Hertha vs. Cottbus

Warum Cottbus-Trainer Wollitz Hertha bewundert

Sein provokanter Kommentar zum Pokal-Aus von Hertha sorgte für Wirbel. Im Gespräch mit Morgenpost Online verrät Cottbus-Coach Claus-Dieter Wollitz vor dem Duell am Montag, was er damals wirklich meinte, und erinnert sich an seine Zeit als Herthaner.

Foto: ZB / ZB/DPA

Ausgerechnet gegen Hertha BSC will der FC Energie Cottbus am Montag die Wende schaffen und wieder näher an die Aufstiegsränge der Zweiten Fußball-Bundesliga heranrücken. Und Trainer Claus-Dieter Wollitz sieht seine Schützlinge vor dem Derby im Olympiastadion (20.15 Uhr/Sport1) zwar als Außenseiter, weiß aber, dass alles möglich ist. „Union hat es vorgemacht“, meint der Coach, der in der Saison 1993/94 selbst für Hertha gespielt hat.

Morgenpost Online: Herr Wollitz, auch wenn die letzten Spiele nicht so erfolgreich waren für Energie, würden Sie sagen, dass die Saison bisher optimal verläuft?

Claus-Dieter Wollitz: Sie läuft auf jeden Fall besser als erwartet. Das Abschneiden im DFB-Pokal ist überdurchschnittlich, das kann man nicht erwarten. Vor allem nicht das Spiel gegen Hoffenheim im Viertelfinale. Das war nicht nur Augenhöhe, das war Bundesliga. Da war alles drin, was modernen Fußball ausmacht.

Morgenpost Online: Und in der Liga?

Claus-Dieter Wollitz: Aus der Winterpause, die im Übrigen keine war, sind wir nicht so gut rausgekommen. Wir waren in den Spielen zu selbstzufrieden nach den Pokal-Erfolgen.

Morgenpost Online: Aber Sie träumen doch von der Rückkehr in die Bundesliga, oder nicht?

Claus-Dieter Wollitz: Absolut. Aber wir haben immer gesagt: Wenn wir bis zum 29. Spieltag auf drei Punkte Abstand rankommen, spielen wir alles oder nichts. Der Aufstieg ist aber intern nicht eingeplant. Energie kann den Aufstieg nicht einfach planen. Aber ich glaube, dass wir mit der Art und Weise, wie wir spielen, der Liga ein Stück weit einen Stempel aufdrücken, unabhängig vom Ergebnis.

Morgenpost Online: Es reicht Ihnen, schönen Fußball zu spielen, auch wenn er nicht zum Erfolg führt?

Claus-Dieter Wollitz: Für mich ist das eine Entwicklung. Waren die Erfolge Zufälle? Sieht man unsere Arbeit? So gesehen ist mir das sehr wichtig, auch, weil es für den Standort Cottbus unabdinglich ist, diese Veränderung weg von einer defensiven Spielweise mitzumachen. Wenn die noch später gekommen wäre, hätte Cottbus wohl Probleme bekommen, in der Zweiten Liga dauerhaft dabei sein zu dürfen.

Morgenpost Online: Bietet das Spiel gegen Hertha die Möglichkeit, die von Ihnen angesprochene Selbstzufriedenheit zu durchbrechen? Sie sind wieder der Underdog.

Claus-Dieter Wollitz: Das kann man sicher so sagen. Das kann uns diesen Schub wiedergeben und uns in die Spur bringen. Aber dafür muss alles funktionieren. Klar ist: Es wird ein richtungweisendes Spiel für beide Teams.

Morgenpost Online: Haben Sie einen Fehler gemacht, als Sie sich öffentlich für die Umbenennung des Cottbuser Stadions ausgesprochen haben? Sie haben sich damit mit vielen Fans angelegt.

Claus-Dieter Wollitz: Ich weiß um den Verein Bescheid, welches Fundament er hat. Wirtschaftlich stehen wir auf Platz acht bis zwölf, aber die Erwartungen sind hoch. Außerdem muss in die Infrastruktur investiert werden. Das ist hier alles aller Ehren Wert, aber vieles ist nicht mehr zeitgemäß. Irgendwann wird der Umbau nötig sein, man muss den Spielern auch etwas bieten, auch den Fans. Es gibt Werte und Traditionen, das ist mir klar, und das habe ich auch gesagt. Das ist ein ganz schmaler Grat. Aber um den Standort Cottbus zu sichern, wird ein Verkauf der Namensrechte unabdingbar sein. Je eher, desto besser.

Morgenpost Online: Man hat Sie dafür als „Wessi-Arschloch“ beschimpft, das muss Sie doch schmerzen…

Claus-Dieter Wollitz: …das tut es bis heute! Ich bin einer, der es gewohnt ist, auf Augenhöhe zu diskutieren. Aber einige Dinge haben mich richtig nachdenklich gemacht.

Morgenpost Online: Sie wollten Ihren Vertrag zunächst nicht verlängern, warum haben Sie es doch getan?

Claus-Dieter Wollitz: Wegen meiner Mannschaft und den handelnden Personen im Verein. Ich habe viele Spieler geholt und ihnen Versprechen gegeben. Sie haben mich dann gefragt, was ich mache, wollten Klarheit. Letztlich war die Nähe zum Verein und zur Mannschaft doch so positiv, dass ich hier weiterarbeiten wollte.

Morgenpost Online: Würden Sie sagen, dass Sie ein Typ sind, der gerne mal aneckt?

Claus-Dieter Wollitz: Ich habe zumindest keine Angst davor. Das, was ich mache, kann ich verantworten. Ich sitze in keinem Glashaus. Bei mir gibt es keine Intrigen oder so.

Morgenpost Online: Gehört dazu auch, mal einen Konkurrenten zu provozieren, wie Sie es nach dem Ausscheiden von Hertha BSC im DFB Pokal taten? Sie meinten damals, mit Herthas Geld hätten Sie genauso viele Punkte…

Claus-Dieter Wollitz: …nein, nein. Ich habe mir schon so oft Mühe gegeben, das klarzustellen. Was ich meinte war: Eine Mannschaft wie Koblenz hat gezeigt, dass es möglich ist, gegen Hertha zu gewinnen. Und wir als Zweitligaklubs müssen das auch tun. Immerhin gab es Spieler bei Hertha, die vor der Saison meinten, sie würden kein Spiel verlieren. Daraufhin habe ich gesagt: Wenn man in die Statistiken der letzten Jahrzehnte schaut, steigen 99,9 Prozent der Mannschaften mit solchen Etats auf. Das ist dann eben keine außergewöhnliche Leistung mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. Hertha hat so viele große Namen, so gute Talente – mit dem Kader können sie in der ersten Liga bestehen, dabei bleibe ich.

Morgenpost Online: In Berlin hat man Ihre Aussage ein wenig in den falschen Hals bekommen.

Claus-Dieter Wollitz: Ganz ehrlich: So, wie es in der Zeitung stand, hätte ich mich auch geärgert. Ich würde doch niemals die Arbeit eines verdienten Kollegen infrage stellen, das würde ich nie tun! Ich gehe so gerne ins Olympiastadion. Und wissen Sie, wofür ich Hertha wirklich bewundere?

Morgenpost Online: Sagen Sie es den Berlinern.

Claus-Dieter Wollitz: Dass Hertha die Trendwende zusammen mit den Fans geschafft hat. So wie sich die letzten Spiele in der ersten Liga dargestellt haben, hatte ich die Befürchtung, dass die Situation mit den Fans eskaliert. Aber jetzt unterstützen die Fans die Mannschaft, auch wenn es mal nicht so läuft. Der Verein ist auf die Fans zugegangen, und die Fans haben auch eingesehen, dass sie Fehler gemacht haben. Dafür gibt es von mir die höchste Anerkennung. Fehler zuzugeben ist das unangenehmste, was es gibt. Aber ich bleibe dabei: Die Sensation ist die Leistung von Erzgebirge Aue. Nicht die von Hertha, nicht von Augsburg, und auch nicht von Cottbus. Und trotzdem arbeitet Hertha sehr erfolgreich. Das ist doch kein Widerspruch.

Morgenpost Online: Haben Sie mit Markus Babbel mal über diese Sache gesprochen?

Claus-Dieter Wollitz: Ich werde mich am Montag bei ihm und Michael Preetz entschuldigen, dass solche Irritationen aufgekommen sind. Das ist normalerweise nicht mein Stil. Als Verantwortlicher hat man es schwer genug, als dass irgendein Schlaumeier kluge Sprüche klopfen muss. Um ehrlich zu sein, hätte ich das vielleicht schon mal eher am Telefon machen können. Das habe ich einfach verpasst.

Morgenpost Online: An sich fühlen Sie sich Hertha ja auch verbunden denke ich, immerhin spielten Sie selbst dort. Allerdings nur für ein Jahr. Was ist damals schief gelaufen?

Claus-Dieter Wollitz: Alles. Und ich kann nicht behaupten, dass ich dazu beigetragen hätte, dass es besser wurde. Ich glaube, dass ich an sich zu der Zeit ein herausragender Spieler war. Aber bei Hertha hat das nicht funktioniert. Ich hatte in Osnabrück unzählige Freistoßtore gemacht, bei Hertha musste ich um jeden Freistoß kämpfen. Es gab eine Hierarchie, und die war schwierig aufzubrechen. Ich habe mich in mein Schneckenhaus zurückgezogen.

Morgenpost Online: Was meinen Sie damit?

Claus-Dieter Wollitz: Ich habe jeden Tag als schwierig empfunden, habe gedacht: Schon wieder Training. Glauben Sie mir wenn ich sage: Fußball ist alles für mich, danach kommt lange nichts, und dann irgendwann die Familie. Ich lebe 24 Stunden am Tag für diesen Sport. So war ich auch als Spieler, ich hätte auch viermal am Tag trainieren können.

Morgenpost Online: Aber nicht bei Hertha.

Claus-Dieter Wollitz: Bei Hertha hatte ich schon Probleme, einmal am Tag meine Qualitäten abzurufen. Und da muss man bei sich anfangen. Ich aber habe das Problem immer woanders gesucht, habe es auf die Hierarchie oder die fehlende Kommunikation geschoben. Aber ich hätte den Schritt machen müssen, ich hätte die Veränderung anstoßen müssen. Ich war in Osnabrück vier Jahre lang Kapitän, ich wäre also durchaus in der Lage gewesen. Zumal ich ein Jahr später in Wolfsburg gleich wieder Kapitän wurde. Allerdings war das eine Hierarchie, die mich aufgenommen hat, bei der ich das Gefühl hatte: Der Mann will etwas dazu beitragen, dass wir noch erfolgreicher werden. Was Wolfsburg jetzt ist, ist damals entwickelt worden.

Morgenpost Online: Was die Zeit bei Hertha angeht, gehen Sie aber ganz schön hart mit sich ins Gericht.

Claus-Dieter Wollitz: Natürlich muss sich jeder hinterfragen. Aber ich kann nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Ich hätte die Möglichkeiten gehabt, etwas zu verändern. Zumindest hätte ich etwas sagen können. Auch deshalb hat Hertha damals sportlich bedeutend schlechter abgeschnitten, als möglich gewesen wäre. Ich bedauere das noch heute. Berlin ist eine Weltstadt, dort spielen zu dürfen, ist etwas ganz besonderes.