2. Liga

Hertha-Kapitän Mijatovic übt Selbstkritik

Er habe "bei Hertha noch nicht 100 Prozent erreicht", sagt Andre Mijatovic über seinen Stand bei Hertha BSC. Ihm ist aber auch klar, warum das so ist: Ihm fehlt es an Konzepten im Spiel.

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So ein Fehlpass vor dem eigenen Tor hätte im Ernstfall wohl verheerende Konsequenzen. Der Abschluss auf Höhe des gegnerischen Strafraums, volley ausgeführt und weit daneben, konnte ebenso kaum ernst gemeint gewesen sein. Doch es war ja auch nur Training. Im Ernstfall am Sonntag, verspricht der Kapitän von Hertha BSC, wird wieder der gewohnte Andre Mijatovic zu sehen sein. Wobei sich eine Frage stellt: Welcher ist der gewohnte Kapitän von Hertha BSC?

Der Mijatovic, den Manager Michael Preetz und Trainer Markus Babbel so hymnisch ob seiner Wichtigkeit für das Gesamtgefüge rühmen? Dessen Rückkehr von Verletzungen – wie während der Hinrunde – oder wie zuletzt einer zwei Spiele währenden Rotsperre sie kaum abwarten können? Oder jener Mijatovic, dem die Fans der Blau-Weißen zwar die sachgemäße Anleitung der Abwehr in Liga zwei zutrauen, nicht aber auch eine, ungleich anspruchsvollere Klasse höher in der Bundesliga?

Fragt man den Betroffenen selbst, der just gegen seinen Ex-Klub Arminia Bielefeld (Sonntag, 13.30 Uhr/live bei Sky) ins Team des Zweitliga-Tabellenführers zurückkehren darf, mag der keinen Unterschied erkennen zwischen dem gelobten und dem gescholtenen Mijatovic. Er hat vielmehr Verständnis für beide Auffassungen. Einerseits verweist der 31-jährige Kroate auf die nackten Zahlen. Die von ihm angeführte Abwehr ist mit 16 Gegentoren nach 19 Spielen die zweitbeste hinter der Spielvereinigung Greuther Fürth, die noch ein Tor weniger zugelassen hat. Und doch treffe sein für alles und jeden gültiger Standardsatz „Es ist noch Luft nach oben“ auch auf ihn persönlich zu.

Bundesliga einfacher als Liga zwei?

„Konstant“, sagt Mijatovic, habe er bis jetzt zwar gespielt, aber: „Auch ich kann besser spielen. Ich habe bis jetzt nicht überragend und im Hertha-Trikot noch nicht bei 100 Prozent gespielt.“ Dass der Kapitän eines Fußballunternehmens Selbstkritik übt, kommt bei der Basis meist gut an. Mijatovic aber vermag obendrein zu benennen, wo er noch die viel zitierte Luft nach oben erkennt. Für sich individuell im Aufbauspiel. Und als Abwehrverbund in der eigenen Torgefahr. „Von zwei Elfmetern von Kobi (Levan Kobiashvili – d.R.) abgesehen, haben wir vier da hinten noch null Tore auf dem Konto, auch nach Standards noch nicht getroffen, obwohl doch gerade Roman (Innenverteidiger Roman Hubnik – d.R.) und ich einigermaßen große Jungs sind.“

Wo das nur eine Feinheit ist, stehen die grundsätzlichen Zweifel im Raum. Was also sagt Mijatovic zum Bauchgefühl der Fans, er tauge nicht zum Abwehrchef eines Bundesligisten? Erst einmal sagt Mijatovic: „Also.“ Dann räuspert er sich. Pause. Doch Mijatovic will der Frage ganz und gar nicht aus dem Wege gehen. Er argumentiert nach und nach, und was er zu seiner Verteidigung anführt, klingt schlüssig. „Ich habe schon in der Zweiten und auch in der ersten Liga gespielt – und ich fand es in der ersten Liga einfacher. Weil in der Bundesliga mehr mit Konzept und weniger auf Zufall gespielt wird.“

Einen zweiten Gesichtspunkt führt er an: „In der Zweiten Liga sind wir als Hertha BSC gefordert, sehr offensiv zu spielen. Das ist eine Herausforderung für die Abwehr. In der Bundesliga würden wir, erst recht als Aufsteiger, sehr viel kompakter spielen.“ Und noch ein dritter Punkt fällt Mijatovic zu seiner Verteidigung ein: „Die letzten paar Jahre habe ich in Bielefeld als rechter der beiden Innenverteidiger gespielt, wo ich auch stärker bin. Bei Hertha spiele ich auf der linken Seite, daran muss ich mich erst gewöhnen, war aber die Hälfte der Hinrunde verletzt.“ Mijatovic bittet also noch um ein wenig mehr Zeit, ehe er abschließend zu bewerten sein soll.

Forderung nach einem "zu Null"

Auch ohne Mijatovic gelangen Hertha zwei Siege zum Rückrundenstart, 3:1 in Oberhausen und 4:2 gegen Düsseldorf – und durch diese Maximalausbeute von sechs Punkten die Rückkehr an die Tabellenspitze. Mijatovic lobt, wie sich das Team auf dem Weg dorthin auch von zwischenzeitlichen Rückschlägen nicht aus dem Konzept habe bringen lassen. Er interpretiert das als das Ergebnis von mit der Zeit bei allen Protagonisten gestiegenem Vertrauen in die eigenen Stärken.

Gleichwohl hat er als Tribünengast insbesondere gegen Düsseldorf ein paar Nachlässigkeiten beobachtet, von denen er fordert, dass sie sich am Sonntag in Bielefeld nicht wiederholen mögen. Die Offensivabteilung kreiere nun infolge verbesserten Zusammenspiels zwar mehr Chancen als noch während der ersten Saisonhälfte. Doch das noch zu oft zu Lasten der kollektiven Rückwärtsbewegung. „Die Jungs haben zu viel nach vorne gedacht und waren nach hinten zu nachlässig.“

Hier eine für beide Aspekte des Spiels dienliche Balance zu finden, nämlich torgefährlich und kompakt zugleich zu sein, müsse die Herausforderung für die nahe Zukunft sein. „Der Angriff schießt Tore. Aber die Abwehr bringt am Ende den Erfolg“, bemüht Mijatovic eine für alle Teamsportarten ewig gültige Floskel. Gegen den schon abgeschlagenen Tabellenletzten Bielefeld („Ich leide mit der Arminia, aber wir haben den Sieg genauso nötig“) will Mijatovic im dritten Spiel der Rückrunde zum ersten Mal wieder zu Null spielen. „Das“, sagt er, „muss am Sonntag unser Ziel sein.“