Auswärtssieg

Hertha erobert den Aachener Tivoli

Mirt einem wahren Schützenfest hat Hertha BSC Berlin in Aachen seine Aufstiegs-Ambitionen untermauert. Das Team von Markus Babbel zeigte exzellenten Konterfußball. Trotzdem: Die Euphorie bleibt gedämpft.

Eine rauschende Feier sieht anders aus. Wie die Spieler von Hertha BSC nach 90 Minuten im Regen über den Rasen des Tivoli stapften, wie sie hier einen wohlwollenden Klaps verteilten und da eine Umarmung stattfand, da mutete die Szenerie nach dem Schlusspfiff eher wie nach einem tor- und trostlosen Kick an. Und auch wie sie sich dann vor ihren mitgereisten 1200 Fans aufreihten, ihnen applaudierten und für die Unterstützung dankten, wirkte eher geschäftsmäßig – aber passte doch zu einem zuvor zwar souveränen, doch eben auch sehr sachlichen Vortrag gegen Alemannia Aachen, der ein in dieser Höhe verdientes 5:0 (3:0) zeitigte.

„Klar, so macht Fußball Spaß“, sagte Pierre-Michel Lasogga – und dass er diesen Satz am Samstagnachmittag wagte, war schon bemerkenswert. Denn wie angespannt die Lage beim Tabellenführer der Zweiten Liga ist, wie empfindlich der zum Bundesliga-Aufstieg verdammte Verein auf die ihn umgebenden Strömungen reagiert, wurde in den Katakomben deutlich. Einzig Lasogga gab ein kurzes Fernsehinterview – um, wie es von Vereinsseite hieß, „eine Grundversorgung für die Medien zu gewährleisten“. Ansonsten aber schweigt das kickende Personal und will das auch für eine Weile so beibehalten.

Spieler stehen hinter Torwart Aerts

„Die Mannschaft sagt nichts mehr, weil sie sich auf ihren Auftrag konzentrieren will, den Aufstieg“, teilte Trainer Markus Babbel mit. Dies allerdings ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Spieler wollten mit ihrer Maßnahme außerdem dokumentieren, dass sie sich hinter Torwart Maikel Aerts gestellt haben, „einen aus ihren Reihen“, der sich im Nachlauf des 2:2 gegen Cottbus, so Babbel, „übelste Kritik“ habe gefallen lassen müssen.

Dieser „sehr schlechte Torwart“ Aerts – Babbel fand solchen Sarkasmus in der offiziellen Pressekonferenz angebracht – spielte am Sonnabend nun keine Rolle. Abgeschirmt von einem samt und sonders soliden Deckungsverbund bekam der Niederländer nahe der Grenze zu seiner Heimat nur zwei Bälle auf sein Tor, beide harmlos obendrein. Die Innenverteidiger Roman Hubnik und Andre Mijatovic verurteilten Toptorschütze Benjamin Auer (15 Saisontreffer) vor 20758 Zuschauern ebenso zur Wirkungslosigkeit wie Topscorer Zoltan Stieber (sechs Tore, 14 Vorlagen). Vor diesen beiden Abräumern ließen Fabian Lustenberger und anfangs Peter Niemeyer und nach dessen verletzungsbedingter Auswechslung (43., muskuläre Probleme) auch Fanol Perdedaj keine Lücken nach hinten entstehen.

Die Arbeit nach vorne im „guten Mix aus Defensive und Offensive“ erledigte eine glänzend aufgelegte Angriffsformation um den Doppel-Torschützen Adrian Ramos. Zwar gelang dem Kolumbianer sonst nicht viel, doch per Kopf zum 2:0 (32.) und auch nach 59 Minuten zum 5:0-Endstand erzielte er seine Saisontore neun und zehn. Auf immerhin acht Treffer schraubte Lasogga sein Torkonto. Der 19-Jährige vollendete dabei nach 36 Minuten die schönste Kombination des Spiels, ja vielleicht sogar dieser Saison aus Berliner Sicht. Nikita Rukavytsya und Niemeyer praktizierten halblinks vor dem Strafraum in perfekter Weise den doppelten Doppelpass, ehe Lasogga als Empfänger ihres Kunstwerks nur noch vollenden musste.

Es fiel an diesem Nachmittag nicht auf, dass die Berliner ohne ihren zu Hause gebliebenen Spielmacher Raffael hatten auskommen müssen. Dessen verhärtete Wade hatte einen Einsatz unmöglich gemacht, statt seiner kam Patrick Ebert nach Kreuzbandriss zu seinem Startelf-Comeback – und seine Hereinnahme sollte sich prompt günstig für das Kollektiv auswirken. Denn Ebert rechts und stattdessen Rukavytsya links produzierten ebenso reichlich Flanken für die Stürmer wie auch Rechtsverteidiger Christian Lell, dem das Zusammenspiel mit Ebert sichtlich mehr behagte als mit Linksfuß Rukavytsya vor ihm.

Begonnen hatte Herthas Tor-Explosion schon nach zehn Minuten durch das 1:0 von Fabian Lustenberger. Aus dem Spiel heraus hatte Hubnik die Defensive der Alemannia mit einem Steilpass auf Ramos überrumpelt, dessen Flanke nach innen hämmerte Lustenberger von der Kreidelinie des Strafraums direkt unter die Querlatte. Diese frühe Führung war nur die logische Folge einer sehr entschlossenen, sehr konzentrierten, druckvollen Anfangsphase der Gäste. Die beeindruckte Alemannia brachte auch in der Folge keine ihrer Qualitäten auf den Rasen.

Ramos und Lasogga wirbeln

Spielstark, aggressiv, lauffreudig – so hatten die Berliner die Aachener erwartet. „Aber wir haben sehr gut dagegengehalten und verdient gewonnen“, sagte Babbel. Verdient? Verdient war gar kein Ausdruck, befand Aachens Trainer Hyballa: „Hertha hätte auch sechs, sieben oder acht zu null gewinnen können, so fair müssen wir sein. Wir sind mit dem extremen Pressing von Hertha und den ständigen Positionswechseln ihrer Spieler nicht zurechtgekommen.“ Tatsächlich wirbelten Ramos und Lasogga an vorderster Front und an ihren Seiten Rukavytsya und Ebert beinahe nach Belieben, sie rochierten hin und her, ließen sich fallen und stießen in die Spitze – ganz so, wie die Situationen es gerade hergaben.

Und sie fuhren ihre Konter zu Ende. Vor Ramos' Treffer zum Endstand hatte schon Rukavytsya nach einem Sololauf getroffen, er vollendete losgeschickt von Lasogga per Flachschuss ins lange Eck. Spätestens damit war nach 56 Minuten eine Entscheidung herbeigeführt, der Widerstand der Aachener gebrochen, ein weiterer Schritt zum Saisonziel getan. Ehe er sagte, dass er nun nichts weiter sagen wollte, sagte Hertha-Sprecher Lasogga hernach noch dies: „Wir haben die ganze Saison Druck. Aber wenn wir so spielen, schaffen wir den Aufstieg.“