Hertha Inside

Ex-Kapitän Halvorsen hält Hertha BSC die Treue

Jan Halvor Halvorsen war Hertha-Kapitän und erlebte 1990 das erste Derby gegen Union. Heute arbeitet er für den norwegischen Fußball-Verband, will aber zeitweise als Trainer nach Deutschland zurückkehren. Seinem früheren Verein hält er bis heute die Treue – und fiebert bei jedem Spiel der Blau-Weißen mit.

Norweger haben ihre ganz eigene Definition von Wärme. Seit Jan Halvor Halvorsen vor zwei Wochen mal wieder in Berlin war, schwärmt er von den angenehmen Temperaturen in der Hauptstadt. „Es waren etwa minus fünf Grad. Bei uns in Norwegen waren es minus 20 Grad. Da kommt man gern her“, sagt der 44-Jährige.

Grund für die Reise war aber ein sportlicher. Halvorsen wollte seinen vier Kindern beim Spiel gegen den VfL Bochum (0:0) endlich einmal das Stadion zeigen, in dem er drei Jahre lang gespielt hat. Von 1989 bis 1992 absolvierte er 74 Spiele für die Blau-Weißen, erzielte fünf Tore und war zeitweise Mannschaftskapitän. Der damalige Nationalverteidiger ist neben Trond Ludvigsen (2002) und Kjetil Rekdal (1997-2000) einer von drei Norwegern, die bislang bei Hertha unter Vertrag standen. Fans bezeichneten den Abwehrspieler mit den langen Haaren oft als „Fels in der Brandung“, weil er auch gegen schnelle Stürmer bestand. „Ich habe vor meiner Zeit bei Hertha für Brann Bergen gespielt. Dann bin ich für eine Woche zum Probetraining nach Berlin gereist. Ich war ganz gut, und so bin ich geblieben.“

1992 wechselte er zu AGF Aarhus und wurde in der ersten Saison dänischer Pokalsieger. Vier Jahre später beendete er seine Spieler-Karriere. Heute lebt er bei Oslo und ist Trainer – inzwischen seit 14 Jahren.

26 Spiele ohne Niederlage

Er trainierte kleinere Vereine in Norwegen und den schwedischen Klub GIF Sundsvall. Zuletzt war Halvorsen in seiner Heimat bei Notodden FK tätig. Die Mannschaft führte er zum Aufstieg in die zweite Liga und beeindruckte mit einer erstaunlichen Bilanz: Unter Halvorsen verlor das Team keines seiner 26 Spiele. „Es ist das erste Mal, dass der Klub es in den Profibereich geschafft hat“, sagt er stolz. Nach der erfolgreichen Saison wurden allerdings andere Klubs auf seine Spieler aufmerksam. Notodden verlor Leistungsträger, und Halvorsen beendete seine Tätigkeit im September 2009. Seitdem nutzt er die Zeit, um sich bei anderen Vereinen umzuschauen und bei Hospitationen inspirieren zu lassen. „Es ist das erste Mal seit 14 Jahren, dass ich durchatmen kann. Ich unternehme viel mit meiner Familie. Das tut gut.“ Im Sommer will er dennoch wieder arbeiten. Am liebsten als Trainer in England oder Deutschland. „Ich will jetzt ins Ausland. Das ist eine neue Herausforderung, und ich habe außerhalb meiner Heimat bislang tolle Erfahrungen gesammelt.“

Von seiner Zeit bei Hertha erzählt er seinen Kindern noch heute gern. „Allein schon, weil ich meine Frau Hilde in Berlin kennengelernt habe.“ Sie ist ebenfalls Norwegerin und ließ sich damals in Deutschland zur Physiotherapeutin ausbilden. „Auf einer Feier von norwegischen Studenten habe ich mich in sie verliebt. Später sind wir in eine Wohnung in Spandau gezogen.“

Sie war beim Spiel gegen Bochum dabei – die Halvorsens sind vernarrt in das historische Olympiastadion. Schon Stunden vor dem Spiel war die Familie dort, um viel von der Stimmung mitzukriegen. „Vor allem meine Söhne waren von den Gesängen der Fans und der Atmosphäre begeistert.“ Im VIP-Raum berichtete Halvorsen den Zuschauern über seine größten Spiele in Westend. In seiner ersten Saison in Berlin schoss er in 32 Spielen vier Tore und stieg mit den Blau-Weißen in die Bundesliga auf. „Das war ein tolles Jahr. Wir hatten eine richtig gute Mannschaft.“ Im Tor stand damals Walter Junghans, in der Verteidigung liefen Dirk Greiser und Michael Jakobs auf. Im Mittelfeld hießen die Leistungsträger Theo Gries und Wolfgang Patzke, im Sturm spielten Sven Kretschmer und Axel Kruse. Mit ihnen erlebte Halvorsen eine historische Partie: die erste nach dem Mauerfall.

Zwei Tage nach der Grenzöffnung, am 11. November 1989, empfing Hertha im Olympiastadion Wattenscheid 09. Zu dem 1:1 kamen 44.174 Zuschauer – rund 11.000 davon aus dem Osten. Über den Kaiserdamm und die Heerstraße fuhren an diesem Tag unzählige Trabis. Alle Besucher aus der ehemaligen DDR erhielten freien Eintritt zu dem Spiel. „Das war ein ganz besonderes Spiel. In diesen Tagen wurde Geschichte geschrieben, und wir waren mittendrin. Ich werde es nie vergessen.“ Am 27. Januar 1990 erlebte er auch das erste Derby zwischen Hertha und dem 1. FC Union. Das Freundschaftsspiel verfolgten 51.000 Zuschauer von den Tribünen.

Glaube an den Klassenerhalt

Doch das Abenteuer Bundesliga dauerte nicht lange. In der Saison 1990/1991 stürzte Hertha bereits am zweiten Spieltag nach dem 0:4 beim VfB Stuttgart auf den letzten Tabellenplatz – und blieb dort bis zum Ende der Spielzeit. Den kurz zuvor noch gefeierten Aufstiegstrainer Werner Fuchs entließ der Verein schon im November. Mit ihm verließ auch Manager Horst Wolter den Verein. Der neue Trainer Pal Csernai blieb nur vier Monate, auf ihn folgten in der Saison zwei weitere Trainer: Peter Neururer und Karsten Heine. Hertha war die Lachnummer der Liga. „Wir hatten uns vor der Saison nicht ausreichend verstärkt. Dabei hätten wir dringend neue Spieler gebraucht“, sagt Halvorsen.

Auch in der aktuellen Spielzeit mussten die Berliner schon viel Spott ertragen. Parallelen zu damals will er dennoch nicht ziehen. Sorgen mache er sich um seinen Verein allerdings trotzdem. „In der Offensive muss die Mannschaft besser werden, das haben die vergangenen Spiele deutlich gemacht.“

Das Heimspiel am Sonnabend gegen den FSV Mainz 05 sei immens wichtig, sagt er. Auch wenn der Abstand auf den Relegationsplatz sechs Punkte beträgt, glaubt Halvorsen an den Klassenerhalt. „Ich wünsche mir von Herzen, dass Hertha nicht absteigt. Sie müssen es einfach schaffen. Ich liebe den Verein.“

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