Gegen Freiburg

Herthas Valentin Stocker – endlich vorneweg

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Jörn Meyn

Foto: Simon Hofmann / Bongarts/Getty Images

Valentin Stocker blüht unter Herthas neuem Trainer Pal Dardai auf und will im Heimspiel gegen den SC Freiburg die Aufbruchstimmung nutzen. Seinen Ex-Coach Jos Luhukay kritisiert der Schweizer dagegen.

Wie sich Valentin Stocker gerade bei Hertha fühlt, muss man sich so vorstellen: Wie einer, der monatelang in einer Wohnung lebt und dann eines Tages ein völlig neues Zimmer darin entdeckt. Da ist plötzlich wieder Euphorie, wo sie vorher, nach dem Einzug, ziemlich schnell verpufft war. Da ist auch wieder Lust auf das eigene Umfeld. Valentin Stocker beschreibt es so: „Ein bisschen wie neu verliebt.“

Was der 25-Jährige nicht direkt so ausdrückt, aber in den Zwischenzeilen durchschimmert, ist der Grund für jenen Gefühlsumschwung: Jos Luhukay ist weg, und Pal Dardai ist da. Dem Ex-Coach Luhukay wird das sicher nicht gerecht, aber es ist wohl dennoch so, dass Stocker den Trainerwechsel wie eine Befreiung empfindet. Unter Dardai sei endlich wieder Lockerheit eingekehrt – im Training und drumherum. „Es wird jetzt wieder viel gelacht, und ich denke, dass Lachen auch gesund ist in einer Situation, in der der Druck enorm ist“, sagt Stocker.

Probleme mit Jos Luhukay

Bei Luhukay hatte der Mittelfeldspieler nach seiner Verpflichtung für 3,12 Millionen Euro vom FC Basel im Sommer nicht allzu viel Grund zu lachen. Seit sechs Jahren hatte Hertha für einen Spieler nicht mehr so viel Geld bezahlt wie für ihn. Die Erwartungen waren riesig. Doch der Schweizer kam nach einer persönlich missglückten WM mit hängenden Schultern nach Berlin.

Luhukay ließ ihn zunächst nicht spielen und begründete das damit, dass er Stocker schützen müsse, weil dieser mental und körperlich nicht auf der Höhe war. Damals hat Stocker das hingenommen. Doch nun, da Luhukay weg ist, erzählt er, was wirklich in ihm vorging: „Die Entscheidung, mich erst auf die Tribüne zu setzen, gab mir gleich noch mehr Material, um nachzudenken. Ich hatte mir alles schon ein wenig leichter gewünscht“, zitiert ihn das Schweizer Boulevardblatt „Blick“.

Dass es kein gutes Verhältnis zwischen Spieler und Trainer war, lassen auch diese Sätze erkennen: „Vielleicht war bei Jos Luhukay der ein oder andere Spieler gesetzt. Jetzt kriegt wieder jeder eine neue Chance – unvoreingenommen“, sagt Stocker der Morgenpost.

Bisher keine stabilen Leistungen

Mitte September durfte Stocker zum ersten Mal für Hertha in der Bundesliga auflaufen. Er wurde gegen den SC Freiburg eingewechselt. Danach folgten Monate, in denen er acht Mal in der Startelf stand. An seiner Formkurve ließ sich die der gesamten Mannschaft ablesen: Nach schwachem Start folgten ein paar gute Spiele, doch jene Phase wurde schnell wieder von schlechten Auftritten abgelöst.

„Ich bin ein bisschen im Zickzack gelaufen. Am Anfang war ich in der Öffentlichkeit ganz weit unten, dann kamen gegen Stuttgart und den HSV zwei gute Partien. Aber danach ging es wieder in die andere Richtung“, sagt er. Bei Stocker konnte man wie bei Hertha allgemein nie vorhersagen, was man kriegt. Nach der Niederlage gegen Bremen zum Rückrundenstart kritisierte ihn Luhukay vor versammelter Mannschaft und setzte seinen teuersten Einkauf darauf gegen Leverkusen demonstrativ auf die Bank.

An diesem Sonntag geht es wieder gegen den SC Freiburg (15.30 Uhr/im Liverticker bei immerhertha.de) – diesmal zu Hause. Für Valentin Stocker fühlen sich Hertha und das Olympiastadion nun tatsächlich auch so an. Er sagt: „Ich bin jetzt angekommen in Berlin.“ Das hat mit Pal Dardai zu tun und damit, dass der Ungar ihn in seiner ersten Partie gegen Mainz 05 von Beginn an aufbot. Hertha gewann 2:0. Stocker bereitete beide Treffer vor. „Für mich war das ein Neuanfang. Ich habe mir gesagt: Alles fängt jetzt wieder von vorn an. Du haust alles rein, um der Mannschaft zu helfen“, sagt der Linksfuß.

Bester Vorbereiter der Berliner

Stocker ist ein nachdenklicher Profi – einer, der manchmal sensibler wirkt als andere in der Branche. In der Schweiz arbeitete er mit einem Sportpsychologen zusammen, der ihn lehrte, dass Spiel vom Druck zu befreien.

Aber ist es so einfach, dass mit einer besseren Stimmung auch besserer Fußball entsteht? „Für mich ist gute Stimmung im Team das A und O. Die Leidenschaft macht den Unterschied. Wenn ein Spiel ausgeglichen ist, geht es darum, wer die positiven Emotionen und den Zusammenhalt hat“, sagt er.

Noch ist nicht seriös zu beantworten, ob sich das Aufblühen Stockers nur um eine kurze Gefühlswallung handelt, oder ob sich da tatsächlich eine Tür zu einem völlig neuen Zimmer geöffnet hat. Doch damit steht er auch für seine Mannschaft insgesamt, die nach dem Sieg gegen Mainz unter Dardai Aufbruchstimmung spürt und nun gegen Freiburg verhindern will, dass sie gleich wieder erstickt. „Wir haben uns im Team gesagt, dass der Sieg in Mainz nichts wert ist, wenn wir gegen Freiburg nicht alles abrufen“, sagt Stocker.

Dardai scheint ein Trainer zu sein, der für fußballerische Individualisten wie ihn und Salomon Kalou mehr übrig hat als Luhukay. Er wird ihn auch gegen Freiburg wieder aufstellen und hat gute Argument: Nach seinen zwei Assists gegen Mainz ist Stocker aktuell mit sechs Torvorlagen der beste Vorbereiter der Berliner. Dafür habe man ihn schließlich auch geholt, sagt Stocker. Er hat sich vorgenommen, diesen Erwartungen nun dauerhaft gerecht zu werden.