Hertha BSC

Janker ist mehr als ein Gute-Laune-Bär

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Daniel Stolpe

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Hinter dem Abwehrspieler Christoph Janker liegt ein halbes Jahr voller Verletzungen und Rückschläge. Am Mittwoch trainiert der 26-Jährige erstmals wieder mit den Kollegen - und brennt auf sein Comeback.

Christoph Janker sagt, dass er sich natürlich über dies und das im Leben an sich und auch so manche ihm in seiner Profikarriere widerfahrene Ungerechtigkeit beklagen könnte. Er sagt, dass er aber auch einfach seine Hose herunterlassen kann. Dann bekommt er jene Narbe an der Außenseite seines rechten Oberschenkels zu sehen, die ihn zwangsläufig daran erinnert, welches Glück im Unglück er gehabt hat. 35 Zentimeter lang ist jener dauerhaft bleibende Eindruck und das Ergebnis von gleich fünf Operationen, die Janker Ende vergangenen Jahres über sich hat ergehen lassen müssen; zwei, um das Bein zu retten und weitere drei, um die hässliche Wunde nach und nach auf ihrer gesamten Länge wieder zu schließen.

Fußball spielen, das an sich schöne Dasein als Profi – all das war für den 26 Jahre alten Angestellten von Hertha BSC zu dieser Zeit weit weg. „Die schlimmste Zeit in meiner Karriere“, nennt Janker jene drei Wochen von Ende November an, in denen er nicht mehr tun konnte, als im Krankenhausbett zu liegen und die Gedanken daran zu verscheuchen, ob denn der furchtbarste Fall eintreten könnte – und das geschädigte Bein sogar amputiert werden muss. „Diese Gedanken hatte ich“, sagt Janker, und er dankt Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher und Physiotherapeut Reinhard Mörz, die dem Patienten nicht nur seine Angst nahmen, sondern die Wunde auch übervorsichtig behandelten, damit es nur ja zu keiner weiteren Infektion des Gewebes kommen möge. 23 Stunden eines Tages verbrachte Janker im Bett, das Bein durfte er nicht bewegen. Noch nicht einmal der Gang zur Toilette konnte selbsttätig erfolgen. In manchen Momenten seiner Niedergeschlagenheit wollte Janker mit keinem Menschen sprechen.

Dabei war der Auslöser des ganzen Dilemmas doch vergleichsweise harmlos gewesen. Ein Tritt eines Gegenspielers gegen den Oberschenkel, der nicht so schmerzhaft war, als dass Janker im Spiel der U23 von Hertha BSC in Lübeck nicht hätte durchspielen können. Anfangs unbemerkt hatte dieser Tritt aber eine Einblutung verursacht, der Druck auf Muskeln und Nerven nahm zu – was bald für solch höllische Schmerzen sorgte, dass Janker glaubte, sein Oberschenkel würde explodieren. Im Martin-Luther-Krankenhaus öffnete das Team um Prof. Wolf Petersen, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, das Bein auf besagten 35 Zentimetern Länge, um den Druck entweichen zu lassen.

„Total zufrieden“, sagt Janker heute, sei er mit dem Status quo. Dabei hatten ihn zwei Narkosen binnen zwölf Stunden und der massive Blutverlust in der ersten Zeit danach „so kaputt wie nie im Leben zuvor“ sein lassen. Umso unglaublicher kommt es Janker vor, dass er gestern tatsächlich zum letzten Mal individuell trainiert hat, ehe er heute ab 10 Uhr zum ersten Mal wieder im Kreise der Kollegen wird üben dürfen. „Vor vier Wochen konnte ich keine Treppe hoch laufen, da habe ich seitdem schon viel geschafft“, sagt Janker, und in seiner Stimme klingt Stolz über das Geleistete mit. „Ich bin wieder gesund“, sagt er, „und der Rest“, die fußballspezifischen Feinheiten also, der werde nun schon „über das Training zurückkommen“. Natürlich, die in der Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte so wichtige, weil über die Verteilung der Stammplätze mitentscheidende Arbeitswoche im Trainingslager in Portugal hat er nur rein physisch mitgemacht, indem er zwar anwesend war, aber stets nur am Rande mit den Physiotherapeuten und Fitnesstrainern arbeitete. Die immerhin bescheinigen Janker „maximalen Ehrgeiz“. Doch Janker ist Realist genug um zu akzeptieren, dass Trainer Markus Babbel kaum seinen Namen zuerst rufen wird, wenn es um die Startelf für den Rückrundenauftakt kommenden Montag in Oberhausen gehen wird.

Erst sieben Minuten gespielt

Trotzdem sei für ihn „vom Kopf her wichtig gewesen, unbedingt mitfahren zu können“, sagt Janker. Damit er den Kontakt zur Mannschaft hielt, auch mental. Was gerade für einen Janker nicht leicht ist und daher umso wichtiger. Denn selbst wenn er gesund ist, ist der Hertha-Profi mit der Rückennummer „6“ häufig so etwas wie das fünfte Rad am Wagen: immer dabei, aber selten aktiv. Nun verhinderten gleich zwei schwere Verletzungen – schon den gesamten Oktober war er wegen einer Überdehnung des Syndesmosebandes komplett ausgefallen –, dass Janker im bisherigen Saisonverlauf auf mehr als sieben Einsatzminuten für den Zweitligisten kommt. Kaum gespielt, zweimal schwer verletzt – „diese Vorrunde war für mich sportlich und gesundheitlich ganz schlecht“, sagt Janker. Mut aber macht ihm eines: Wann immer er fit war, stand er zumeist auch im Kader. Und das ist bei einem Team wie Hertha, wo wenigstens 26, 27 Spieler um Berücksichtigung von Trainer Markus Babbel buhlen, doch immerhin schon ein Teilerfolg. Spielen will auch Janker. Ich bin nicht nur der Gute-Laune-Bär, der sich schon freut, wenn er mit zu Auswärtsspielen fahren darf. Wenn ich fit bin, will ich auch eingesetzt werden.“ Ohne deshalb gleich im Hintergrund zu stänkern, wenn es anders kommt.

Janker will spielen – für manchen klingt das wie eine Drohung. Denn sein Name ist fest verbunden mit dem Trainer, der Hertha den Abstieg beschert hat. Jener Friedhelm Funkel kam im Rahmen seines erfolglosen Wirkens in Berlin irgendwann auf die einzigartige Idee, er könne den gelernten Abwehrspieler Janker doch auch im defensiven Mittelfeld spielen lassen. Noch nicht einmal der Betroffene selbst weiß bis heute, „was Funkel damit bezwecken wollte“, fest steht nur: „Es hat nicht geklappt.“ Doch seitdem murren Teile des Publikums schon, wenn der Einwechselspieler Janker nur an den Rand des Spielfeldes tritt.

Janker sagt, er habe dergleichen nie mitbekommen. Es ist ihm auch egal. Er wollte bei Hertha und in Berlin bleiben: „Um mitzuhelfen, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.“ Ohne die Verletzungen hätte er sich auch „durchaus zugetraut, eine Rolle wie zu Bundesligazeiten zu spielen – wenn nicht mehr.“ Immerhin wüsste er, der mit Hoffenheim schon einmal in Liga eins aufgestiegen ist, welche Tugenden auf dem langen Weg hin zu einer solchen Beförderung gefragt sind, die in dieser Saison auch Hertha BSC anstrebt.