Lokalderby

Herthas Leitwolf trifft auf Unions Pechvogel

Vor einem halben Jahr endete das Derby zwischen Union und Hertha 1:1. Die Torschützen: Peter Niemeyer und Santi Kolk. Morgenpost Online stellt den gegensätzlichen Saisonverlauf der beiden vor.

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Peter Niemeyer

Der moderne Fußball ist zu schnell geworden. Der gelungene Spielzug aus der Vorwoche, die verpasste Torchance von eben – alles verfliegt im Rausch der Bilder und der Emotionen. Fast alles. Denn da sind noch jene seltenen Momente, die über so viel Kraft verfügen, dass sie in Erinnerung bleiben. Wie jener, als Peter Niemeyer (27) im Derby-Hinspiel nach weniger als 120 Sekunden hoch und höher als alle Gegenspieler sprang. Indem er den als Freistoß getretenen Ball so früh in diesem prestigeträchtigen Spiel per Kopf unwiderstehlich ins Tor des 1. FC Union lenkte, schien die Leichtigkeit seines Tuns an jenem vierten Spieltag wie ein Synonym für den Überflieger Hertha BSC.

Bekanntlich kam es am Ende anders. Ein wenig. Für Hertha, das beim 1:1 gegen hart arbeitende Eiserne noch die ersten Punkte in der laufenden Saison verlor. Und zu weiteren Phasen dieser Spielzeit schwächelte, ehe der Klub nun als souveräner Tabellenführer zum Derby-Rückspiel bittet. Auch für Niemeyer, der es „bitter“ findet, dass seinem ersten Tor bis jetzt keine weiteren gefolgt sind. Und doch ist der Mittelfeldspieler der Gewinner unter den Derby-Torschützen.

Babbel lobt den Leihspieler

Zweifellos riskant war der Gang in Liga zwei für einen, der zuvor um Meisterehren und in der Champions League gespielt hat. Um sich dann für ein Jahr von der (inter)nationalen Größe Werder Bremen an Hertha verleihen zu lassen. Zweite Liga – das ist nicht Spielkultur und strategisches Denken wie in den höheren Klassen, das hat Niemeyer schnell herausgefunden. Sondern Kampf und auch eine gehörige Portion Zufall. Dennoch spricht er von einer „interessanten, absolut positiven Erfahrung“. „Ich habe einen Schritt zurück gemacht oder wenigstens einen halben – aber schon jetzt habe ich das Gefühl, dass ich deutlich vorangekommen bin.“

Nicht nur als Spieler, auch als Persönlichkeit wähnt Niemeyer sich in seiner Zeit bei Hertha gereift. Im Starensemble seines Ex-Klubs brauchte es ihn angesichts der Frings und Mertesacker und Wiese nicht als Führungsspieler. Dagegen hätten ihn im neu formierten Team des Bundesliga-Absteigers Mitspieler wie Verantwortliche vom ersten Tag an spüren lassen, dass er bitteschön Verantwortung übernehmen möge. „Die Jungs fühlen sich definitiv wohler, wenn Peter auf dem Feld steht“, hat Trainer Markus Babbel beobachtet. „Diese Wertschätzung, die ich bei Werder nicht so genossen habe, ist schön“, sagt Niemeyer.

Er sagt es nicht selbstverliebt. Aber seinen Worten ist zu entnehmen, dass es ihm innere Befriedigung verschafft, durch Leistung einen deutlichen Schritt nach vorn in der Hierarchie seiner Mannschaft getan zu haben. Dabei war es keineswegs selbstverständlich, dass Niemeyer bei Hertha von jetzt auf gleich zum Führungsspieler avancierte. Siehe Rob Friend, siehe Christian Lell, die von den Reservebänken oder Tribünen anderer Bundesligisten nach Berlin wechselten und aus unterschiedlichen Gründen in der Mannschaft nicht vorangehen. Dagegen spult die vormalige Bremer Teilzeitkraft ihr Pensum mit einer beachtlichen Konstanz herunter – als Solokraft im defensiven Mittelfeld, was erklärt, weshalb die vermisste Torgefahr auf der Strecke bleibt.

Nicht nur der Profi Niemeyer ist im Sommer in ein ihm unbekanntes Umfeld geraten. Erst recht der Mensch Niemeyer. Hackesche Höfe, aha, dort geht es zur Friedrichstraße und hier weiter zum Potsdamer Platz – das Puzzle der Großstadt mit Knotenpunkten aus anfangs unsortierbaren Einzelteilen, berichtet der Zugereiste, „beginnt sich nach einem halben Jahr langsam zusammenzusetzen“. Berlin findet der Junge vom (niedersächsischen) Lande „gigantisch und reizvoll und schön, aber nicht faszinierend“. Das ist ehrlich, aber Niemeyer weiß die differenzierte Haltung gegenüber seiner Wahlheimat zu begründen. Er, der als Teenager die große, weite Welt entdecken wollte, hat als später Twen herausgefunden, dass Riesenbeck seine wahre Heimat ist und später auch sein soll. „Zu 100 Prozent“, sagt er, stehe seine „Rückkehr ins beschauliche Dorf“ fest.

Weniger weit in die Zukunft gerichtet ist der Blick auf Samstag. „Gigantisch“ findet Niemeyer nicht nur Berlin als Stadt. Sondern auch die Aussicht auf ein zur Mittagszeit ausverkauftes Olympiastadion, wenn zum zweiten und letzten Mal in dieser Saison Union der Gegner ist. Der gehobenen Ansprüchen genügende Fußballer Niemeyer, der Klubs mit dem speziellen Charme etwa der Eisernen aus Köpenick durchaus sympathisch findet, hätte aber nichts dagegen, wenn beider Wege sich fortan trennen würden. Bei aller Liebe – der Gegner ist in erster Linie eben doch ein Klub, der froh ist, wenn er nicht in Liga drei abrutscht. Dagegen soll für Hertha die Paarung der 21. Zweitliga-Runde nur der vierzehntletzte Schritt auf dem Weg zurück in die erste Liga sein. Ein Jahr Zweite Liga schön und gut – aber, sagt Niemeyer: „Ich freue mir einen Ast, wenn es wieder anders ist.“

Santi Kolk

Es war der Moment, der die Alte Försterei so richtig zum Kochen brachte: Als sich Santi Kolk in der 85. Minute den Ball im Mittelfeld schnappte, zielstrebig auf das Tor zusteuerte und mit einem trockenen Schuss ins Tor von Hertha BSC vollendete, hatte das erste Stadtderby der Geschichte zwischen Hertha BSC und Union seinen Höhepunkt gefunden. Zumindest aus Sicht der Union-Fans. Kolk, der den Köpenickern damit ein Unentschieden sicherte, stieg zum ewigen Derbyhelden auf. Und ganz nebenbei hatte er sein zweites Tor im vierten Spiel geschossen und damit alle Skeptiker Lügen gestraft, er könne sich als technisch versierter Fußballer in der harten Zweiten Liga vielleicht gar nicht durchsetzen. Mehr noch: Er schien genau der Zugang zu sein, auf den Union so lange gewartet hatte. Ein Offensivallrounder mit Zug zum Tor versprach eine Belebung des Angriffsspiels und vor allem viele Treffer.

Doch es kam anders. Jetzt, eine halbe Spielzeit später, ist der Ruhm ein wenig verblasst. Gerade einmal sieben Mal konnte der Niederländer nach dem ersten Derby noch auflaufen, ein Treffer gelang ihm noch. Danach warfen ihn eine Rotsperre und ein Muskelfaserriss in der Wade zurück. „Ich habe natürlich viel Pech gehabt“, resümiert Kolk, der in Fürth gleich wieder durchspielen musste und sich prompt einen Infekt einfing, „Doch für mich war wichtig, dass ich im Januar wieder spielen kann. Jetzt fühle ich mich wieder fit, und wenn mich der Trainer braucht, bin ich da, für 60, 90 oder auch 150 Minuten. Für mich ist das ein Neustart bei Union.“ So wie das Derby in der Hinrunde die ganze Mannschaft erweckte, verspricht sich nun also auch Kolk einen Aha-Effekt. Das ist schon ein bisschen bemerkenswert, hatte er doch im Vorfeld der ersten Partie gesagt, dass er zwar um die besondere Bedeutung der Begegnung wisse, dass es für ihn aber ein normales Spiel um drei Punkte sei. Jetzt sagt er: „Natürlich ist es etwas Besonderes. Erst recht, weil wir jetzt im Olympiastadion spielen, vor 75.000 Zuschauern. Das muss man erlebt haben. Und für die Stadt ist es natürlich super.“

Freunde reisen aus Holland an

Gut möglich, dass er nach etwas mehr als einem halben Jahr in Berlin um die tatsächlichen Befindlichkeiten nun etwas besser Bescheid weiß. Als letzter Transfer der Unioner war er im Sommer gekommen. Beim ersten Derby wohnte er also gerade ein paar Wochen in Berlin – wo sollen da auch die ganz großen Emotionen herkommen? Inzwischen sagt Kolk: „Hertha BSC ist so etwas wie der große Bruder.“ Eine versöhnliche Betrachtungsweise vor einer Partie, die die Stadt polarisiert und zu der auch Kolk extra Besuch aus den Niederlanden eingeladen hat. „Zu diesem Spiel kommen zwei Freunde extra nach Berlin, auch mein Berater, übrigens einer meiner besten Freunde, wird im Stadion sein.“ Nur auf seine Freundin muss er verzichten, sie muss zurück nach Holland und arbeiten. Sein Heimatland holt ihn ohnehin öfter ein. Zu Beginn der Vorbereitung zeigte er sich erstaunt über das Fitnessniveau im deutschen Fußball – das sei er aus den Niederlanden nicht gewohnt. In Berlin kennt er einige Landsleute, mit denen er ab und an telefoniert. Aber nicht zu oft, „ich lebe jetzt in Deutschland und will viel über die Kultur lernen“, sagt er.

Zu einem Landsmann aber hat er immer noch keinen übermäßigen Kontakt: Herthas Torhüter Maikel Aerts, obwohl sie eine unheimliche Serie verbindet. Wann immer die beiden gegeneinander antraten, traf Kolk. Trotzdem sagt Aerts: „Santi ist ein super Typ und ein guter Fußballer. Ich verstehe nicht, warum er bei Union nicht jedes Wochenende spielt.“ Kolks Verletzung hatte sich offenbar noch nicht bis zu ihm herumgesprochen. Doch obwohl Kolk seine Serie auch im Hinspiel fortsetzte, lassen sich die beiden nicht zu Wetten oder dergleichen hinreißen. „Er ist ein guter Torwart. Ich wünsche Maikel alles Gute“, sagt Kolk, dann überlegt er kurz, lächelt und sagt: „Aber am Samstag natürlich nicht.“

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