Zweite Liga

Lasogga will in Stammelf und macht Friend Druck

Der Newcomer Pierre-Michel Lasogga ist fest entschlossen, sich einen Stammplatz bei Hertha BSC zu erspielen. Wie sehr er für sein Ziel kämpft, nimmt auch Manager Preetz wahr.

Auf beide Tore lässt Markus Babbel den Abschluss üben. Schnell sollen seine Spieler den Ball nach vorne tragen, so hat der Trainer von Hertha BSC es befohlen, sie sollen das Spiel auf die Seiten verlagern, in die Mitte flanken, schießen. Das Team, das auf diese Weise zuerst zehn Tore erzielt hat, gewinnt. Und Pierre-Michel Lasogga will gewinnen. Also treibt er die Mitspieler an, schneller, schneller, es kann ihm nicht schnell genug gehen. Denn auch die anderen treffen. Also muss die Konkurrenz aus dem Konzept gebracht werden.

Lasogga schwatzt den Gegenspielern ins Ohr, er flucht, er protestiert, seine Stimme ist es, die am deutlichsten vernehmbar über den Trainingsplatz hallt. Die Kollegen sind genervt, Torwarttrainer Christian Fiedler mahnt zu Mäßigung – und Babbel? Der grinst nur. „Solche Spieler“, sagt er anderntags, „haben wir noch viel zu wenige.“ Solche, die „hochgradig ehrgeizig“ sind, die nicht verlieren können. Aber die, wie Lasogga, „auch demütig sind und wieder runterfahren können“. Den 19 Jahre alten Stürmer zeichne es aus, immer gewinnen zu wollen – „deshalb ist er da, wo er angekommen ist“, sagt Babbel. Wo Lasogga für den Moment angekommen ist, lässt sich recht gut am bislang letzten Pflichtspiel ablesen.

In Augsburg fand das statt, der Tabellenführer der Zweiten Liga empfing zum Finale der Hinrunde den auf Rang zwei notierten Gast aus Berlin. Der beließ neben Kolumbiens Nationalstürmer Adrian Ramos auch den vor Saisonbeginn als Königstransfer apostrophierten Rob Friend auf der Bank, der Hertha beim Kauf aus Mönchengladbach immerhin das für Zweitliga-Verhältnisse doch üppige Sümmchen von 1,8 Millionen Euro wert gewesen war. Es spielte stattdessen: Lasogga, vergangene Saison mit 25 Toren bester Schütze – der Weststaffel der A-Junioren-Bundesliga. Wäre ihm im Sommer eine Wette angeboten worden, dass es so kommen würde, „hätte ich natürlich eingeschlagen“, sagt der Begünstigte: „Ich hätte nur nicht zu 100 Prozent damit gerechnet.“

Womit Lasogga die zweite Seite von sich erzählt, nämlich jene, die einen bescheidenen und bodenständigen jungen Mann zeigt. „Eine große Klappe“, sekundiert Manager Michael Preetz, „hat Pierre nur auf dem Platz. Ansonsten ist er total geerdet.“ Keinerlei Anzeichen hätten er und sein Team, sagt auch Trainer Babbel, dass Lasogga durchdrehen könne. Es steht wohl wirklich kaum zu erwarten. Erst die Leistung, dann die Ansprüche – so umschreibt Lasogga seine Berufsauffassung. Dabei hatte sein A-Jugend-Trainer ihm doch prophezeit, die vergangene Saison wäre die vorerst letzte gewesen, in der Lasogga sich als Führungsspieler habe fühlen dürfen. Was im Prinzip erwartbar war für einen, der vom Nachwuchs- in den Profibereich geht und dabei auch gleich noch vom beschaulichen Leverkusen in die Hauptstadt wechselt. Doch dort erlebt Lasogga bei Hertha „eine enorm junge Mannschaft, da muss jeder mit anpacken“, auch die Jungen – und er reklamiere bei aller Bescheidenheit ja schon für sich, bereits einiges an Leistung gezeigt zu haben. „Da darf ich auch mal was sagen, auch mit 19 schon.“ Pures Selbstbewusstsein. Welches nicht überrascht, schließlich hat Stiefvater Oliver Reck als Fußballprofi (Bremen, Schalke) daheim Professionalität und Erfolgsgier vorgelebt.

Elf Einsätze stehen für den jungen Stürmer in seiner ersten Profisaison bislang verzeichnet; seit dem sechsten Spieltag kam Lasogga nur noch einmal nicht zum Einsatz, aber spielte viermal über die volle Spielzeit. Mit drei Saisontoren hat er Friend vorerst aus vorderster Front verdrängt, zumindest aber bedrängt er den Kanadier wesentlich vehementer, als der es sich zu Saisonbeginn hat vorstellen können. Dem ehemaligen Mittelstürmer Preetz geht es ganz genauso. „Es konnte keiner erahnen, dass Pierre so schnell zupacken würde. Er hat eine enorme Entwicklung hinter sich, er gibt in jedem Training 100 Prozent und mehr. Es ist klasse, so einen Spieler zu haben, der solch einen Druck auf Rob und auf den Trainer ausübt.“

Wobei Druck nicht gleichzusetzen ist mit dem erbitterten Konkurrenzkampf mit Friend, der beide zu eiskalten Rivalen gemacht habe, die kein Wort mehr miteinander sprechen und sich keines Blickes mehr würdigen, wie der Boulevard es berichtet. „Die reden natürlich miteinander, und die unterstützen sich auch. Rob geht mit der Situation als erfahrener Platzhirsch sehr gut um“, sagt Preetz. Auch Lasogga kann mit solchen Aufgebauschtheiten wenig anfangen. Sein Umgang mit Friend sei „echt professionell“, und um diese These zu belegen, erzählt er, wie beide vor einigen Wochen nach dem Training noch einige Minuten lang aufs Tor geschossen hätten. Indem sie beide jeden Tag hart arbeiten würden, machten sie sich selbst und sich gegenseitig nur noch besser – und damit auch das Team. „Und nur darum geht es doch“, sagt Lasogga aufrichtig. „Es gibt keine Zickigkeiten. Bei Spielen wünscht der, der draußen sitzt, dem anderen viel Erfolg.“ Nun möchte mancher sagen, Lasogga hat leicht reden. Denn Erfolg hatte zuletzt ausschließlich er.

Mit seinem etwas schwerfällig wirkenden, aber stets so leidenschaftlichen Spielstil, mit seiner Energie und seinem Maß an Begeisterung war er zum Gesicht der neuen, der frischen, der jungen Hertha geworden, die in Teilen der ersten Saisonhälfte populär geworden war. Den zu dieser Zeit entstandenen Hype um seine Person hat er wohl registriert. „Ein schönes Gefühl“ sei das, sagt Lasogga, gleichwohl aber nur eine „Momentaufnahme, die ich im Stillen genossen habe“. Er weiß um den Zusammenhang von Hype und Toren. „Triffst du nicht, sieht es schnell wieder anders aus.“ Mit solchen für Stürmer wie ihn ewig geltenden Gesetzmäßigkeiten des Fußballs gut und umzugehen, das sei eines der Geheimnisse, was seine Vorbilder über Jahre hinweg erfolgreich hat werden lassen. Einen Rooney, einen Drogba und wie sie alle heißen, die herausragenden Stürmer der von Lasogga ob ihres körperbetonten und allzeit angriffslustigen Spielstils von klein auf bewunderten Premier League.

Aber Lasogga lebt nicht in Wolkenkuckucksheim. Er sieht sich nicht in einem und auch nicht in – sagen wir – drei Jahren in England Fußball spielen. Jedenfalls sagt er das nicht öffentlich. Ebenso wenig würde er es Joachim Löw, dem Bundestrainer, zum Vorwurf machen, sich bis jetzt nicht gemeldet zu haben. „Das“, sagt Lasogga und lacht laut auf, „wäre alles Quatsch.“ Erst die Leistung, dann die Ansprüche – Lasogga wiederholt es wie ein Mantra. „Ich habe jetzt ein Zwischenziel erreicht. Aber es geht noch deutlich weiter.“ Hoffentlich. „Ja, hoffentlich. Man hat immer Ziele – auch entfernte.“

Diese auch zu erreichen, wird Lasogga von seinem Trainer aus heutiger Sicht durchaus zugetraut. „In zwei, drei Jahren“, glaubt Babbel, „kann aus Pierre ein sehr guter Bundesliga-Stürmer geworden sein.“ Das zu schaffen, liege nur an Lasogga selbst, „die Voraussetzungen dafür hat er“, sagt Babbel und zählt neben einer guten Statur noch Beidfüssigkeit, Schnelligkeit – „auch auf den ersten Metern, was man so oft gar nicht denkt“ – und dazu inzwischen auch das nötige Maß an Fitness auf. Die Mentalität stimmt sowieso. Wo Spieler in seinem Alter „oft ruhig und angepasst“ wären, da sei Lasogga „anders“, findet Babbel. Und betont, dass das „absolut nicht negativ“ zu verstehen sei.

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