Brasilianer in Berlin

Rodnei glaubt an den Meistertitel für Hertha

Vom Mann, der niemals spielte, zur Stammkraft des Tabellenführers: Rodnei (23) hat bei Hertha BSC eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich. Bei der 0:2-Niederlage in Stuttgart sah Trainer Lucien Favre in dem Abwehrspieler sogar Berlins Besten. Morgenpost Online sprach mit Rodnei über seinen ungewöhnlichen Karriereweg.

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Morgenpost Online: Rodnei, was bedeuten Ihnen die lobenden Worte des Trainers nach dem Spiel gegen den VfB?

Rodnei: Ich freue mich, und es ist für mich eine große Motivation, wenn der Trainer mag, was ich mache. Ich hoffe, ich kann daran auch in den nächsten Spielen anknüpfen.

Morgenpost Online: Seit dem Spiel gegen den FC Bayern sind Sie fester Bestandteil der Startelf. Sehen Sie sich als Stammspieler?

Rodnei: Momentan bin ich das wohl und freue mich darüber. Aber es gibt bei Hertha zu viele gute Spieler, als dass ich mich ausruhen könnte. Ich muss weiter hart arbeiten.

Morgenpost Online: Haben Sie Ihre persönliche Entwicklung kommen sehen?

Rodnei: Das wäre zu viel gesagt. Aber ich war schon im Wintertrainingslager in Marbella zuversichtlich, näher an die Stammelf herangerückt zu sein.

Morgenpost Online: Dafür mussten Sie mehr arbeiten als andere.

Rodnei: Das war schon immer so, damit habe ich kein Problem. Und mit Lucien Favre haben wir einen Trainer, der gern Spieler besser macht. Aber vor allem hat er vor jedem Spieler Respekt. Das macht uns so stark.

Morgenpost Online: So stark, dass Hertha BSC in dieser Saison Deutscher Meister wird?

Rodnei: Wir haben diesen Traum und können es schaffen. Ich habe früh gespürt, dass bei Hertha ein toller Geist in der Mannschaft ist. Nur so geht es. Aber auf uns wartet noch viel Arbeit.

Morgenpost Online: Welche Defizite sehen Sie bei sich noch?

Rodnei: Sicherlich häufig noch im Positionsspiel; das kommt daher, dass ich im Alter von elf Jahren zwar als Linksverteidiger begonnen habe, danach aber über das linke und zentral-defensive Mittelfeld in die Innenverteidigung gerückt bin. Seit 2002 habe ich nur noch im Abwehrzentrum gespielt.

Morgenpost Online: Diese Defensivpositionen sind bei Brasilianern gewöhnlich wenig populär. Wollten Sie nicht auch offensiver spielen?

Rodnei: Doch, schon. Aber ein Trainer hat mir sehr früh gesagt: Du bist so groß, du bist ein idealer Verteidiger. Trotzdem will ich auch im Spiel nach vorne besser werden; als Außenverteidiger habe ich dazu gute Gelegenheit.

Morgenpost Online: Ursprünglich waren Sie nur als Notlösung für den Fall gedacht, dass entweder Arne Friedrich oder Josip Simunic Hertha im vergangenen Sommer verlässt.

Rodnei: Ich bin froh, dass beide geblieben sind. Simunic ist eines meiner Vorbilder, ihn sehe ich wahnsinnig gerne spielen; genau wie Juan, der früher für Leverkusen gespielt hat. Beide sind ruhig und bringen Sicherheit ins Defensivsystem.

Morgenpost Online: Wie war es, ausgerechnet gegen Bayern München zu debütieren?

Rodnei: Ich hatte lange auf diesen Moment gewartet. Als es soweit war, war es für mich eine große Überraschung, zu wissen, dass ich gegen die Bayern spielen sollte. Meine Freunde in Brasilien glaubten mir nicht, ich rief sie an, damit sie sich das Spiel anschauten.

Morgenpost Online: Sie sind alleine in Berlin?

Rodnei: Ja. Seit ich 16 war, habe ich immer ohne meine Familie gelebt.

Morgenpost Online: Machte es die Eingewöhnung leichter, dass bei Hertha fünf Brasilianer spielen – so viele, wie bei keinem Bundesligisten sonst?

Rodnei: Da hatte ich wirklich Glück. Wir unternehmen viel gemeinsam, legendär sind unsere Meisterschaften auf der Playstation.

Morgenpost Online: Vor allem können Sie sich da auch selbst spielen. Die Ligen Litauens und Polens, in denen Sie vor Ihrem Wechsel in die Bundesliga spielten, sind selten Teil von Fußball-Simulationen…

Rodnei: Das stimmt. Trotzdem denke ich gerne an die Zeit zurück. Gute Spiele bei Jagiellonia Bialystok verhalfen mir zu einem Vertrag bei Hertha BSC. Und noch davor bekam ich in Litauen früh die Chance, als Profi zu leben und viel mehr Geld als in Brasilien zu verdienen. Anfangs war alles neu für mich: das erste Mal im Ausland, die erste fremde Sprache, zum ersten Mal sah ich Schnee und erlebte, was Winter eigentlich bedeutet.

Morgenpost Online: Hatten Sie nie Heimweh?

Rodnei: Mir war vor allem in Vilnius oft langweilig, das Internet war meine einzige Ablenkung. Aber ich habe ein Mittel gegen Heimweh. Jedes Mal, wenn ich aus Brasilien nach Europa zurückkomme, habe ich massenweise von den schwarzen Bohnen im Gepäck, die unser Alltagsessen sind. Die gibt es hier zwar auch, aber in Dosen – da schmecken sie nicht genauso.

Morgenpost Online: Deutsche Küche mögen Sie nicht?

Rodnei: Doch, natürlich. Sehen Sie, ich komme aus einer armen Familie. Wer als Kind Hühnerfüße essen musste, hat mit keiner Form von Essen ein Problem.

Morgenpost Online: Ihr Vertrag läuft am Saisonende aus. Hertha hat eine Option und wird diese wohl ziehen. So besteht die Chance, dass Sie nächste Saison in der Champions League spielen.

Rodnei: Es ist zuletzt wirklich schnell für mich gegangen, trotzdem bleibe ich gern auf dem Boden und gehe einen Schritt nach dem anderen. Ich hoffe, dass Hertha mich tatsächlich behalten will; dann wäre ich sehr glücklich. Vor ein paar Monaten kannte ich Ribery und Schweinsteiger nur aus dem Fernsehen. Jetzt habe ich schon gegen sie gespielt.