Neue Einstellung

Herthas Offensive zaubert - und kämpft

Adrian Ramos, Raffael und Bruder Ronny zählten zu den Erfolgsgaranten beim 6:2 in Karlsruhe. Vor allem, weil die Südamerikaner ihre feine Technik um das nötige Zweikampfverhalten ergänzt haben.

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Am Tag nach seinem großen Coup war Raffael müde. Nicht, dass der Hertha-Tross zu spät vom fulminanten 6:2 in Karlsruhe zurückgekommen wäre, der Flieger landete noch am selben Abend vor 20 Uhr. Nein, vielmehr waren dem Brasilianer seine drei Tore derart vehement durch den Kopf gegangen, dass er schlicht nicht schlafen konnte. „Ich habe immer wieder an meine Treffer gedacht und habe sogar davon geträumt“, schwärmte er noch gestern nach dem Auslaufen. Er „hätte nie gedacht, einen Hattrick zu machen“, den ersten in seiner Karriere. Zwar hatte er 2006 für den FC Zürich schon einmal drei Treffer erzielt – aber eben nicht in einer Halbzeit. Und weil sich Bruder Ronny auch noch in die Torschützenliste eintragen durfte, steht einer baldigen Feier im Kreise der Familie nichts im Wege. Die Eltern von Raffael und Ronny werden Mitte der Woche eintreffen und sich das nächste Spiel im Stadion anschauen. „Gegen Cottbus zaubern wir wieder“, versprach Ronny seinen Lieben schon mal.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Wieder Zaubern? Die Ankündigung steht wie eine Drohung im Raum, denn schon seit Saisonbeginn ergeht an die Südamerika-Fraktion bei Hertha hauptsächlich der Vorwurf, sie sei in erster Linie auf der Suche nach schönem Fußball, der Spaß macht und nicht wehtut. Dass er das in der Zweiten Liga aber häufig muss, dass kämpferische Teams oft die Oberhand behalten – all das, so hatte es lange den Anschein, wollten Raffael, Adrian Ramos und allen voran Ronny nicht so recht verinnerlichen. Die Partie am Sonntag war wieder so ein Beispiel dafür – aber nur 45 Minuten lang. Nie zuvor lagen bei Hertha Genie (zweite Hälfte) und Wahnsinn (erste Halbzeit) so eng beieinander. Hat das Trio Raum zum Kombinieren, spielt ihre Klasse fast jeden Gegner aus. Geht man sie jedoch hart an und stellt die Räume zu, wie es die Karlsruher anfangs taten, verlieren sie oft die Freude am Spiel – und das gesamte Offensivspiel lahmt.

Doch gerade der Lerneffekt von Karlsruhe gibt Anlass zu Hoffnung. „Sie haben immer Lust zu spielen“, sagt Trainer Markus Babbel angesichts einiger Anzeichen, dass die drei Kreativen ihren Job anders interpretieren als noch vor einigen Wochen. Raffael macht in diesem Prozess den weitesten Eindruck. Er hat, als vermutlich bester Techniker des Teams, verstanden, dass es in Liga zwei eben vorrangig um den Kampf und das Ergebnis geht. Seit ihn Markus Babbel auf der Position des „Sechsers“ im defensiven Mittelfeld spielen lässt, verlebt er seine beste Zeit bei Hertha. „Er ist laufstark, und was mich selbst überrascht, auch in der Defensive richtig stark“, lobt Babbel, der trotz dieser Erkenntnis erst nach dem Ausfall von Sebastian Neumann entsprechend umstellte. Dabei ist an sich schon seit Ende vergangenen Jahres klar, dass Raffael weiter nach hinten gehört. „Wenn er auf der Zehn spielt, ist er immer in Manndeckung, er steht oft mit dem Rücken zum Tor. Da ist es schwer für ihn, Freiräume zu erarbeiten“, sagt Babbel. Der Preis: Für seine neue Freiheit muss Raffael mehr Zweikämpfe eingehen. Mehr und mehr rutscht er in die Rolle des Antreibers, der „das Potenzial hat, solche Spiele zu gestalten. Es muss ihm bewusst sein, dass die anderen Spieler zu ihm aufschauen, und dass er sie deswegen mitziehen kann“, wie Babbel es formuliert. Und das ist bei seinen Mitstreitern noch immer ab und an nötig.

Wobei auch Ramos immer besser lernt, mit der für seinen fußballerischen Anspruch unbefriedigenden Spielweise in der Zweiten Liga umzugehen. Sicher, acht Tore und neun Vorlagen qualifizieren ihn bereits für Rang drei der Zweitliga-Scorerwertung. Doch auf das ganz große Spiel, in dem er einmal über 90 Minuten sein ganzes Können abruft, wartet er noch vergebens. In Karlsruhe wartete er geduldig 72 Minuten lang auf sein erstes Erfolgserlebnis. Babbel hofft darauf, dass Ramos nach für ihn persönlich schwierigen Wochen nun über den Berg ist: „Ich glaube, dass er merkt, was er an uns hat, dass wir ihn nicht haben hängen lassen, auch nicht, als er unbedingt wechseln wollte oder als es privat bei ihm nicht so lief. Das will er uns jetzt zurückzahlen.“

Ronny hält nicht mehr einfach drauf

Bleibt Ronny, an dem sich nach wie vor die Geister scheiden. Bei ihm schwanken die Leistungen extrem, weshalb er gegen Karlsruhe zunächst auf der Bank saß. Als er dann spielen durfte, zeigte auch er sich einsichtig: War er es wochenlang gewohnt gewesen, in der Hoffnung auf ein spektakuläres Traumtor Freistöße grundsätzlich mit maximaler Kraft, aber wenig Präzision in die Mauer zu ballern, entschied er sich diesmal für die effektivere Variante: Eine simple Flanke in den Strafraum, ein Kopfball von Ramos, schon lag der Ball zum 5:2 im Tor, zum Endstand traf er selbst. „Wenn wir drei alle zusammen auf dem Platz stehen, haben wir sehr viel Spaß“, sagt Ronny. Das muss allerdings auch für Spiele gelten, in denen nicht sechs Tore für Hertha fallen.