Hertha / Union

Zwei Torwart-Legenden benoten ihre Nachfolger

Volkmar Groß machte sich einst als Torhüter bei Hertha einen Namen, Wolfgang Matthies wurde bei Union eine Legende zwischen den Pfosten. Im Interview mit Morgenpost Online sprechen die Ex-Keeper über die Torhüterproblematik ihrer ehemaligen Vereine.

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Zwei Klubs, zwei Torwart-Legenden: Im großen Morgenpost-Interview diskutieren Volkmar Groß und Wolfgang Matthies über die Torhüter ihrer Vereine, Hertha BSC und 1. FC Union. Viel Gesprächsstoff nach ereignisreichen Wochen, in denen sich die Berliner Schlussmänner so manchen Fehler leisteten.

Morgenpost Online: Sowohl bei Hertha als auch bei Union war das Thema Torhüter in den vergangenen Wochen sehr präsent. Hatten Sie solche Diskussionen vor der Saison erwartet?

Volkmar Groß: Vielleicht nicht in dem Maße, aber: ja. Ich bin der Meinung, wenn man eine Mannschaft aufbaut, gibt es eine Achse. Torwart, Verteidigung, Mittelfeld, Stürmer. Hertha ist überall stark besetzt, sogar doppelt. Nur beim Torwart habe ich einen Schwachpunkt gesehen. Das kam allerdings vielleicht auch aus der Unkenntnis, ich hatte von Maikel Aerts noch nichts gehört vorher. Dann hat er zunächst ja auch sehr gut gehalten. Ein Torwart macht immer Fehler, das passiert. Es wäre auch nicht weiter schlimm. Aber Hertha ist unter so einem Druck, da kann man sich das einfach nicht leisten.

Morgenpost Online: Und Sie, Herr Matthies? Jan Glinker saß zunächst recht sicher im Sattel…

Wolfgang Matthies: …ja, und dann hat der Verein den jungen Marcel Höttecke geholt. Und ich bin nicht der Meinung, dass es eine Krise auf der Torwartposition gibt. Ganz im Gegenteil, ich finde, Höttecke hat gute Leistungen geboten. Sicher kann man von ihm noch keine Wunderdinge erwarten. Er wird in eine Mannschaft geworfen, die gegen den Abstieg kämpft. Ich verstehe die Diskussion nicht.

Morgenpost Online: Dann haben Sie jetzt die Chance, Ihren Nachfolgern ein gutes Zeugnis auszustellen, wenn Sie mögen. Welche Schulnoten würden Sie bisher verteilen?

Groß: Drei minus.

Matthies: Ich würde eine zwei vergeben.

Morgenpost Online: Dennoch sind unbestritten Fehler gemacht worden, die Frage ist nur von wem. Nur von den Torwarten? Oder auch von den Trainern oder Managern?

Groß: Nein, ich finde es gut, dass Markus Babbel Maikel Aerts jetzt das Vertrauen geschenkt hat. Er nimmt ja auch nicht gleich Raffael raus. Aber: Meine Meinung ist ganz klar, dass von Anfang an Sascha Burchert hätte im Tor stehen müssen. Babbel und Michael Preetz haben junge Spieler gebracht, alles super. Nur auf der Torhüterposition spielt ein 34-Jähriger. Ich will wirklich nicht schlecht über Aerts reden. Aber wenn man eine Verjüngungskur macht, dann sollte man das komplett machen. Deshalb war es auch ein schlechtes Signal, als nach Aerts Verletzung Marco Sejna im Tor stand.

Matthies: Noch mal: Ich finde, dass beide Torhüter einen guten Job machen. Aber es fehlt vielleicht ein klares Bekenntnis von Uwe Neuhaus, das kann zu Unsicherheiten führen. Es ist Sache des Trainers, da wieder Ruhe rein zu bringen.

Morgenpost Online: Herr Groß, sie äußerten zuletzt den Eindruck, Maikel Aerts sei nicht ganz fit.

Groß: Ja, es hat den Anschein, dass die Pause ihn zurückgeworfen und ihm Selbstvertrauen genommen hat. Ich weiß wie das ist, wir haben alle mal Verletzungen gehabt. Man hat noch nicht dieses 150-Prozent-Gefühl. Nichts geht automatisch. Ich glaube, dass ein Teil seiner Unsicherheit daher kommt.

Morgenpost Online: Beim Torhüter wiegt der Verlust des Stammplatzes schwerer als bei einem Feldspieler. Haben Sie früher auch Verletzungen kleingeredet, um den Platz zu behalten?

Groß: Ich habe die letzten zwei Jahre, als ich in den USA gespielt habe, mit meinem Knie keinen Abschlag mehr machen können. Das musste dann ein Feldspieler übernehmen. Durch so etwas geht man durch, um drinzubleiben. Man wird leicht als Mimose verschrien. Aber meine Erkenntnis ist: Man sollte sich auskurieren.

Matthies : Ich bin auch einmal nach einer Meniskusoperation zu früh ins Tor gegangen. Da konnte ich auch keine Abstöße machen. Gesagt habe ich nichts. Und das war falsch. Aber das macht jeder Spieler durch, der Angst um seinen Platz hat.

Morgenpost Online: Wie viel sicherer geht man als Keeper denn in ein Spiel, wenn man weiß: Ich bin die unumstrittene Nummer eins?

Matthies: Wenn du weißt, ich stehe auch nächste Woche im Tor, egal was passiert, spielst du automatisch besser. Sonst gehst du unsicher ins Spiel.

Morgenpost Online: Uwe Neuhaus gibt auch jetzt noch kein klares Bekenntnis zu Marcel Höttecke ab.

Matthies: Das ist nicht hilfreich.

Groß: Man sollte ihm eine gewisse Chance geben, ohne die Situation des Vereins aus den Augen zu verlieren.

Morgenpost Online: Herr Groß, blicken Sie jetzt neidisch nach Köpenick, wo der jüngere Torhüter spielt?

Groß: Neidisch nicht, aber es sollte bei Hertha auch so sein. Ich halte Maikel für einen tollen Typen und sehr wichtig für die Mannschaft. Aber der Verein steht für mich über der Person.

Morgenpost Online: Die Frage, um die sich alles dreht ist: Wie viele Fehler darf sich ein Torhüter erlauben, bis der Trainer reagieren muss?

Matthies: Als Stammtorhüter kannst du dir zwei schwache Spiele erlauben. Beim dritten muss der Trainer anfangen nachzudenken.

Morgenpost Online: Wie weit ist Maikel Aerts, wie viele Kerben hat er schon?

Groß: Er hat noch keine Kerben. Nicht wegen der Freistöße, das kann passieren. Was mich mehr gestört hat, war die schlechte Absprache zwischen Abwehr und Torwart. Der Torwart ist für mich der ruhende Pol, der Regisseur. Er hat das ganze Spiel vor sich. Und da vermisse ich die klaren Anweisungen und die Beherrschung des Fünfmeterraums.

Morgenpost Online: Verunsichert der Torwart die Mannschaft oder umgekehrt?

Groß: Es fängt beim Torwart an. In einem Verein, der nicht ganz so gut ist, kannst du als Torwart doch nur glänzen. Wenn du bei einem guten Klub spielst, stehst du hintenrum. Aber dann musst du erst recht Einfluss auf das Spiel nehmen, dirigieren.

Morgenpost Online: Sehen Sie das ähnlich, Herr Matthies?

Matthies: Ja, wobei ich sagen kann: Wir standen nie oben, ich habe immer zu tun gehabt (lacht).

Morgenpost Online: Die Berliner Medien haben die Torhüter stark kritisiert. Als Folge gibt Hertha BSC nun keine Interviews mehr.

Groß: Ich finde es unangemessen, auf einen Einzelnen draufzuschlagen. Wenn das Team Aerts jetzt schützt, zeigt das von Mannschaftsgeist. Das imponiert mir.

Morgenpost Online: Sind Sie früher auch hart angegangen worden, vielleicht auch von Fans? Damals war der Draht wohl noch direkter.

Matthies: Natürlich. Du wirst immer angemacht, wenn du schlecht hältst. Daran hat sich nichts geändert. Da musst du durch.

Morgenpost Online: Schauen wir mal ein bisschen in die Zukunft. So Hertha aufsteigt: Ist Aerts dann immer noch der richtige Mann?

Groß: (überlegt). Nein. Ich bin der Meinung, dass es für ihn dauerhaft in der Bundesliga schwer wird. Er wäre ein guter zweiter Mann.

Morgenpost Online: Herr Groß, 1969/70 wechselten Sie sich immer nach zwei Spielen mit Gernot Fraydl ab. Ein Modell für Burchert/Aerts?

Groß: Schwere Frage. Es ist damals gut gegangen für ein Jahr. Fraydl hat das nervlich am Ende nicht mehr ausgehalten, das hat man mir zumindest erzählt. Hätten wir das ein zweites Jahr so gemacht, wäre einer daran zerbrochen.

Morgenpost Online: Also bleibt der Torwart am Ende doch immer ein Sonderling, gewissermaßen der Unberührbare?

Groß: Absolut. Man wird immer eine klare Nummer eins brauchen.