Zweite Liga

Hertha gegen Aachen - das Duell der Trainer

Das Duell Hertha gegen Aachen ist auch die Begegnung zweier sehr verschiedener Karrieren: Während Markus Babbel sofort in der Bundesliga einstieg, war der Weg Richtung Profifußball für Aachens Trainer Peter Hyballa lang und beschwerlich.

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Dieses Eine lässt sich keiner Tabelle der Welt nach 23 Spieltagen vorwerfen: dass sie lügt. Und so bestimmt einzig die Perspektive des Betrachters, ob ihm das sich eröffnende Bild behagt oder nicht. Peter Hyballa jedenfalls kann nicht klagen. Als Deutschlands zurzeit jüngster Profitrainer verantwortet der 35-Jährige seit Saisonbeginn mit Alemannia Aachen eine Mannschaft, deren kickendes Personal vereinzelt monatlich nicht mehr verdient als ein Maurer oder Postbote. Die nichts als den Klassenerhalt zum Ziel hatte, weil das neu erbaute, aber in den ersten Jahren wirtschaftlich nicht rentable Stadion kaum Investitionen in den Kader zuließ. Aber wenn Hyballa nun auf das Ranking der Zweitligisten blickt, stellt er stolz fest, „dass wir nur eine Niederlage mehr kassiert haben als Hertha BSC“, der Branchenprimus, der die Spielklasse mit überqualifizierten Kräften wie Raffael oder Adrian Ramos zu beeindrucken versucht.

Zuletzt klappte das eher suboptimal; und auch am Sonnabend steht nicht zu erwarten, dass Aachen, die jüngste Mannschaft der Liga, vor der Prominenz aus der Hauptstadt zurückweichen wird. Mag Hyballa auch festhalten, dass „Hertha in der Dagobert-Duck-Liga für uns kein Maßstab ist“, so ist der Fußball seiner Prägung dennoch „offensiv, bissig, eklig – immer“. Hertha-Trainer Markus Babbel und die Seinen dürfen diese Worte vor ihrer Begegnung mit Hyballas „Straßenkötern“ durchaus auf Warnung auffassen. Damit hinterher niemand sagen kann, er hätte von nichts gewusst. Denn Widerstand zu leisten, sich gar aufzubäumen und einen hartnäckigen Gegner voller Entschlossenheit niederzukämpfen – all das sind Tugenden, die Hertha zuletzt selten einmal ausreichend beherzigt hat. „Wir fahren mit dem Selbstbewusstsein eines Tabellenführers nach Aachen“, sagt Babbel trotzig. Doch eher schon steht da ein Ensemble (noch) an der Spitze, von dem Hyballa urteilt: „Hertha verfügt individuell über eine Qualität, auf die man sich in schwierigen Minuten mal verlassen kann.“ Oder anders ausgedrückt: Hertha hat viel Geld, aber wenig Konzept. In Aachen ist es umgekehrt. Und es könnte damit zu tun haben, dass Hertha, ein großer Klub, in Babbel zwar einen Übungsleiter mit einem ebenso klingenden Namen beschäftigt. Aber dass die Alemannia in Hyballa den besseren Trainer angestellt hat. Einen Nachweis dieser These lieferte das für Hertha glückliche 0:0 beider Teams im Hinspiel, als Hyballa im Olympiastadion nur ein Tor seiner Mannschaft zum absoluten Glück fehlte. Auch so aber hatte erstmals in dieser Saison ein Gegner die überlegene Elf von Hertha erfolgreich deren Stärken beraubt.

Kein Neid auf die Privilegierten

Größer könnten die Gegensätze nicht sein, auch nicht bei der Auslebung ihres Berufs. Während dem Profi Babbel nichts mehr zuwider war „als wenn da draußen einer stand und pausenlos reinbrüllte“, so orientiert sich sein Coaching jetzt auch an dem eines Ottmar Hitzfeld. Dagegen sagt Hyballa: „Es gibt auch gute ältere Trainer. Die machen das auf ihre Art.“ Er meint das auch genau so, ganz und gar nicht abschätzig. Er aber will ein „extremer Vorredner“ sein, weil, so seine Argumentation, seine Mannschaft „nur dann auch extremen Fußball spielen“ könne.

Und in Ermangelung einer früheren Arbeit mit Hitzfeld und Co. orientiert Hyballa sich als Trainer eher an Berufskollegen, die einen ähnlichen Werdegang haben wie er selbst: Die Generation Tuchel, Dutt, Schaefer, auch noch Klopp und Rangnick. „Wir werden immer mehr“, sagt Hyballa, und „wir“ meint: Profitrainer ohne vorausgegangene Profikarriere; jedenfalls nicht nennenswerter Art. „Fußballlehrer“ also, die nicht mehr „Gras fressen“ lassen oder „elf Freunde müsst ihr sein“ propagieren. Sondern über den Sechser im freien Raum dozieren und über sich verschiebende Ketten.

Auf derart unterschiedlichen Wegen sind Babbel und Hyballa nun in derselben Liga angekommen. Seit 16 Jahren schon geht Aachens Coach seiner Profession nach, er trainierte den VfL Wolfsburg und auch Borussia Dortmund – aber eben immer nur deren U19-Teams. Der Weg in den bezahlten Fußball war für Hyballa lang, viel länger jedenfalls als er es für Ex-Profis mit der Vita von Babbel je sein wird. Europameister und Uefa-Cup-Sieger war der Hertha-Trainer zu Zeiten als Spieler, wurde mehrfach Deutscher Meister und Pokalsieger. Macht nichts, sagt Hyballa, macht gar nichts. Neid auf jene, denen via Sonderlehrgang eine Loipe für die Karriere nach der Karriere gespurt wird, verspüre er nicht: „Ich bin nicht eifersüchtig auf Markus Babbel. Es ist eben so, dass Ex-Profis aufgrund ihrer Spieler-Vergangenheit Türen aufgehalten werden, gegen die ich mich von außen haben werfen müssen.“

Er hat es gern getan, musste Erfolge vorweisen, damit der jeweils nächste Schritt folgten konnte. Musste sich beweisen und wollte das auch. „Das war mir wichtig“, sagt Hyballa, „ich bin mit meinem Lebenslauf ganz zufrieden.“ Und kann das auch sein. Denn obschon aktuell kein Profitrainer jünger ist als er, hat er – quasi nebenher – schon zwei Bücher über Fußball verfasst: Mit Hans Dieter te Poel „Mythos niederländischer Nachwuchsfußball“ und mit Thomas Voggenreiter „Fußballtraining in Spielformen. Inhalte wettspielnah und motivierend vermitteln“, veranschaulichende DVD inklusive.

An der Uni Münster hat Hyballa Sport und Psychologie studiert. Das Geld für sein Studium verdiente er sich, indem er parallel dazu als Nachwuchstrainer arbeitete. Er hat es gern getan, „und wenn es mehr Geld zu verdienen gäbe, würde ich das auch immer noch gern machen“, aber mehr noch als Geld hat Hyballa in dieser Zeit Erfahrung erworben. „Ich konnte experimentieren, habe 1000 Besprechungen hinter mir. Zwar nur in der A- oder B-Jugend, aber ich fühle mich sicher auf dem Platz, in der Kabine, bei Präsentationen.“ Und so sagt er außerdem: „Ich kann jedem Ex-Profi nur raten, als Trainer erst mal in der Anonymität Erfahrung zu sammeln.“