Hertha BSC

Markus Babbel lässt die jungen Wilden los

Bei Hertha werden Talente nicht gekauft, sondern gemacht. Auch Trainer Babbel setzt auf die Youngsters. Gegen Tabellenführer Alemannia heute Abend muss sich zeigen, wer in der Startelf das Rennen macht.

Foto: Bongarts/Getty Images

Spielt er oder spielt er nicht? Nico Schulz (17) hat einen spektakulären Einstand in der Startelf von Hertha BSC beim 1:0 in Cottbus gegeben. Dynamisch, unerschrocken. Schulz ließ sich weder von der Hektik im ausverkauften Stadion der Freundschaft beeindrucken noch von einem üblen Foul, mit dem Energie-Verteidiger Brzenska versuchte, dem Youngster den Schneid abzukaufen. Insofern darf sich Schulz zu Recht Chancen ausrechnen, am Montgabend erneut in der Anfangsformation zu stehen, wenn der Tabellenführer Alemannia Aachen empfängt (20.15 Uhr/Sport 1, live im Morgenpost-Ticker ).

Ungeachtet des schwierigen Termins rechnen die Gastgeber beim ersten Montagsheimspiel seit über einem Jahrzehnt mit rund 35.000 Fans. Ein Grund für die Sympathiewelle, die dem Bundesliga-Absteiger entgegenschlägt, sind die vielen Eigengewächse, auf die Hertha setzt.

Der Hauptstadt-Klub hat sich zwar seit Jahren für sein Nachwuchssystem feiern lassen. Die These lautete: Hertha kauft keine Stars, die werden selbst entwickelt. Malik Fathi war 2006 der erste Youngster, der es von der eigenen Talentschmiede bis in die Nationalelf gebracht hat. Doch solange die Jugendarbeit forciert wird, solange gibt es Klagen, dass zu wenige Spieler in der Profimannschaft der Berliner landen. Ashkan Dejagah (ablösefrei zum VfL Wolfsburg) und Jerome Boateng (für 1,1 Mio. Euro Ablöse zum HSV) sind nur zwei Beispiele für Hoffnungsträger, die Hertha unter Wert abgegeben hat.

Das hat sich grundlegend geändert. Schulz hat in fünf der sechs Saisonpartien gespielt. Marco Djuricin (17) gab am ersten Spieltag einen Sensations-Einstand mit zwei Toren gegen Oberhausen. Fanol Perdedaj (19) kam vier Mal zum Einsatz. Außerdem im Rennen: Pierre-Michel Lasogga (18), Sebastian Neumann (19) und Sascha Bigalke (20).

Zusatzarbeit für Manager Preetz

Die Jugendwelle ist kein Zufall. Hertha hat sich die Sünden der Vergangenheit genau angeschaut. Mit Markus Babbel hat Manager Michael Preetz einen Trainer verpflichtet, der schon auf der vorangegangenen Station in Stuttgart als Talent-Entwickler aufgefallen war.

"Durch den Abstieg haben wir eine Situation, dass die Jungen in der Zweiten Liga ins kalte Wasser geworfen werden." Dafür ist Trainer Babbel zuständig. Der allerdings besteht darauf: "Ich habe keinen Jugendwahn. Die Jungs spielen, weil sie sich die Einsätze verdammt hart erarbeiten." Dennoch ist festzuhalten: Babbel traut sich was. Sein Credo: Wenn zwei gleich gut sind, spielt der Jüngere. Das machen nicht viele Trainer so. Häufig setzen Übungsleiter (auch zum Selbstschutz) auf Namen und den Faktor Erfahrung.

Noch einen anderen Punkt hat Hertha geändert. Als Konsequenz aus der Ära von Trainer-Vorgänger Lucien Favre haben Preetz und alle Jugendtrainer jetzt jede Woche einen langen zusätzlichen Termin im Kalender. Favre hatte zwar mit Bigalke, Lennart Hartmann, Radjabali-Fardi und Florian Riedel vier Youngster zu den Profis genommen, doch keiner von denen hat den Durchbruch geschafft. Als ein Grund dafür wurde ein Mangel an Spielpraxis ausgemacht. Jetzt stimmt sich der Manager, meist am Donnerstag jeder Woche, in einer langen Sitzung mit Karsten Heine (Trainer U 23), Rene Tretschok (U 19) und Andreas Thom (U 17) ab, wer bekommt wo wie viel Einsatzzeit. So wenig Trainer Babbel in seiner Mannschaft wechselt, so kräftig wird zwischen den Altersstufen rotiert. Djuricin hat in der Woche vor seinem Oberhausen-Spiel in der A-Jugend gekickt. Perdedaj hat einen Regionalliga-Einsatz, Bigalke zwei, Neumann vier. Preetz: "Wir investieren mehr Zeit als früher, um die Talente optimal zu integrieren."

Gleichwohl zeigt die aktuelle Situation, dass die Perspektiven der Jungen sehr verschieden sind:

Fanol Perdedaj

Der defensive Mittelfeldspieler ist Opfer der Systemumstellung von zwei auf einen Abräumer vor der Abwehr. Nach drei Einsätzen in der Startelf muss sich der 19-Jährige derzeit gedulden. "Ich habe mich sehr gefreut zu spielen. Das ist jetzt schon bitter. Aber ich gebe nicht auf und versuche mich mit guten Leistungen im Training anzubieten." Prognose: Da auch Konkurrent Lustenberger genesen ist, wird es schwer für Perdedaj.

Marco Djuricin

Der Österreicher sorgte mit seinem Doppelpack gegen Oberhausen dafür, dass Hertha einen guten Saisonstart hatte. Umgehend verlängerte der Verein den Vertrag mit dem Rohdiamanten bis 2014. Doch seither muss er sich hinten anstellen. Djuricin sagt: "Wir haben so viele starke Offensivspieler, das gehört dazu. Geduld ist eine der wichtigsten Tugenden für einen Profi." Prognose: Djuricin macht seinen Weg.

Pierre-Michel Lasogga

Der Stürmer mit dem unorthodoxen Laufstil wurde durch eine Verletzung in der Vorbereitung zurückgeworfen. Nach der Rückkehr hat er drei Tore in der Regionalliga erzielt, bei der Profi-Premiere in Cottbus gleich eine Großchance gehabt. Prognose: Lasogga wird Herthas Überraschungsstürmer.

Sascha Bigalke

Der Junioren-Nationalspieler räumt ein: "Es ist traurig." Bigalke erlebt die Kehrseite des Profigeschäfts: den permanenten Druck. Trainer Babbel sagt, er habe keinen Vorwurf an Bigalke, er trainiere (übrigens ebenso wie Pal Dardai) sehr gut. Dennoch teilt der Coach Bigalke regelmäßig mit, dass er nicht zum 18er-Kader gehört. Sein Vertrag läuft im Juni 2011 aus. Manager Preetz sagt: "Wir geben den Jungen drei Jahre Zeit, um sich zu entwickeln. Dann muss man sich zusammensetzen, um zu klären, was das Beste ist." Prognose: Die Wege von Bigalke und Hertha werden sich trennen.

Sebastian Neumann

Trotz seiner erst 19 Jahre eine Persönlichkeit. Trainer Babbel hätte kein Problem, Neumann sofort in der Innenverteidigung aufzustellen. Prognose: Neumann wird noch lange bei Hertha BSC bleiben.

Nico Schulz

Ein pfeilschneller, technisch guter und beidfüßiger Außenbahn-Spieler. Dazu klar im Kopf. Hertha will den bis 2012 laufenden Vertrag vorzeitig verlängern. Prognose: Schulz wird der nächste Nationalspieler von Hertha BSC.

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