Zweite Liga

Hertha hat neue Maßstäbe - und Baustellen

49 Punkte, 49 Tore: Gegen Aachen zeigte das Team von Hertha 90 Minuten Topfußball. Trainer Babbel ist von seiner Mannschaft zwar überzeugt, sieht aber noch einige Baustellen.

Also sprach Markus Babbel. Der Trainer von Hertha BSC hatte ein gutes Spiel der Seinen gesehen, ein sehr gutes sogar, und so wagte er nach dem 5:0 der Berliner bei Alemannia Aachen dieses grundsätzliche Urteil: „Wenn wir so spielen, sind wir schwer zu schlagen.“ Und damit nicht aufzuhalten auf dem Weg zurück in Liga eins. Nicht von Bochum, nicht von Augsburg, von niemandem.

Tatsächlich unterschied sich der Auftritt vom Sonnabend in einer wesentlichen Form von allen vorangegangenen. Bis dahin agierte die Mannschaft in dieser Saison entweder komplett schlecht oder nur abschnittsweise gut, was mal trotzdem zu Siegen reichte und mal eben auch nicht. Konstanz war selten, Dominanz erst recht. Es sei denn, sie spielte sich in einen Rausch, wie nach schlechter erster Halbzeit beim 6:2 in Karlsruhe. Beeindruckend am Auftritt am Tivoli war nun, wie jede bloße Andeutung von Aachener Stärke konsequent unterbunden wurde.

Die Mannschaft profitierte diesmal nicht von einem sich aufgebenden Gegner. Sachlich und souverän hielt das Kollektiv die Alemannia auch nach dem 3:0 zur Pause weiter nieder; auch nach dem 5:0 nach einer Stunde ließ das Team nicht nach. Strebte nach weiteren Toren, die sich nur nicht mehr auch einstellen wollten. „Es war ein sehr gutes Spiel meiner Mannschaft“, lobte Babbel: „Sie hat die Zweikämpfe gut angenommen und für sich entschieden, sie hat einen guten Mix gefunden aus Defensive und Offensive. Sie hat alle Vorgaben hervorragend umgesetzt.“

So eine Leistung wird auch für Hertha BSC nicht beliebig wiederholbar sein. Aber sie dient doch als Maßstab, an dem das unstete Ensemble sich in den in dieser Zweitliga-Saison verbleibenden zehn Spielen wird messen lassen müssen. So gut, so stark kann diese beste Mannschaft der Liga spielen. Wenn alle mitmachen, konzentriert sind und entschlossen. Oder darf Hertha sich nach dieser Demonstration der Stärke bereits als Aufsteiger fühlen? Geht es nach den Zahlen im neuen Jahrtausend: ja. Beginnend mit der Saison 2000/01 ist bis jetzt jeder Tabellenführer des 24. Spieltages auch aufgestiegen. Mit dem 5:0 von Aachen liegen die Berliner also auf Kurs – doch fünf Fragen bleiben offen:

Warum tut sich Hertha auswärts leichter als im Olympiastadion?

Der Sieg in Aachen war der vierte im vierten Auswärtsspiel des Kalenderjahres. 17:4 lautet die imposante Torbilanz auf fremden Plätzen. Dagegen stehen aus drei Heimspielen ein Sieg, ein Remis und eine Niederlage zu Buche. Trainer Babbel reklamiert für seine Mannschaft, diese habe es im Olympiastadion nicht immer leicht, der riesigen Erwartungshaltung der Fans zu entsprechen. Gleichzeitig betreibt der Klub aber die „Aktion Traumkulisse“, um die explizit von Babbel geäußerte Sehnsucht nach „70.000 Zuschauern im Heimspiel gegen Paderborn“ zu erfüllen.

Eher schon als die Heimschwäche erklärt sich die Auswärtsstärke, nämlich derart, dass Herthas Gegner ihrem Publikum im eigenen Stadion wenigstens einen großen Fight gegen den Favoriten liefern wollen. Wie die Aachener, die auf Gedeih und Verderb mitspielen wollten, auch beim Stand von 0:4 noch. „Dadurch hatten wir Räume für unser Spiel“, sagte Pierre-Michel Lasogga, „und haben unsere Chancen gnadenlos genutzt.“

Ist Torwart Aerts wieder der Alte?

Das Spiel nahe der Grenze zu seinem Heimatland war wie eine 90-minütige Wohlfühlpackung für den Niederländer Maikel Aerts. Nach einem unnötig scharfen Rückpass von Andre Mijatovic signalisierte der Kapitän mit erhobenen Händen: Sorry, Kollege. Hernach drückten sie ihn alle an sich – Mitspieler, Trainer Babbel und mit Christian Fiedler besonders innig jener Torwarttrainer, der als der Entdecker und intern größter Fürsprecher des Niederländers gilt. Doch was sagt das erste zu Null im Jahr 2011 wirklich aus über den in den vorigen Spielen merklich unsicheren Aerts? Babbel lobte seinen Keeper für „eine starke und souveräne Leistung“, hielt aber auch fest: „Der ganze Defensivverbund hat ein sehr gutes Spiel gemacht.“ Das folgende Heimspiel gegen Frankfurt am Freitag wird zeigen, ob der Niederländer auch vor dem Berliner Publikum wieder bestehen kann.

Wohin nun mit Regisseur Raffael?

Inmitten der Berliner Tor-Explosion geriet beinahe in den Hintergrund, dass die fünf Treffer auch ohne Beteiligung des wichtigsten Spielers zustande gekommen waren. Spielgestalter Raffael war wegen einer verhärteten Wade in Berlin geblieben. Doch es bewahrheitete sich Babbels These, wonach Hertha „auch viele andere gute Spieler“ habe, „die Raffaels Ausfall ausgleichen können“. Dabei hatte sich noch in Karlsruhe ein verunsichertes Ensemble nach schwacher erster Halbzeit an dem Brasilianer aufgerichtet. Die ersten drei Tore auf dem Weg zum 6:2 hatte samt und sonders Raffael erzielt. In Aachen verteilte sich die Offensivausbeute nun auf vier verschiedene Schützen (Ramos traf doppelt, Lasogga, Rukavytsya und Lustenberger je einmal) und fünf Assistgeber quer durch alle Mannschaftsteile (Ramos, Lasogga, Rukavytsya, Niemeyer, Lell). Wohin also mit Raffael, wenn der Freitag gegen Frankfurt ins Team zurückkehren kann? Im defensiven Mittelfeld, von wo aus der Brasilianer zuletzt am stärksten war, gaben Lustenberger und Niemeyer keinen Anlass zu einem Wechsel. Auch die Flügelzange mit dem Linksfuß Rukavytsya endlich einmal links und Patrick Ebert rechts wirkte belebend, vorn sind Ramos (zehn Saisontore) und Lasogga (acht) ohnehin gesetzt. So steht Trainer Babbel die Lösung eines Luxusproblems bevor, die so aussehen könnte, dass Raffael erst als kreativer Einwechselspieler zum Zuge kommt, wenn die Kollegen den Gegner schon eine Stunde lang müde gelaufen haben.

Ist Ebert der bessere Ronny?

Den traurigen Tag für die Familie de Araujo perfekt machte Raffaels Bruder Ronny. Der musste volle 90 Minuten lang von draußen zusehen. Statt seiner hatte es zum ersten Mal in dieser Saison nach seinem im Sommer erlittenen Kreuzbandriss Patrick Ebert geschafft. Und der 23-Jährige war, was Lauf- und Einsatzfreude betrifft, auf Anhieb wertvoller als der oft phlegmatische Ronny, dem pro Spiel meist zwar ein, zwei sehenswerte Zuspiele gelingen – aber darüber hinaus eben auch nicht recht viel mehr. An Ebert beeindruckte außerdem wie beim gesamten Team, wie sachlich er seinen Vortrag auch nach dem deutlichen Spielstand hielt.

Knackt Hertha BSC den Tor-Rekord in der Zweiten Liga?

49 Punkte gehen nach 24 Spielen einher mit 49 erzielten Treffern – etwas mehr als durchschnittlich zwei pro Spiel also. Ein starker Wert, aber noch beeindruckender sind die 24 Tore, die Hertha in sieben Spielen der Rückrunde schon erzielt hat. Schon wenigstens zweimal – in Karlsruhe und Aachen, teilweise auch beim 4:2 gegen Düsseldorf – erfüllte sich Babbels vor Start der Rückrunde geäußerter Wunsch, „dass wir auch einmal klar und deutlich gewinnen“. Durchschnittlich kam die torfreudigste Mannschaft in den Rückserien des vergangenen Jahrzehnts auf 36 Treffer. Nur ein Dutzend Einschüsse muss Hertha in den verbleibenden zehn Partien also noch gelingen. Den einsamen Rekord, seit das Bundesliga-Unterhaus mit 18 Mannschaften spielt (seit 1993), markierte 2001/02 Hannover 96, das als souveräner Zweitliga-Meister 93 Tore zeitigte, 44 davon in der zweiten Saisonhälfte und 75 Punkte erspielte. Da gilt für Hertha im Saison-Endspurt: Es ist nie zu spät für hohe Ziele.