am Dienstag sitzen sie zusammen: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat nach Mönchengladbach geladen. Thema: Bilanz nach zehn Jahren der Leistungszentren im deutschen Profifußball. Der aktuelle Streit zwischen Hertha und Hoffenheim ist dort bekannt. Die Berliner haben eine Kopie ihres Protestbriefes an die DFL geschickt.

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