Saisonvorbereitung

Hertha BSC setzt auf Körperkraft und Größe

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Daniel Stolpe

Foto: dpa

Nach dem Abstieg bevorzugt Hertha körperlich robuste Spieler, um dem harten Alltag in der Zweiten Liga gerecht zu werden. Rob Friend, der sich anders als viele seiner Mitspieler im Bundesliga-Unterhaus auskennt, warnt vor harten Zweikämpfen und hässlichen Toren.

Die Torwarthandschuhe hat Maikel Aerts ausgezogen, ein zweites Paar Fußballschuhe hält er unter dem rechten Arm. Der Schweiß rinnt vom kahl geschorenen Schädel, das Training war anstrengend. Vorbereitung ist harte Arbeit. Aber da ist auch die Vorfreude; wie Aerts an diesem sonnigen Julitag auf dem Schenckendorffplatz so in die Ferne blickt, scheint er das Bild schon vor seinem geistigen Auge zu haben: Wenn sie da stehen werden, er und seine Kollegen von Hertha BSC in ihren blau-weißen Trikots – und neben ihnen ihre Gegner, die sich in diesen Momenten im Kabinengang ruhig denken sollen: Puh, nicht nur gut, die Jungs, sondern ganz schön groß gewachsen obendrein.

Riesen in beiden Strafräumen

Der Wunsch ist mitnichten purer Eitelkeit geschuldet. "Größe“, sagt Aerts in 1,96 Meter Höhe, "ist sehr wichtig im Fußball. Größe schafft Eindruck. Das ist pure Psychologie.“ Wenn es denn wirklich so einfach sein sollte, hat Hertha sich eine recht gute Erfolgsbasis geschaffen. Denn nicht nur Aerts fällt in die Kategorie "überdurchschnittlich groß“, da sind auch noch einige andere – und auffälligerweise sind es fast samt und sonders neu verpflichtete Spieler. Andre Mijatovic (1,91 Meter) bildet neben dem noch einen Zentimeter größeren Roman Hubnik fortan die Innenverteidigung des Bundesliga-Absteigers. Sebastian Neumann aus dem eigenen Nachwuchs ist die erste Alternative – und gleichfalls immerhin 1,88 Meter groß. Vorn soll Rob Friend mit seinen 1,95 Metern für Tore sorgen, gern solche, die per Kopf erzielt wurden. Die Herausforderer für den Platz im Sturmzentrum heißen Pierre-Michel Lasogga (1,88 Meter) und bis auf Weiteres auch Adrian Ramos (1,85 Meter).

Damit kein falscher Eindruck entsteht: "Nur mit lauter Riesen erreichst du auch nichts“, sagt Markus Babbel, der neue Trainer und mit 1,91 Metern selbst kein Kleiner. Kreativspieler wie Raffael sind und dürfen auch weiterhin eher klein und flink bleiben.

Aber durchaus bewusst hat Hertha auf den Schlüsselpositionen Wert auf "Körperkraft und Körpergröße“ gelegt, sagt Manager Michael Preetz. Trug doch auch ein Mangel an Durchsetzungsfähigkeit in beiden Strafräumen dazu bei, dass die vergangene Saison mit dem größtmöglichen Unglück endete. Das Umdenken hatte bei Preetz schnell stattgefunden, Babbel befeuerte die Entwicklung noch weiter. "Natürlich“, sagt der Trainer, "hat sportliche Qualität oberste Priorität. Aber wenn ich kann, habe ich als Trainer gern ein paar Klötze in der Mannschaft, die Eindruck auf den Gegner machen.“ Auch Babbel bemüht das Bild, wie seine neuen Riesen sich schon vor Anpfiff von Angesicht zu Angesicht Respekt bei ihren Gegnern verschaffen. "Nicht schaden“ könne es, sagt Preetz mit einem Schmunzeln, "wenn es im Kabinengang etwas dunkler wird.“

Mehr Power bei Standards

Die Kabinengänge der Zweitligastadien kennt niemand im Hertha-Kader besser als Mijatovic, der langjährige Bielefelder und zuvor auch Fürther. Ihn holte Preetz explizit zum Zwecke gesteigerter Kopfballstärke. "Viele enge Spiele werden durch eine Standardsituation entschieden“, sagt der Manager. Mijatovic soll nicht nur dazu beitragen, Hertha vor solchen vermeidbaren Toren zu bewahren: "Er ist pro Saison auch für das eine oder andere Kopfballtor gut.“ Weil für Hubnik dasselbe gilt, bedeutet das neue Duo in dieser speziellen Hinsicht sogar ein Upgrade gegenüber den einst gefeierten Josip Simunic und Arne Friedrich.

Auch Friend kennt die Zweite Liga, aus der er Borussia Mönchengladbach einst mit 18 Saisontoren zurück in die Erstklassigkeit schoss und köpfelte. Aus der Erinnerung an diese Spielzeit 2007/08 sagt er: "Die Zweite Liga ist sehr viel mehr von Physis geprägt als die Bundesliga, wo der Fokus mehr auf dem technisch feinen Spiel liegt. Robustheit ist da von Vorteil.“

Gerade auswärts, "in kleinen, engen Stadien wie in Aue“, wo begeisterte Fans gegen den favorisierten Gast aus der Hauptstadt anbrüllen werden, sieht Friend auf Hertha "harte Spiele“ zukommen. "Da darf man sich nicht umschubsen lassen“, nicht psychisch und auch nicht körperlich, mahnt der Stürmer, der mit Blick auf sich selbst überzeugt davon ist, "dass meine Größe ein Vorteil für mich ist“. Er denkt dabei an Szenen im Luftkampf, "nach Flanken und Ecken“, und generell, sagt er, würden in Liga zwei häufig genug "hässliche Tore“, so genannte ugly goals, erzielt und bejubelt.

Was immer dagegen an Flanken und Ecken in Herthas Strafraum hineinsegeln wird, soll dort die Beute der Innenverteidiger oder in letzter Konsequenz von Torwart Aerts werden. Der neue Mann fühlt sich da ganz sicher. Ja, sagt der Niederländer, Mijatovic und Hubnik als letzter Verteidigungswall geben ihm ein gutes Gefühl.

Anders als für Mijatovic oder Friend ist das Bundesliga-Unterhaus für Aerts Neuland. Geht es nach ihm, beschränkt sich das Kennenlernen auf ein Jahr, an dessen Ende die Erfüllung des allseitigen Zieles steht, der Wiederaufstieg. Er kann, er wird gelingen, glaubt Aerts: "Nach allem, was ich über die Zweite Liga weiß, brauchst du für Erfolg echte Kerle. Da habe ich bei uns ein gutes Gefühl.“

Kein Muskelfaserriss bei Dardai

Eine weitere Meldung macht Hoffnung in der Saisonvorbereitung. Anders als zunächst befürchtet, hat Pal Dardai sich am Mittwoch beim Sprinttraining keinen Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zugezogen. Stattdessen zwingt eine Zerrung den Ungarn nur zu drei bis fünf Tagen Pause.

Allerdings fehlten neben Dardai am Donnerstag auch Fabian Lustenberger und Roman Hubnik, die individuell trainierten, Adrian Ramos (Achillessehnenprobleme) wurde erneut behandelt. Nicht mehr zur Trainingsgruppe der Profis gehören außerdem Shervin Radjabali-Fardi, Marvin Knoll (beide 19) und Alfredo Morales, die von Trainer Markus Babbel zur U23 geschickt wurden und auch nicht ins Trainingslager in Österreich (ab Sonntag) mitreisen werden.