Aufstiegskampf

Warum Hertha Lasoggas Verletzung verkraftet

Nach nur 13 Ligaspielen scheint Pierre-Michelle Lasogga für Hertha BSC unverzichtbar zu sein. Morgenpost Online erklärt, warum die „Mission Wiederaufstieg" trotz seiner Verletzung auf einem guten Weg ist.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Bongarts

Sie schießen Tore, sie führen die Tabelle in Liga zwei an. Sie fühlten sich so gut. Doch schon eine Nacht nach dem 4:2 gegen Fortuna Düsseldorf waren die Sorgen zurück bei Hertha BSC. Die schlechte Nachricht kam als Fünfzeiler: Pierre-Michel Lasogga (19) hat sich in der gewonnenen Partie eine Zerrung des vorderen Kreuzbandes im linken Knie zugezogen. Wann der Torjäger für den Spitzenreiter der Zweiten Liga wieder spielen kann, ist offen. Eine Diagnose über die Ausfallzeit des Shooting-Stars ist erst Mitte der Woche möglich. Hat er Glück, muss er einige Tage aussetzen und kann am Sonntag bei Arminia Bielefeld wieder stürmen. Hat er Pech, droht eine wochenlange Pause.

Doch trotz der Ungewissheit in der Personalie Lasogga – der Aufschwung beim Hauptstadt-Klub ist unverkennbar. Der Rückrunden-Start mit zwei Siegen ist optimal ausgefallen. Morgenpost Online beschreibt, warum die „Mission Wiederaufstieg“ auf einem guten Wege ist.

• Knallharter Konkurrenzkampf

Lasogga, der erst seit Mitte November in der Startelf aufgeboten wird, hat die Rivalität im Sturm auf eine neue Ebene gehoben. Seine Bilanz aus den letzten acht Einsätzen: sechs Tore, zwei Vorlagen. Nicht nur für ein Greenhorn, das gerade das erste Jahr bei den Profis spielt, eine sensationelle Serie. Die hat den neuen Darling des Berliner Boulevards bis ins Notizbuch von U20-Nationaltrainer Frank Wormuth gebracht. Vor allem hat Lasogga damit den kanadischen Nationalspieler Rob Friend (30) auf die Bank verdrängt. Der Bundesliga-erfahrene Routinier hat sich nach einer Formkrise zum Ende der Hinrunde in der Rückrunden-Vorbereitung stark präsentiert. Aber er musste anerkennen: Der Youngster war einfach besser.

Doch wieder einmal bewahrheitet sich die alter Trainer-Weisheit: Es braucht mehr als elf Spieler für eine Saison. Sollte Lasogga nun ausfallen, schlägt die Stunde von Friend.

Nicht nur auf der Position des Stoßstürmers zeigt sich: Kein Konkurrent verfügt über eine so starke Bank wie der Bundesliga-Absteiger. So kann es sich Hertha leisten mit Valeri Domovchiyski seit sieben Wochen den drittbesten Torschützen im Team auf der Bank zu lassen (fünf Tore, ein Assist). Auf den Außenbahnen sind im Moment Adrian Ramos und Nikita Rukavytsya gesetzt. Aber auch Ronny und Nico Schulz üben Druck auf die Platzhirsche aus, permanent Leistung bringen zu müssen. Publikumsliebling Patrick Ebert schafft es nicht mal in den 18er-Kader.

Ähnlich überbesetzt ist das defensive Mittelfeld. Die Doppel-Sechs mit Peter Niemeyer und Fabian Lustenberger ist Bundesliga-reif. Fanol Perdedaj entwickelt sich gut. Mit Raffael ist ein Überraschungsgast auf dieser Position aufgetaucht, und mit Marvin Knoll und Alfredo Morales (beide 20) steht die Zukunft in den Startlöchern. Hertha konnte sich den Luxus erlauben, Rekordspieler Pal Dardai zur U23 zu delegieren. Ähnlich sieht es bei den Manndeckern aus. Dort haben Sebastian Neumann und Kaka bewiesen, dass sie starke Vertreter der gesetzten Roman Hubnik und Andre Mijatovic sind.

• Verschlankter Kader

Bei allem Konkurrenzkampf birgt die Situation Frustpotential für jene, die keine Einsatzchancen haben. Darauf reagiert der Zweitligist mit einer Ausdünnung des Kaders. Linksverteidiger Shervin Radjabali-Fardi (19) wurde bis Juni 2012 an Alemannia Aachen ausgeliehen. Sascha Bigalke wäre bei Liga-Konkurrent Arminia Bielefeld gelandet, hätte ihm ein Fußbruch nicht einen Strich durch den Wechsel gemacht. Zum österreichischen Nationalspieler Daniel Beichler sagte Trainer Babbel: „Er muss mir mehr zeigen, das er unbedingt will. Er ist ein junger Spieler. Er braucht Praxis. Wenn er sich bei uns nicht weiterentwickeln kann, muss er es über den zweiten Bildungsweg versuchen.“ Heißt: Auch Beichler, erst im Sommer verpflichtet, soll noch bis Ende der Transferperiode am Montag (31. Januar) verliehen werden. Auch Kaka darf gehen, wenn er einen Verein findet.

Die Verschlankung setzt Babbel vor Spielen fort. Beim Abschlusstraining wird der 28er-Kader auf maximal 20 Profis reduziert. Babbel: „Die Zeit der Experimente ist vorbei. Jetzt geht es um alles.“

• Verbesserte Fitness

Frappierend ist die körperliche Verfassung der Mannschaft. Nach der Schlampigkeit des vergangenen Sommers profitiert die Mannschaft zur Rückrunde von der Konditionsarbeit. Am deutlichsten ist das bei Ronny auszumachen. Auch Lasogga oder Rukavytsya sind um Klassen stärker unterwegs. Folge: In beiden Spielen dieses Jahres (3:1 in Oberhausen, 4:2 gegen Düsseldorf) vermochte Hertha zum Ende noch zuzulegen.

• Taktische Entwicklung

Nach längerer Suche samt fehlender Stabilität in der Hinrunde, präsentiert sich die Mannschaft nun gefestigter. Mittlerweile wechselt die Mannschaft je nach Spielsituation zwischen den Systemen. Bei eigenem Ballbesitz wird auf eine offensive 4-1-4-1-Taktik umgestellt. Die kann sich auch zu einem 4-4-2 verschieben, wo Ramos und Lasogga die Sturm-Positionen einnehmen. Hat der Gegner das Spielgerät, versucht Hertha die Räume eng zu machen mit einer kompakten 4-2-3-1-Taktik. Die defensiven Schwächen, die Hertha dennoch regelmäßig offenbart, zeigen: Bei der Auslegung der Taktik hat Hertha noch Luft nach oben.

• Gewachsene Mentalität

In der Hinrunde hat die Mannschaft mehrfach auf Rückschläge keine Antworten gefunden. Aktuell indessen hat der Tabellenführung eine mentale Ausstrahlung, die die Konkurrenz beeindruckt. Gegen RWO musste Hertha das zwischenzeitliche 1:1 hinnehmen, geriet gegen Düsseldorf 0:1 in Rückstand. Später in der Partie geriet der sicher geglaubte Sieg in Gefahr, als das 2:2 fiel. Auf jede dieser Herausforderung fanden die Berliner die passende Antwort. In Oberhausen war es die Kampfkraft von Lasogga, der das vorentscheidende 2:1 erzwang. Die Stimmung im Team im Olympiastadion beschrieb der 19 Jahre junge Perdedaj: „Vor diesen Fans bei uns zu Hause? Da musst du gewinnen. Das ist Pflicht. Deshalb mussten wir nach dem 2:2 nochmal zulegen.“

So viel Sieger-Mentalität war lange nicht mehr bei den Blau-Weißen. Auch der sonst eher kritische Trainer sagte: „Mir gefällt, dass die Mannschaft nach Rückschlägen immer wieder zurückkommt.“

Trotz des gelungenen Jahres-Auftakts macht die Mannschaft nicht den Eindruck, als würde sie überheblich werden. 15 Endspiele hat Hertha noch bis zum Saisonende. Stürmer Adrian Ramos sagt nach dem 4:2 gegen Düsseldorf: „Es geht noch besser.“