Zweite Liga

Hertha BSC empfängt die neuen Cottbuser

Unter Trainer Claus-Dieter Wollitz hat Zweitligist Energie Cottbus seine Spielweise verändert: Statt Mauertaktik spielen die Lausitzer schönen Offensivfußball. Das macht die Angelegenheit für Hertha BSC am Montag nicht einfacher.

Foto: Bongarts/Getty Images

Seit fünfeinhalb Jahren geht Andre Mijatovic nun schon seiner Profession in Deutschland nach, zuerst in Fürth, später in Bielefeld und seit dem Sommer bei Hertha BSC. Eines hat der Fußballer in dieser Zeit verinnerlicht: Spiele gegen Energie Cottbus sind „immer unangenehm“, und Mijatovic weiß auch, dass das erst recht für seinen aktuellen Arbeitgeber gilt. An dieser Wertung kann auch nichts ändern, dass der kommende Gegner (Montag, 20.15 Uhr, Olympiastadion) einen gewaltigen Wandel vollzogen hat. Früher rekrutierte sich das Team des Klubs aus der Lausitz aus einem Potpourri von hierzulande zumeist unbekannten und – schlimmer noch – mehrheitlich auf Verhinderung von Spielfreude spezialisierten Kickern aus Osteuropa. Jetzt ist die Mannschaft jung, jetzt wird wieder Deutsch gesprochen in Cottbus – und vor allem wird jetzt offensiver Fußball praktiziert. „Aber sie bleiben unangenehm“, sagt Mijatovic: „Weil sie jetzt gut sind.“

Es hat sich was getan im äußersten Osten, und dem Rest der Fußball-Republik ist das nicht entgangen. Zwar ist Energie nach nur einem Sieg seit der Winterpause (gegen Bielefed) auf Rang sieben der Zweitliga-Tabelle abgerutscht und liegt schon sechs Punkte hinter einem Aufstiegsrang. Aber grundsätzlich beeindruckt die Art und Weise, wie Cottbus inzwischen spielt. „Der deutliche Stilwandel hat mit der Philosophie meines Kollegen und neuen Spielern zu tun“, sagt Hertha-Trainer Markus Babbel, und das ungeachtet der Tatsache, dass der angesprochene Claus-Dieter Wollitz umgekehrt das Ergebnis der Arbeit seines Berufsgenossen eher abfällig bewertet hatte. Babbel hingegen sagt: „Ich sehe den Fußball, den Cottbus inzwischen spielt, lieber als das, wofür der Klub früher stand.“ Manager Michael Preetz sekundiert: „Mit Hertha und Cottbus treffen zwei offensivstarke Mannschaften aufeinander. Das ist der größte Unterschied der aktuellen Cottbuser Mannschaft zu denen der Jahre davor.“

Jungstar Petersen verlängert

Nils Petersen steht sinnbildlich für den Wandel. Mit 14 Saisontreffern ist er aktuell bester Torschütze in Liga zwei, er ist 22 Jahre alt und in den neuen Bundesländern geboren. Als ganz junger Profi erlebte er das letzte halbe Jahr Cottbuser Erstklassigkeit unter Bojan Prasnikar noch mit. „Klar“, sagt er, „Bundesliga war ein Traum für mich. Aber es gab im Team nie so diesen Wohlfühlfaktor. Ich hatte mich irgendwie eingelebt, aber ich hätte nie gesagt: Ja, in dem Team stimmt's.“ Insofern beurteilt Petersen den Abstieg des Jahres 2009 als vorteilhaft, „weil ich nicht weiß, ob der Umbruch ohne ihn auch gekommen wäre“. Erst unter Wollitz spielt Cottbus so, wie es Petersens Stärken zugutekommt: Schnell und offensiv. Und auch die Mentalität des Teams hat sich gewandelt. „Es macht jeden Tag Spaß, in die Kabine zu kommen. Man ärgert sich fast, wenn man drei Tage frei hat. Früher habe ich das gebraucht“, sagt Petersen, und weil es sich auch für Fußballer mit Perspektive in Cottbus neuerdings recht gut aushalten lässt, hat der von so manchem Bundesligisten umworbene Stürmer zu Beginn des Monats auch seinen Vertrag bei Energie bis 2014 verlängert. Ausschlaggebend dafür war, dass auch Wollitz seine Zusage für einen Verbleib gab. Petersen ist danach „optimistisch, dass wir auf Dauer eine gute Rolle in der Zweiten Liga spielen werden.“

Mehr ruft offiziell niemand als Ziel aus. Die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Bundesliga ist in der Lausitz grundsätzlich aber mindestens genauso groß wie zurzeit in Berlin. Doch wo Hertha BSC als Absteiger die Konkurrenz mit einem Etat von fast 40 Millionen einschüchtern kann, muss Energie Cottbus schon Anstrengungen unternehmen, um nur den Status quo zu erhalten. Der sportliche Wandel ist dazu ein integraler Bestandteil. „Sicher, der andere Fußball war auch erfolgreich, das muss man auch anerkennen“, sagt Wollitz. „Aber den will heute keiner mehr sehen. Für mich ist das eine Entwicklung. Sieht man meine Arbeit? Die Art und Weise ist mir sehr wichtig, auch, weil es für den Standort Cottbus unabdinglich ist, diese Veränderung weg von der defensiven Spielweise mitzumachen. Wenn die noch später gekommen wäre, hätte Cottbus wohl Probleme bekommen, in der Zweiten Liga dabei sein zu dürfen.

Es ist dies Wollitz' aktuelles Lieblingsthema: Ein Etat von zwölf Millionen wird auf absehbare Zeit nicht reichen. „Dauerhaft Bundesliga zu spielen, ist für Energie an sich nicht finanzierbar, selbst wenn wir den Stadionnamen verkaufen.“ Einziger Ausweg: „Wir brauchen größere Sponsoren. Je früher, desto besser.“ Die Gegenwart sieht so aus: Die Geschäftsstelle besteht aus Containern. Im Inneren wären die ja ganz gemütlich, sagt Wollitz. „Aber sie sind nicht mehr zeitgemäß.“

Stürmer Petersen verfolgt aufmerksam den Kampf seines Vorgesetzten an vielen Fronten. Am schlimmsten ist für Wollitz, wenn seine Arbeit und die der Mannschaft nicht ausreichend gewürdigt werden. „Er ist einer, der das braucht“, sagt Petersen. „Natürlich sucht er dann auch mal den Konflikt, aber genau das ist seine größte Stärke: er sagt immer, was er denkt“ – dem Team, dem Verein, den Fans.

Mehr als 40.000 Zuschauer erwartet

All das aber wird nicht interessieren, wenn Montagabend der Ball rollt. Die Fans dürfen dann einfach ein attraktives Spiel zweier offensiv ausgerichteter Mannschaften erwarten – und prompt rechnet Hertha mit einer für den ungünstigen Spieltermin beachtlichen Kulisse von mehr als 40000 Zuschauern, die im Heimspiel Nummer eins nach der Schmach gegen den 1. FC Union natürlich einen Sieg im „auch prestigeträchtigen Berlin-Brandenburg-Derby“ (Preetz) sehen wollen. „Ich hoffe, dass wir unsere Fans diesmal zufriedenstellen – indem wir so auftreten, dass kein Zweifel aufkommt, dass wir Cottbus schlagen wollen“, sagt Babbel.

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