Trainer vs. Manager

Warum Hertha BSC Trainer Favre halten will

Lucien Favre oder Dieter Hoeneß? Das Hertha-Präsidium muss dringend eine Entscheidung für die Zukunft des Bundesliga-Klubs treffen. Doch der Trainer hat im Machtkampf mit dem Manager gute Karten. Und er hat ein Konzept für die Zukunft des Klubs.

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Bei Hertha heißt es Favre oder Hoeneß

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Es war ein Tag der hektischen Betriebsamkeit, der langen und teils sehr emotionalen Telefonate und der Diskussionen. Und das alles noch bevor sich die neun Mitglieder des Präsidiums von Hertha BSC am Abend im italienischen Restaurant „La Forchetta“ zu ihrer turnusmäßigen Sitzung trafen.

Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller und Dieter Hoeneß als Vorsitzender der Geschäftsführung, die ebenfalls zu dieser Sitzung bestellt waren, verzichteten mit Blick auf die vor dem Restaurant wartenden Fotografen in Absprache mit Präsident Werner Gegenbauer auf ihre Teilnahme. Die Situation spitzt sich zu – Hoeneß oder Lucien Favre, so lautet die Frage, die das Präsidium zu beantworten hat. Die Morgenpost beantwortet, warum die Mehrheit der Entscheidungsträger von der Arbeit des Trainers aus der Schweiz überzeugt ist und was Hertha ihm künftig bieten muss.

Perspektiven

Favre ist derzeit der begehrteste Trainer der Bundesliga. Der 1.FC Köln sucht einen neuen Übungsleiter, ebenso der Hamburger SV, der konkret an Favre interessiert sein soll. Auch bei Bayer Leverkusen, wo Geld nahezu im Überfluss vorhanden und die Arbeit mit talentierten Nachwuchskräften zum Dogma erhoben worden ist, könnte das Traineramt bald vakant sein. Anders als andere freie Kandidaten wie Mirko Slomka und Friedhelm Funkel ist Favre noch bei keinem seiner vorherigen Vereine gescheitert; im Gegenteil: Mit Hertha hat er in dieser Saison 32 Spieltage lang völlig überraschend um den Titel gespielt.

Lobby

Favre hat bei seinem Amtsantritt von Hoeneß so viel Mitspracherecht erhalten wie kein anderer Trainer zuvor. Seinen Einfluss hat er sich im wahrsten Sinne des Wortes erstritten, indem er Konflikten nicht aus dem Weg gegangen ist. Das hat vielen im Verein imponiert und die Zahl seiner Fürsprecher gesteigert. Mit Präsident Gegenbauer und Michael Preetz, dem Leiter der Lizenzspielerabteilung, liegt er in nahezu allen Sachfragen auf einer Wellenlänge. Und Favre sieht sich nicht nur als Trainer.

Er begreift sich als Entwickler, der nicht nur die Profimannschaft, sondern auch die Scoutingabteilung, die Nachwuchsarbeit – einfach alle relevanten Gebiete des Bundesligisten voranbringen will. Er verlangt keine Allmacht, will aber in Ruhe arbeiten können. Ruhe, wohlgemerkt, zählt zu den wenigen Dingen, die Hertha ihm auch mit wenig Geld bieten kann. Das hierfür notwendige Vertrauensverhältnis zu Hoeneß ist aber nachhaltig ge-, womöglich sogar zerstört.

Akribie

Favre ist detailbesessen. Er ist ein Taktik-Fanatiker und erklärt seinen Spielern immer wieder Laufwege und das Spielsystem. Im Training korrigiert er die kleinsten Bewegungen der Spieler. Als Lukasz Piszczek kürzlich eine Flanke mit dem rechten statt dem linken Bein abwehren wollte, erklärte der Trainer dem Polen, dass er mit dem rechten Bein eine größere Abwehrmöglichkeit gehabt hätte. In der Schweiz soll er auf Busfahrten bei Sonnenschein sogar die Vorhänge zugezogen und den Spielern gesagt haben: „Ihr müsst euch schützen.“ Seine Frau Chantal zeichnet ihm Spiele auf DVD auf. Meist analysiert er diese noch am Abend des Spieltags. Seine Arbeit steht für Favre an erster Stelle: In die Schweiz fährt er nur selten und verfolgt unzählige Spiele am Fernseher.

Innovation

Favre bewertet die Verbesserung des Klubs höher als kurzfristigen Erfolg. Er trieb auf dem Trainingsgelände den Bau einer Höhenkammer voran und sprach sich für eine spezielle Technik für das Entmüdungsbecken aus, welche die Regeneration der Spieler beschleunigen soll. Jeden Spieler jeden Tag besser zu machen – mit diesem Ziel ist Jürgen Klinsmann beim FC Bayern München gescheitert.

Favre hingegen gelingt es tatsächlich, das Potenzial der Profis auszuschöpfen. „Seit Favre da ist, verstehen viele von uns Fußball ein bisschen mehr“, sagte Josip Simunic. Der Innenverteidiger zeigte in der vergangenen Spielzeit die besten Leistungen seiner Karriere. Auch Torwart Drobny, Nicu, Cicero und Piszczek haben sich positiv entwickelt. Das hat sich in der Bundesliga herumgesprochen. Für manchen Profi ist Favre ein Argument, zu Hertha zu wechseln. Verteidiger Christoph Janker, der von der TSG 1899 Hoffenheim kommt, nannte das Gespräch mit Favre als Grund für seine Entscheidung für Hertha.

Außendarstellung

Der Schweizer ist ein loyaler Mensch. Angebote anderer Vereine lehnt er mit dem Verweis ab, dass er in Berlin noch viel zu tun hat. Öffentlich kritisiert er fast nie einzelne Spieler. Er tritt freundlich auf, ist nach und nach offener geworden und hat sich an die Gepflogenheiten der Medienstadt Berlin gewöhnt. Auch dadurch ist er im Ansehen der Hauptstädter gestiegen – und hat das Ansehen des Hauptstadt-Klubs gesteigert. Favre kann allerdings auch sehr stur sein. Hat er sich einmal auf etwas festgelegt, ändert er nur selten seine Meinung – siehe Pantelic.

Erfahrung

In seiner Heimat gewann Favre 2001 mit Servette Genf den Pokal und schaffte es bis ins Achtelfinale des Uefa-Pokals. Mit dem FC Zürich wiederholte er vier Jahre später diesen Erfolg und wurde 2006 und 2007 Meister. In der Bundesliga hat er noch keinen Titel gewonnen. Aber Favre hat es geschafft, den Berlinern wieder Spaß am Fußball zu bringen. Und vor allem Hoffnung auf einen Titel.