Bundesliga

Hertha BSC hält die Konkurrenz in Schach

Hertha BSC steuert scheinbar unaufhaltsam seiner ersten deutschen Meisterschaft seit 78 Jahren entgegen. Der Erste der Fußball-Bundesliga gewann gegen Bayer Leverkusen mit 1:0 und behauptet seinen Vier-Punkte-Vorsprung. Das Siegtor schoss Andrey Voronin. Inzwischen ist die Frage statthaft: Wer sonst?

Wer es gewesen war, ließ sich hinterher nicht mehr zweifelsfrei ermitteln. Auf sanften Druck der Umstehenden stand Lucien Favre jedenfalls auf einmal allein im Kreis der Feiernden von Hertha BSC. Was nun zu tun war, wusste der Trainer sehr wohl: tanzen. Also warf er Arme und Beine von sich, und das für zehn lange Sekunden in etwa so spitzbübisch lächelnd, wie es Manager Dieter Hoeneß nach dem 3:1 in Cottbus getan hatte.

Als Tänzer, stellte Favre hernach fest, „bin ich eine Katastrophe. Ich kann das nicht und wollte es auch nicht – aber ich konnte nicht ablehnen“. Nicht nach dem 1:0 (0:0) gegen Bayer Leverkusen, Herthas zehntem Heimsieg in Folge und dem 15. Saisonsieg insgesamt, durch den die Mannschaft die Tabellenführung nicht nur über den nächsten Spieltag, sondern auch über die danach folgende Länderspielpause hinaus verteidigt hat – also mindestens bis Anfang April.

Das Siegtor für Hertha schoss Andrey Voronin; inzwischen ist die Frage statthaft: wer sonst? Im siebten Spiel der Rückrunde traf der Stürmer zum achten Mal. Neu war nur die Art, wie der Ukrainer den Ball in dieser 50. Minute ins Tor beförderte.

Vier Mal hatte er nach der Winterpause mit rechts getroffen, zweimal per Kopf und einmal auch mit links. Diesmal rannte Voronin mit dem Ball am Fuß in den Strafraum, er passte zu Nicu und dessen Rückgabe schoss er an den Fuß von Leverkusens Torwart Rene Adler. Und dann passierte, was nur passieren kann, wenn einer einen Lauf hat wie Andrey Voronin: Von Adlers Fuß hätte der Ball überall hinspringen können, doch er prallte an Voronins rechte Brusthälfte – und von dort ins Netz. Als Voronin zum Jubel in die Ostkurve startete, hinterließ er konsternierte Leverkusener. Nichts davon bekam er mit.

Auch die Frage nach dem Wie war Voronin "scheißegal". "Mein Körper ist so toptrainiert, da geht der eben rein". Es beschreibt den Ukrainer, dass niemand mehr über diese augenzwinkernde Analyse lachte, als Voronin selbst. Vorlagengeber und erster Gratulant Nicu bemühte dennoch eine etwas bescheidenere Erklärungsform: „Er hat einfach einen Lauf, da gelingen ihm auch komische Sachen.“ Auch Manager Dieter Hoeneß wählte den vernunftgesteuerten Ansatz, er sagte: „Dass Andrey einen Lauf hat, sieht man natürlich an der Art des Tores. Wobei es mitnichten ein Glückstreffer war, sondern hervorragend herausgespielt. So eine Situation muss man erst mal erzwingen.“

In der Tat ist Voronin für Hertha viel mehr als nur der strahlende Torschütze. In einem für die Berliner „schweren Spiel“ (Favre), in dem sie sich nicht hätten beklagen dürfen, wenn Schiedsrichter Babak Rafati nach 21 Minuten auf Handelfmeter für Leverkusen entschieden hätte (Rodnei nach Kopfball Rolfes), war Voronin wieder einmal der Leitwolf.

Er ist es, den die Mitspieler suchen, wenn sie den Ball weitergeben wollen; er bedrängt den Gegner, er ist Herthas vorderster Verteidiger; und er reißt Kollegen wie Publikum mit seinen Gesten und Aktionen mit. So war es kein Zufall, dass Voronin selbst es war, der das Tor zum Sieg initiierte.

Ob er momentan der beste Voronin ist, den es je gab, wurde der 29-Jährige nach Spielende gefragt. „Ich habe“, antwortete er, „mehr Erfahrung als vor vier, fünf Jahren – aber der beste Voronin aller Zeiten? Das glaube ich nicht.“ Mit Bestimmtheit weiß Herthas umjubelter Star dafür eines: „Ein besseres Gefühl habe ich lange nicht gehabt als in diesen Wochen mit dieser Mannschaft. Was gibt es Schöneres, als am Samstagnachmittag in so ein Stadion einzulaufen und zu gewinnen?“ Gegen Leverkusen sorgten 58.753 Zuschauer im Olympiastadion auch auf den Rängen für ein meisterfähiges Ambiente.