Transfer

Bei Hertha will Wichniarek jetzt alles besser machen

Herthas Neuzugang ist eigentlich gar keiner. Artur Wichniarek spielte zwar zuvor in Bielefeld. In Berlin ist er aber kein Unbekannter. Vor drei Jahren hatte der Stürmer nach einer eher ernüchternden Tor-Bilanz den Verein verlassen. Jetzt bekommt er eine zweite Chance.

Es gibt die Anekdote von Michael Preetz, der, da noch im Trikot der SG Wattenscheid, in der Saison 1995/96 am letzten Spieltag aus aussichtsreicher Position gegen Hertha BSC vergab, woraufhin die Berliner in der Zweiten Liga verbleiben durften. Anschließend wechselte Preetz zu Hertha, stieg dort auf, mit der Mannschaft und auch persönlich zum Torschützenkönig und Nationalspieler, und ist heute als Geschäftsführer Sport in leitender Funktion tätig.

Wären Vorleistungen in fremden Diensten Grundbedingung für eine Zukunft bei Hertha, hätte am Freitag kaum Artur Wichniarek zwischen Preetz und Trainer Lucien Favre Platz nehmen dürfen. Denn wenn man so will, kostete der 32 Jahre alte Ex-Bielefelder, der in Berlin einen Vertrag bis 2011 unterschrieben hat, Hertha mit zwei Gegentoren vergangene Saison exakt jene vier Punkte, die in der Endabrechnung zur Qualifikation für die Champions League fehlten.

Diese Vergangenheit, sagt Favre, „ist Vergangenheit. Ich kenne Wichniarek seit zwei Jahren, da war er immer extrem gefährlich und hat Tore geschossen“ – und ja, lacht der Trainer, nicht zuletzt eben gegen seine Mannschaft. Die Treffsicherheit des Polen (196 Bundesligaspiele, 49 Tore) soll rund 700.000 Euro an Ablösesumme gekostet haben, der Stürmer pro Jahr eine ähnliche Summe verdienen. „Wir bekommen einen erfahrenen Spieler, der die Liga und auch das Umfeld hier kennt“, sagte Preetz.

Wichniarek kennt das Umfeld in Berlin, weil sein Wechsel nicht einfach der Transfer eines Spielers von einem Ort zum anderen ist. Es ist eine ungewöhnliche Rückkehr. Schon einmal, von Juli 2003 bis Januar 2006, spielte der Pole für Hertha – und schied von dort unter unschönen Begleitumständen. Nach einer Klage auf Zahlung eines angeblich versprochenen Handgeldes in Höhe von einer Million Euro sprach der Klub ein Trainingsverbot aus, es kam zur vorzeitigen Trennung. Mit einem Paar Fußballschuhen vor dem Gesicht versuchte Wichniarek sich vor Fotografen zu schützen, als er bei seinem überstürzten Abgang seine Habseligkeiten in der Plastiktüte eines Discounters aus der Hertha-Kabine schleppte.

Am Freitag nun trat er selbstbewusst-lächelnd vor die Kameras. „Ich freue mich, noch mal hier zu sein und eine zweite Chance zu bekommen, mit mehr Erfahrung und ein bisschen mehr Reife alles wieder gut- und besser zu machen“, erklärte er. „Natürlich habe ich damals die Erwartungen nicht erfüllt, aber jetzt schaue ich nur noch nach vorne.“

In seiner ersten Zeit im Hertha-Trikot hatte Wichniarek nur vier Tore in 44 Spielen erzielt, sich weder bei Trainer Huub Stevens noch unter dessen Nachfolgern Hans Meyer und Falko Götz durchsetzen können. Schuld waren aber stets andere: Manager Dieter Hoeneß zum Beispiel, der sein Intimfeind wurde, weil er ihm Fredi Bobic vor die Nase setzte, den damals schon alternden Nationalspieler, dessentwegen Wichniarek nicht im Zentrum stürmen durfte. Oder die Trainer, die im Mittelfeld auf Spieler wie Gilberto, Yildiray Bastürk und vor allem den egozentrischen Spielmacher Marcelinho vertrauten – alles Akteure, die das Dribbling liebten, statt den Ball steil in die Spitze zu passen, wo der lauernde Konterstürmer Wichniarek förmlich verhungerte.

Nun hat Berlins Bundesligist erst recht unter Favre das schnelle Kurzpassspiel perfektioniert; lange Bälle nach vorn sind die Ausnahme. Trotzdem sichern Mitspieler wie Arne Friedrich und Pal Dardai, die Wichniarek noch von früher kennen, dem alten und neuen Kollegen Unterstützung zu. „Er braucht Vertrauen“, sagt Friedrich: „Wenn er das hatte, hat er immer getroffen, und Vertrauen wird er jetzt auch hier bekommen. Er wurde als klassische Nummer neun geholt, muss also nicht wie damals hinter einem Mittelstürmer spielen oder auf den Flügel ausweichen.“ Dardai traut Wichniarek prompt „zwölf bis 16 Tore“ zu: „Ich werde ihn schon mit Bällen füttern.“

Bei seiner Rückkehr lernte Wichniarek am Freitag gleich die technische Innovation kennen, die nach seinem ersten Abschied auf dem Vereinsgelände Einzug hielt: die Höhenkammer. Heute wird er ab 10 Uhr erstmals auf dem Platz mit den neuen Kollegen trainieren und ab 17 Uhr auch in Herthas erstem Testspiel im Uckerstadion bei Rot Weiß Prenzlau (8.Liga) zum Einsatz kommen. „Er wird eine Halbzeit spielen“, kündigte Trainer Favre bereits an.