Hertha-Brüder

Ronny und Raffael - Da geht noch mehr

Die Brasilianer Ronny und Raffael spielen bei Hertha BSC hervorragenden Fußball. Trainer und Spieler sehen eine weitere positive Entwicklung für die künstlerisch hoch veranlagten Brüder.

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Es war einmal ein Fußballprofi, den Hertha BSC im Ausland entdeckt hatte. Er war Stürmer, seinen Torriecher durfte er zu Beginn seiner Zeit in Berlin an vorderster Front ausleben – und hier und da schoss er den Ball auch ins Tor. Doch dann wechselte der Trainer, und der neue Mann hatte andere Pläne mit der Offensivkraft. Also zog er sie weiter nach hinten, und dieser gelernte Stürmer war – Eyjólfur Sverrisson, 1995 von Besiktas Istanbul nach Berlin gekommen. Als Abwehrspieler fand er sogar Eingang in Herthas Jahrhundertelf.

Es ist also mitnichten noch nie zuvor da gewesen, was Raffael dieser Tage widerfährt. Denn auch der 25 Jahre alte Brasilianer kam auf Drängen von Lucien Favre vor etwas mehr als drei Jahren als zusätzliche Kraft für das Offensivspiel zu Hertha – wo er unter Markus Babbel nun in einer so zurückgezogenen Rolle wie nie zuvor in seiner Karriere angekommen ist. Im defensiven Mittelfeld lässt Favres Nachnachfolger als Trainer den Spielmacher Raffael neuerdings seinen Dienst verrichten. Er hätte, sagt Babbel, dem anfangs verdutzten Raffael dessen Versetzung so erklärt: „Da kann er sich besser der Bewachung durch die Gegenspieler entziehen und das Spiel von hinten leiten.“

Auch weiter möchte Raffael Tore schießen oder vorbereiten. Des Gegners Strafraum und dessen Peripherie bleiben sein bevorzugtes Revier. Dass der fußballerische Feingeist sich trotzdem für seine neue, mehr rustikales Wirken fordernde Aufgabe hat öffnen können, hat in erster Linie mit dem Zuzug eines ihm besonders wichtigen Mitspielers zu tun. Dass Hertha im Sommer Raffaels Bruder Ronny verpflichtet hat, bedeutet für beide Profis das höchste berufliche Glück. Und jetzt, da Ronny anfängliche körperliche Defizite soweit abgearbeitet hat, dass Babbel ihn guten Gewissens am Mannschaftssport Fußball teilnehmen lassen kann, sind die Brüder ohnehin bester Laune. In einem ihm so kommoden Umfeld grätscht Raffael dann eben auch, wirft sich in Schüsse des Gegners oder erobert anderweitig Bälle kurz vor dem eigenen Strafraum – etwas, woran der geneigte Hertha-Betrachter sich gewöhnen muss. „Und klar“, sagt Babbel: „Raffa ist kein typischer Sechser. Trotzdem kann er die Position bestreiten. Er läuft wie eine Maschine. Obendrein hat er, da bin ich sogar etwas überrascht, ein richtig gutes Zweikampf-Verhalten.“

Dieses bewies der Brasilianer schon zum Ende der Hinrunde in einem mehr als komplizierten Spiel in Augsburg (1:1). Und erneuerte den Eindruck im neuen Jahr, in Oberhausen (3:1) und zuletzt gegen Düsseldorf (4:2). Zwei Siege und ein Unentschieden zeitigte Hertha in jenen drei Partien – auch dank des kämpfenden Spielmachers. Prompt sprechen nicht wenige Beobachter vom „besten Raffael aller Zeiten“ – weil er das Spiel belebt wie eh und je, aber jetzt auch in anderen Bereichen des Spiels gereift ist. Der Kapitän etwa, Andre Mijatovic, erhebt Raffael spielerisch und technisch vielleicht ein wenig voreilig in den Bereich der „Weltklasse“, doch der Sinn dahinter ist klar. Am Ball kann Raffael – genau wie Ronny – fast alles. „Aber die vergangenen zwei, drei Spiele war er auch kämpferisch super“, lobt Mijatovic. Nach seinem Dafürhalten habe Raffael nun verinnerlicht, dass qualitativ kaum ein Gegner mit ihm persönlich oder Hertha als Team mithalten könne – doch dass dieser Vorteil nur dann zum Tragen komme, wenn die Berliner Künstlertruppe umgekehrt auch den Fußballarbeitern im Unterhaus mit Kampf begegne. „Dieser Entwicklungsprozess“, sagt Mijatovic, „war wichtig für Raffael als Spieler, aber auch für uns als Mannschaft.“

Wenn jetzt noch....– denn es geht noch immer besser für Hertha, das noch wartet auf den „besten Ronny aller Zeiten“. Diesem fußballerisch kaum weniger begnadeten Linksfuß attestiert Babbel „geniale Momente“, sieht den Jüngeren „insgesamt aber erst bei 60 oder 70 Prozent“. Was gemessen an der schon zur Schau gestellten individuellen Klasse auch ein hübsches Versprechen an die Zukunft sein mag, ist im Hier und Jetzt die Kritik an Laufbereitschaft und Entschlossenheit, wie nicht zuletzt Raffael sie schon an den Tag legt. „Bei aller Technik, bei aller Übersicht – das gehört auch dazu“, mäkelt Babbel und führt zur Veranschaulichung seines Missfallens jene Situation an, die gegen Düsseldorf zum zwischenzeitlichen 2:2 führte und eine aus Berliner Sicht an sich deutlich überlegen geführte Partie unnötig spannend machte. Die Weise, wie der Ausgleich zustande kam, „hatten wir in der Video-Vorbereitung explizit besprochen. Raffa und Kaka haben ihm das übersetzt, dass sein Gegenspieler immer Doppelpässe fordert“, erzählte Babbel – und fügte dem hörbar genervt an: „Da muss Ronny halt auch mal hinschauen und zuhören.“

Als Kapitän Mijatovic von diesen harschen Worten Babbels hört, legt er verbal versöhnlich den Arm um den manchmal etwas apathischen, aber im Grunde doch lernwilligen Kollegen. Ja, auch er vermisse bei Ronny noch das allerletzte Maß an Entschlossenheit im Defensivverhalten, sagt Mijatovic. Und doch habe er, der gegen Düsseldorf ein letztes Mal rotgesperrt von der Tribüne aus zusehen musste, Ronny in diesem Spiel „nicht so schlecht gesehen“ wie viele andere; indessen: „Jetzt, wo er körperlich fit ist, genügt es nicht, nur mit nach hinten zu laufen. Er muss noch präsenter werden, noch näher am Mann sein. Da hat er noch Luft nach oben.“