Hertha BSC

Dieter Hoeneß und die Frage nach der Zukunft

Jahrelang war er der Alleinherrscher von Hertha BSC: Dieter Hoeneß. Seine Verdienste sind unstrittig. Doch gerät der ehemals mächtige Mann in Bedrängnis. Trotz seines Vertrags bis Juni 2010 ist offen, ob Herthas Manager so lange bleiben darf. Bewerber für den Posten gibt es bereits.

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Die Adresse liegt im Stadtteil Grunewald. Dort gingen am Donnerstag fünf Führungskräfte von Hertha BSC in die erste von drei Vorstellungsrunden. Der Berliner Bundesligist bereitet sich mit einem Assessment Center, einem Auswahlverfahren für Führungskräfte, auf die Nachfolge von Dieter Hoeneß vor; der Vorsitzende der Geschäftsführung scheidet auf eigenen Wunsch im Juni 2010 aus. Anwesend waren Vertreter des Hertha-Präsidiums sowie von RöverBrönner, jenem Berliner Wirtschaftsprüfungsunternehmen, das fünf Kandidaten auf ihre Eignung prüft. Ein Bewerber für die neue Geschäftsführung war Michael Preetz, Leiter der Lizenzspieler-Abteilung. Ein anderer Ingo Schiller, seit 2001 für Finanzen zuständiger Geschäftsführer. Außerdem angehört wurden: Vereinsjurist Jochen Sauer, Geschäftsstellen-Leiter Thomas E. Herrich und Peter Bohmbach, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit.

Brief ans Präsidium

Damit macht das Hertha-Präsidium ernst: Wie gestaltet der Verein seine Zukunft ohne Hoeneß? Das scheint nicht allen zu gefallen. Jedenfalls erschien just zum Startschuss der Nachfolge-Regelung ein Brief in der „Bild“, in dem das Präsidium scharf kritisiert wird. Die Folge wird sein, dass offen ist, wann die Nachfolge-Regelung greifen wird: Wie geplant ab Juli 2010? Oder schon vorher?

Der Reihe nach: Der Brief, fürs Präsidium bestimmt und durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangt, dreht sich in der Hauptsache um Dieter Hoeneß. „Für die Unterzeichner ist nicht akzeptabel, dass Herr Hoeneß in nicht hinnehmbarer Weise und mit der Unterstützung zumindest eines Präsidiumsmitgliedes persönlich angegriffen und diffamiert wird.“ An anderer Stelle heißt es in dem Brief, dass der „Tagesspiegel“ versucht, „durch unwahre Behauptungen das Verhältnis zwischen Hoeneß und Cheftrainer Lucien Favre zu beschädigen“. Die Unterzeichner fordern das Präsidium auf, dem „inzwischen sehr guten Image von Hertha“ nicht „unnötigen Schaden zuzufügen“.

Unterschrieben hat das Schriftstück Geschäftsführer Ingo Schiller. Außerdem unterzeichneten die Abteilungsleiter Preetz, Sauer, Herrich, Bohmbach, Reiner Kübler (Merchandising), Robert Körber (Controlling) und Hans-Peter Jakob (Vereinszentrum) sowie Pressesprecher Hans-Georg Felder. Man kann das Papier als rückhaltlose Unterstützung lesen – oder als Ergebenheitsadresse. Anhänger von Hartmut Mehdorn hatten, als der noch Bahn-Chef war, sich des gleichen Stilmittels bedient. Weil ein Drittel der sogenannten zweiten Führungsebene nicht unterschrieb, wurde jener Brief nie abgeschickt. Wenige Tage später war Mehdorn sein Amt los.

Auch bei Hertha hatten sich ursprünglich mehrere Abteilungsleiter verweigert (Namen der Redaktion bekannt). Kurios, aber bezeichnend für die Zustände im Verein: Erst auf ausdrücklichen Wunsch von Präsident Werner Gegenbauer und Bernd Schiphorst, dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates, unterschrieb das Trio. Dieses Detail wird keiner der Beteiligten öffentlich bestätigen. Grund: Gegenbauer und Schiphorst wollen im Saisonfinale keine Auseinandersetzung mit Hoeneß. Die Mannschaft soll sich bis zum 23. Mai auf die Bundesliga konzentrieren. Deshalb lautet das Statement von Schiphorst zu dem Brief: „Es ist zu begrüßen, wenn zu mehr Geschlossenheit aufgerufen wird. Die Mannschaft braucht ein ruhiges Umfeld. Wenn es aber die Intention war, Unfrieden zu stiften, kann ich das nicht begrüßen.“

Öffentlich schweigt der Manager

Hat Hoeneß den Brief in Auftrag gegeben? Schiller sagt: Nein. Warum ist er geschrieben worden? Schiller: „Außer dem Inhalt des Briefes habe ich nichts hinzuzufügen.“ Hoeneß sagte der Morgenpost Online: „Ich werde auf den Vorgang öffentlich nicht reagieren.“ In Wahrheit geht es in der Angelegenheit darum, dass Hoeneß sich mit seiner veränderten Rolle extrem schwer tut. Lange Jahre war er der Alleinherrscher von Hertha BSC. Seine Verdienste sind unstrittig. Doch nun ist er der ehemals mächtige Mann. Das war im Dezember zu erleben, als Gegenbauer öffentlich das Auftreten des Managers kritisierte („Dieter-Hoeneß-Festspiele“). Die Grenzen des Managers hatte Trainer Lucien Favre gezeigt, der dem von Hoeneß vorbereiteten Transfer des Brasilianers Junior Cesar die Zustimmung verweigerte.

Die aktuelle Machtkonstellation sieht so aus, dass wichtige Entscheidungen nur im Einvernehmen zu treffen sind: zwischen Manager Hoeneß, Trainer Favre und Präsident Gegenbauer. Kann sich Hoeneß dort einfügen, wird er seinen Vertrag bis Juni 2010 erfüllen dürfen. Doch als Teamplayer ist Hoeneß zuletzt nicht oft aufgefallen. Wer den Manager kritisiert, hat derzeit eine reelle Chance, dafür juristisch belangt zu werden.

Hertha steht vor wichtigen Aufgaben: Lässt sich die Mannschaft entwickeln, wenn weniger Geld zur Verfügung steht? Wer wird verkauft, wer geholt? Ein Vakuum, weil sich ein Entscheidungsträger darum sorgt, ob seine Verdienste auch genügend gewürdigt werden, kann Hertha sich nicht leisten. Bis Saisonende sind es noch sieben Spiele. Gut möglich, dass nach dem 23. Mai die Nachfolge-Regelung für Hoeneß schneller greift, als bisher angenommen.