Hertha BSC

Hertha leiht Beichler bis Saisonende aus

Denkpause oder Abschiebung? Der erst vor einem halben Jahr verpflichtet Daniel Beichler soll in St. Gallen Spielpraxis sammeln - offiziell. Die Ausleihe lässt allerdings auch anders interpretieren.

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Am neuen Arbeitsplatz fängt es so an, wie es am bisherigen in Berlin immer gewesen ist. Quellen aus dem Umfeld von Daniel Beichler (22) lassen sich, natürlich anonym, zitieren: „Hertha-Trainer Babbel hat ein Problem mit Beichler, daher kommt er nicht zum Zug.“ So begründet die „Krone“ den Wechsel von Beichler zum abstiegsgefährdeten Schweizer Erstligisten FC St. Gallen. Der Tabellenführer der Zweiten Liga leiht den Mittelfeldspieler bis zum 30. Juni aus. Die Verträge waren bei Andruck dieser Ausgabe noch nicht unterschrieben, aber alle Beteiligten waren sich einig über den Deal.

Das wirkt auf den ersten Blick wie das Eingeständnis, dass Hertha mit Beichler einen Fehlgriff getan hat. Schließlich war der österreichische Nationalspieler erst im August für 650.000 Euro geholt und mit einem Vertrag bis 2014 ausgestattet worden. Doch wo Beichler ist, ist die Nörgelei nicht fern. So zitiert die „Krone“ den Spieler so: Beichler sei aus allen Wolken gefallen, als er zum Rückrunden-Start in Oberhausen nicht im Kader gestanden habe: „Ich verstehe es nicht. Dabei habe ich eine gute Vorbereitung gemacht.“

Zum wiederholten Mal bei Hertha war es so, dass Beichler nicht versteht. Und Schuld sind immer die anderen. Deshalb haben Manager Michael Preetz und Trainer Markus Babbel trotz der kurzen Verweildauer von Beichler in Berlin die Reißleine gezogen. Die Begründung von Preetz hört sich geschliffener an: „Daniel hat bei uns starke Konkurrenz, die zur Zeit keine Luft ranlässt. Als junger Spieler will Daniel spielen. Wenn er aber keine einzige Saisonminute dabei war, muss man sich Gedanken machen. Deshalb soll er nun Wettkampfpraxis in St. Gallen erhalten.“ Dazu kommt der Aspekt, dass die Nationalmannschaftskarriere von Beichler auf Eis liegt, solange er nicht spielt.

Aber auch die zugespitzte Lesart dieses Leihgeschäftes ist zulässig: Hertha will die Mission Wiederaufstieg nicht dadurch gefährden, dass ein unzufriedener Spieler im Kader vielleicht andere mit seiner Missstimmung ansteckt. Deshalb der rigorose Schritt.

Schaut man genau hin, darf man staunen. Eigentlich wollte Hertha im Winter nicht aktiv werden. Doch Beichler ist der mittlerweile vierte Abgang in diesem Monat. Linksverteidiger Shervin Radjabali wurde bis Juni 2012 an Alemannia Aachen ausgeliehen. Manndecker Kaka folgte seinem ehemaligen Trainer Domingos Paciência, der jetzt den SC Braga trainiert. Kaka wurde bis zum Saisonende ausgeliehen. Trainer Babbel sagte: „Das war eine harte Entscheidung. Aber Kaka ist auf uns zugekommen. Er ist ein feiner Kerl, hat immer voll durchgezogen, obwohl die Lage für ihn nicht einfach war.“ Ein Nebenaspekt ist, dass Kaka, der bei Hertha nur Innenverteidiger Nr. 5 ist (nach Hubnik, Mijatovic, Neumann und Janker), mit Einsätzen in Portugal seinen Marktwert erhöhen kann. Bereits Ende Dezember war Pal Dardai (34) zu den Amateuren weggelobt worden. Herthas Urgestein bereitet sich nun auf eine Trainer-Karriere vor. Demgegenüber stehen mit Marvin Knoll und Alfredo Morales (beide 20) zwei Youngster, die in der Winterpause Profiverträge erhalten haben.

Ohne großes Aufsehen unterziehen Preetz und Babbel Hertha einer Radikalkur. Rechnet man die beiden Neuen im Winter sowie die vier Wechsel mit, hat der Klub seit vergangenem Sommer 16 Zugänge zu verzeichnen, denen 19 Abgänge gegenüberstehen.

Das ist ein tief greifender Wandel. Der Kader, der jetzt in die verbleibenden 15 Partien geht, die bis zum erhofften Ziel Wiederaufstieg zu absolvieren sind, hat nur noch wenig zu tun mit dem, der im Überlebenskampf des vergangenen Winters in der Bundesliga gescheitert war. Aktuell stehen Sonntag bei Arminia Bielefeld mit Hubnik, Kobiashvili, Ramos und Raffael nur noch vier „Überlebende“ in der Startelf, die im vergangenen Frühjahr dabei waren.

Hertha wird jünger und schlanker. Trainer Babbel begründet die neuen Veränderungen so: „Es macht für jeden, der gegangen ist, Sinn. Wir waren bisher sehr viele. Die kleinere Gruppe jetzt ist gut zum Trainieren. Und ich will als Trainer jedem Einzelnen gerecht werden.“ Der Abgang von Beichler ist auch ein Signal für die verbleibenden Spieler. „Wer mitzieht, ist willkommen. Wer aber sich selbst für wichtiger hält als die Mannschaft...“

Dabei finden Trainer und Manager durchaus Zwischentöne. Patrick Ebert etwa hat eingesehen, dass er es in der Vorwoche mit seiner forschen Forderung überzogen hat: „Ich wäre sehr enttäuscht, wenn ich nicht im Kader stehe.“ Babbel hatte prompt gerügt: „Patrick muss verstehen, dass die Mannschaft im Vordergrund steht und nicht er.“ Ebert hat sich beim Coach entschuldigt. „Damit ist die Angelegenheit ausgeräumt.“ Babbel erzählt, er wolle Ebert helfen. „Ich hatte die gleiche Situation als Spieler. Da habe ich alles falsch gemacht.“ Beim FC Liverpool hatte er sich über die Presse mit Trainer Gerard Houllier angelegt. Und musste in der nächsten Wechselperiode gehen.

Insofern hat es Ebert besser getroffen. Im Gegensatz zu Beichler darf er bleiben. Und sammelt am Sonntag mit Herthas U23 Spielpraxis in der Regionalliga beim ZFC Meuselwitz.