Voronin im Interview

"Hertha BSC hat es verdient, Meister zu sein"

Unabhängig vom Ausgang des Heimspiels am Samstag gegen Bayer Leverkusen bleibt Hertha BSC Tabellenführer der Fußball-Bundesliga. Morgenpost Online sprach mit Berlins Torjäger Andrey Voronin über seinen Konkurrenten Marko Pantelic, die Taktiktricks von Trainer Favre und Herthas Titelchancen.

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Andrey Voronin, der für eine Saison vom FC Liverpool ausgeliehen ist, erzielte bereits zehn Saisontore, davon sieben in der Rückrunde.

Morgenpost Online: Herr Voronin, sind Spiele gegen Leverkusen für Sie eine Herzensangelegenheit?

Andrey Voronin: Vom Herzen her ist es immer ein besonderes Spiel, ja. Ich habe noch viele Freunde in der Mannschaft, wir haben zusammen Champions League gespielt und standen im Uefa-Cup-Viertelfinale. Aber wenn ich auf dem Platz bin, zählt nur der Sieg.

Morgenpost Online: So wie im Hinspiel gegen Bayer? Sie erzielten damals Ihr erstes Tor für Hertha, Berlin gewann die Partie mit 1:0.

Voronin: Es war ein Spiel, das wir an sich nicht hätten gewinnen dürfen. In der 89. Minute habe ich das Siegtor erzielt; daran denke ich gern zurück. Es war eine schwierige Phase für uns – dieser Erfolg war eine Art Befreiungsschlag in der Saison. Seitdem ging es steil bergauf.

Morgenpost Online: Jetzt lockt bereits der zehnte Heimsieg in Folge.

Voronin: Genau. Wir wollen unsere tolle Serie fortsetzen. Aber noch wichtiger ist: Mit einem Sieg bleiben wir sicher Tabellenführer – und unser Vorsprung auf Verfolger Leverkusen beträgt dann bereits zehn Punkte.

Morgenpost Online: Hat Hertha wirklich das Zeug zum Meister?

Voronin: Sagen wir so: Wir sind bis jetzt das einzige Team, das relativ konstant spielt und punktet.

Morgenpost Online: Träumen Sie vom Titel?

Voronin: Wenn ich sage, dass ich nicht davon träume, glaubt mir das ohnehin niemand. Wir träumen alle. Wir wollen so lange wie möglich oben stehen. Mit dem Stuttgart hat 2007 doch auch niemand gerechnet und dann wurde der VfB Meister.

Morgenpost Online: Nehmen Sie die Euphorie in Berlin wahr?

Voronin: Natürlich spüren wir das. Und Berlin hat es schon lange verdient, nach fast achtzig Jahren wieder Meister zu sein.

Morgenpost Online: Herthas Aufschwung wird vielfach an Ihrer Person festgemacht. Zuletzt trafen Sie in fünf Spielen siebenmal – Sie hatten aber Anlaufschwierigkeiten.

Voronin: Wenn du neu in einer Mannschaft bist, kennst du die Mitspieler noch nicht, und auch die Jungs schauen erst, wer du bist. Der Rest ist eine Frage des Selbstvertrauens, das braucht jeder Spieler. Im Moment hat die gesamte Mannschaft inklusive mir einen Lauf.

Morgenpost Online: Auffällig ist auch, dass Sie meist dann treffen, wenn Ihr Konkurrent Marko Pantelic nicht auf dem Feld steht.

Voronin: Pante war immer der große Held in Berlin. Vielleicht hat der eine oder andere Spieler automatisch zu Marko gepasst und mich dabei übersehen. Es stimmt: Wenn er nicht spielt, bekomme ich viel mehr Bälle.

Morgenpost Online: Messungen haben ergeben, dass kein Bundesligist so schnell spielt wie Hertha. Durchschnittlich nur 1,1 Sekunden zwischen Ballannahme und Abspiel sind ein Wert auf Champions-League-Niveau.

Voronin (lacht): Man merkt schon, dass unser Trainer mit Liverpools Trainer Rafael Benitez und Arsene Wenger, dem Trainer von Arsenal London, befreundet ist.

Morgenpost Online: Was zeichnet Ihren Trainer Lucien Favre aus?

Voronin: Er arbeitet mit uns wahnsinnig akribisch. Im Training macht die Taktikarbeit nicht unbedingt immer Spaß – aber auf dem Platz weiß jeder, was er machen muss. Manchmal machen Taktik und Disziplin mehr aus als Superstars und Qualität.

Morgenpost Online: Die Champions League wäre aber noch mal eine ganz andere Herausforderung. Sie kennen die Königsklasse – was reizt Sie persönlich daran?

Voronin: Sie ist das Höchste für einen Fußballer. Erst recht, wenn man dort schon gespielt hat. Du weißt, du spielst alle paar Wochen gegen die besten Mannschaften Europas, vielleicht sogar der Welt. Da wollen wir hin. Wir haben noch schwere Spiele vor uns. Aber wir sind inzwischen viel stärker als zum Zeitpunkt des Hinspiels gegen Leverkusen. Und wir haben riesiges Selbstvertrauen. Wenn wir so weitermachen, kommt nächste Saison nicht mehr nur Cottbus nach Berlin – sondern auch Barcelona.

Morgenpost Online: Sie denken schon an die nächste Saison, dabei steht nicht fest, ob Sie bei Hertha bleiben.

Voronin: Darum kümmert sich mein Berater. Er ist in Gesprächen mit Hertha-Manager Dieter Hoeneß. Ich weiß, dass auch andere Klubs an mir interessiert sind. Ich möchte bei Hertha bleiben; aber ich muss auch bald wissen, was mit mir geschieht.

Morgenpost Online: Sie könnten ja auch von Ihrem Arbeitgeber FC Liverpool in die Premier League zurückgeholt werden, die ja als beste Liga der Welt gilt. Was haben Sie in Ihrem Jahr dort gelernt?

Voronin: Härter und schneller zu spielen. Du musst immer voll drauf gehen, auch im Training musst du erst mal den Ball halten. In den ersten Tagen in Liverpool wurde mir richtig schwindlig.

Morgenpost Online: Wie groß ist der Rückstand der Bundesliga im Vergleich mit dem Fußball in England?

Voronin: Die Premier League ist natürlich die beste Liga. Aber auch in der Bundesliga ist das Niveau viel besser geworden als noch zu meiner Zeit in Leverkusen. Damals stand der FC Bayern doch fast automatisch als Meister fest. Jetzt können fünf, sechs Mannschaften Meister werden.