Nach der Niederlage

Hertha BSC fehlt es an Alternativen

Arne Friedrich fällt aus - Faserriss. Patrick Ebert ist suspendiert - Straflager bei den Amateuren. Die Niederlage in Stuttgart hat gezeigt, dass Trainer Lucien Favre Recht hatte, als er sagte: "Wir sind kein Spitzenteam." Den Berlinern fehlt es an Spielern, die einspringen könnten, wenn es hart auf hart kommt und etwa ein Leistungsträger außer Gefecht ist.

„Nein“, sagt Lucien Favre, der Trainer von Hertha BSC. Und gleich noch einmal: „Nein.“ Die Botschaft ist vernommen, obgleich, sie ist nur die offizielle Darstellung. Nein also, befindet Favre, Herthas Problem beim 0:2 (0:0) in Stuttgart, der ersten Niederlage nach zuvor drei Siegen in Folge, war nicht der Mangel an Qualität der Kräfte hinter der Stammelf.

Und doch bestätigte der Spielverlauf in Stuttgart, weswegen Favre auch dann stets propagiert hatte, „wir sind kein Spitzenteam“, als ganz Fußball-Deutschland die Frage diskutierte, ob der zu Saisonbeginn krasse Außenseiter Berlin ein ernsthafter Titelanwärter sei. Was Favre so bestimmt am Gegenteil festhalten lässt: Die Tiefe im Kader reicht nicht für eine Meistermannschaft und im Normalfall auch nicht zur Qualifikation für die Champions League. Zu groß sind die Defizite in zu vielen Mannschaftsteilen; im Bereich der Außenverteidiger ebenso wie auf den Flügeln im Mittelfeld. Und wenn, wie in Stuttgart geschehen, ein Leistungsträger wie Arne Friedrich ausfällt, wird es auch in der Innenverteidigung dünn.

Berliner schwächen sich selbst

Es stimmt: Mit seinem verlorenen Kopfballduell gegen Mario Gomez leitete Josip Simunic den Rückstand ein. Mehr noch als Herthas „Mr. Zuverlässig“ agierte aber Friedrich-Stellvertreter Kaka schlafmützig gegen Cacau (47. Minute). Solche Aussetzer werden überschattet vom generellen Mangel an Alternativen. Kritisch wird es besonders dann, wenn Hertha sich – wie gleichfalls gegen Stuttgart der Fall – selbst schwächt. So geschehen unter der Woche durch Patrick Eberts nächtlichen Streifzug, der den feierfreudigen Profi in der Nacht zu Mittwoch erst in die Arme der Polizei und anschließend bei Favre „bis auf weiteres“ ins Abseits trieb.

Ersetzt wurde Ebert gegen den VfB durch Marko Babic, einen von zwei Einkäufen der Winterpause. Zum zweiten Mal in seiner Zeit bei Hertha stand der von Betis Sevilla verpflichtete Kroate in der Startelf, blieb bei seinem 45-minütigen Einsatz aber den Nachweis schuldig, Hertha helfen oder gar besser machen zu können.

Leandro Cufre, Argentinier und Winterzugang von AS Monaco, gehörte wie schon in den zwei Spielen zuvor gar nicht erst zum Kader und hat von 720 möglichen Minuten lediglich 52 gespielt. Obwohl auf beiden Außenpositionen der Abwehrkette einsetzbar, ist sein Stammplatz neuerdings nur noch auf der Tribüne. Selbst Steve von Bergen, der lange kein überzeugendes Spiel mehr gemacht hat, steht in der Hierarchie vor Cufre. Und ist dereinst erst Sofian Chahed von seinem Muskelbündelriss im Adduktorenbereich genesen, verschärft sich die Lage für Cufre, immerhin WM-Teilnehmer von 2006, weiter.

Der reduzierte Stellenwert von Babic und Cufre überrascht insofern nicht, als die Qualität Mitte der Saison verfügbarer Kräfte traditionell überschaubar ist. Im speziellen Fall kommt erschwerend hinzu, dass beide keine Wunschkandidaten waren, sondern der personellen Lage und noch mehr als das dem Kontostand von Hertha geschuldet. Für ablösepflichtige Einkäufe war im Winter schlicht kein Geld vorhanden.

WM-Teilnehmer ohne Perspektive

So streckt sich Hertha so gut es geht nach der Decke. In Stuttgart war es immerhin Babic, der Berlins beste Torchance des Spiels vorlegte, Andrey Voronins Sololauf nach zehn Minuten. „Er war nicht schlecht“, sagt Favre – mit dieser entscheidenden Einschränkung: „Offensiv.“ Zu oft, lautet des Trainers Vorwurf, ließ Babic Hintermann Rodnei gegen den permanent nach vorn drängenden Christian Träsch allein, hielt er Stuttgarts Rechtsverteidiger nicht von dessen Vorstößen ab. Kleinlaut sagte Babic: „Du kannst nicht zufrieden sein, wenn du nur 45 Minuten spielen darfst. Aber der Trainer trifft die Entscheidung, so einfach ist das. Ich kann nur weitermachen und versuchen, mich anzubieten.“

Das versucht auch Cufre. Und die Tatsache, dass Marc Stein sich nun die schon lange drohenden fünfte Gelbe Karte der Saison abholte und gegen Dortmund gesperrt ist, sollte den Argentinier doch wenigstens für das kommende Punktspiel in den Fokus rücken – oder? „Wir sehen“, sagt Favre – und meint: Nein.