Hertha

Eine Mannschaft erfindet sich neu

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Uwe Bremer

Mit einer Regenerationseinheit geht Sonnabend Vormittag das achttägige Trainingslager von Hertha BSC im Allgäu zu Ende. Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Die Mannschaft

Hertha BSC durchläuft einen Extrem-Umbruch. 14 Abgängen stehen zehn Neue gegenüber, dazu kommen sieben Nachwuchsspieler. Die Spannbreite reicht von alten Hasen wie Torwart Maikel Aerts, Pal Dardai (beide 34) oder Levan Kobiashvili (33) bis zu Nico Schulz (17). Die Tage in Oberstaufen haben allerdings eine Atmosphäre untereinander entstehen lassen, wie es sie im Verein seit Jahren nicht gegeben hat. So haben alle Spieler gelitten, als sie bei 35 Grad Intervalltraining abspulen mussten. Aber jeder unterstützte jeden. Am Ende der Läufe klatschten sich die Profis ab. „Ich fand es super, dass alle durchgezogen haben“, sagte Kobiashvili. Auch ein gemeinsamer Hütten-Abend kam gut an. Die Kollegen staunten, dass sich ausgerechnet die Brasilianer Raffael und Ronny als die größten Fans der bayrischen Blaskapelle entpuppten. Eine Hierarchie ist erst in Ansätzen erkennbar, dafür wurde bisher zu wenig mit dem Ball gearbeitet. Für das Amt des Kapitäns, das im zweiten Trainingslager Anfang August vergeben wird, gilt Kobiashvili (305 Bundesliga-Spiele) als Topkandidat, auch Spielmacher Raffael ist im Rennen.

Der Trainer

Er läuft beim Joggen um 7.30 Uhr vorweg, stellt auf dem Trainingsplatz die Hütchen auf und geht als Letzter vom Gelände: Markus Babbel überlässt nichts dem Zufall. Der Neu-Trainer bereitet das Abenteuer Zweite Liga akribisch vor. Der Nachfolger von Friedhelm Funkel verbreitet nicht nur in Berlin, sondern auch im Team, was sein Vorgänger nicht vermocht hatte: Aufbruchstimmung. Seine harsche Reaktion auf die schlechten Laktatwerte von 13 Spielern zeigte: Das war eine willkommene Gelegenheit, um den Babbel-Stil durchzusetzen: Wenn einzelne ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, müssen alle nacharbeiten. Nach der Kritik zu Beginn hatte der Coach am Ende des Trainingslagers nur Lob parat: „Die Mannschaft ist auf dem richtigen Weg. Kompliment an jeden einzelnen.“ Besonders hat es ihm Nico Schulz angetan: „Der Bursche ist erst 17. Toll, wie er das gemacht hat.“

Babbel zieht alle mit. Dabei ist ihm klar, dass die schwierigen Momente erst kommen: Wie kommuniziert er harte Entscheidungen, etwa wenn der Kader von 29 auf 25 Spieler verkleinert wird? Wie souverän bleibt er, wenn Hertha mal zwei Spiele in Folge verliert? Doch derzeit vermittelt Babbel den Eindruck, dass er die Chance in Berlin nach seinem wechselhaften Jahr beim VfB Stuttgart, mit Champions-League-Qualifikation und vorzeitiger Entlassung, unbedingt nutzen will.

Der Manager

Dafür, dass der Einsatz gewaltig ist, wirkt Michael Preetz sehr entspannt. Niemand weiß besser als der Hertha-Manager, was auf dem Spiel steht: Der Hauptstadt-Klub hat nur einmal die Chance, mit dem größten Etat und den besten Spielern der Liga den Wiederaufstieg anzugehen – in dieser Saison. Es geht auch um seine persönliche Karriere, nachdem in seinem ersten Manager-Jahr die Saison mit dem Bundesliga-Abstieg den schlechtestmöglichen Verlauf genommen hat. Vor allem geht es um Hertha: Die Sponsoren wie die Bahn oder Nike werden nicht ein zweites Jahr zu den üppigen Konditionen weitermachen, wenn sie überhaupt bleiben. Das Präsidium um Werner Gegenbauer würde den Mitgliedern einen Nicht-Aufstieg wohl kaum erklären können.

Preetz weiß das alles, davon ist ihm aber nichts anzumerken. Im T-Shirt und in Shorts beobachtete er das Training, sprach mal mit Mannschaftsarzt Dr. Uli Schleicher, mit Fans oder Lehrern aus der benachbarten Schule, die in der Pause den Profis beim Training zuschauten.

Den Großteil seiner Arbeit hat Preetz erledigt, auch wenn noch ein, zwei wichtige Entscheidungen ausstehen (siehe Finanzen): Der Manager hat mit den Spielern, die Hertha halten wollte, wie Raffael, Kobiashvili oder Roman Hubnik, Verträge zu veränderten Konditionen ausgehandelt. Er hat außerdem erfahrene Spieler geholt, wie Aerts, Andre Mijatovic, Christian Lell oder Rob Friend. Dazu kamen Perspektivspieler wie Pierre-Michel Lasogga und Daniel Beichler (kommt von Sturm Graz).

Zwei wichtige Aufgaben warten noch auf Preetz: Bei Gojko Kacar (vom HSV umworben) und Adrian Ramos (TSG Hoffenheim) werden die nächsten Wochen zeigen, ob Preetz jene Millionen erlösen kann, die sich Hertha erhofft.

Die Finanzen

Im Profifußball ein heikler Punkt, zumal bei Hertha. Offiziell halten sich die Verantwortlichen wie Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller oder Präsident Gegenbauer bedeckt. Daran wird sich bis zum Ende der Transferfrist nichts ändern. Der 31. August ist der Stichtag: Zu diesem Datum muss Hertha Ausgaben und Einnahmen in die Balance bringen. Schon jetzt ist klar, dass der Personaletat über 13,3 Millionen Euro, wie er im März bei der DFL eingereicht worden ist, nicht reicht. Um sich das aktuelle Aufgebot leisten zu können, brauchen die Berliner Einnahmen. Der Bedarf auf dieser Seite beträgt rund 13 Millionen Euro. Davon hat Hertha bisher rund sechs Millionen eingenommen (Arne Friedrich/rund drei Mio. vom VfL Wolfsburg, Jerome Boateng/2,5 Mio. für Transfer vom HSV zu Manchester City). Zudem gibt es 500000 Euro vom FC Augsburg, sollte der Ex-Herthaner Ibrahima Traore zum VfB Stuttgart wechseln.

Bleibt eine Lücke von sieben Millionen Euro, die im Moment aber niemand bei Hertha bestätigen wird. Der Verein hat aus dem vergangenen Sommer gelernt. Kaufmännisch war es damals nicht geschickt, dass der Transferüberschuss, den der Klub erzielen wollte, publiziert worden war. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, diese Lücke bis Ende August zu schließen: indem abwanderungswillige Spieler verkauft werden. Für Kacar will Hertha 7,5, für Ramos zehn Millionen. Findet sich kein Verein, bleiben beide Spieler. Dann würde der Hauptstadt-Klub Genussscheine auflegen. Interessenten dafür, heißt es, stehen bereit.