Bundesliga

Für Hertha-Trainer Luhukay ist Ronny ein „Wohlfühlfaktor“

Herthas Trainer lobt den Brasilianer nach dem Remis gegen Mainz als „Wohlfühlfaktor“ für das Team. Er hat die Gewissheit gewonnen, mit dem oft gescholtenen Spielmacher nun wieder einen Plan B zu haben.

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Im blauen Strickpullover wanderte Ronny über das Flughafenterminal. Der weiße Kragen seines Hemds guckte oben weit raus und diente Herthas Spielgestalter besser noch als die tellergroßen Kopfhörer zur Tarnung. Ein bisschen verloren wirkte der Brasilianer nach dem 1:1 in Mainz.

Kumpel Adrian Ramos war nicht da, weil er aufgrund der Dopingkontrolle den Flieger in Frankfurt verpasst hatte. Wie ein kleiner Junge, den seine Eltern irgendwie im Flughafengewusel vergessen hatten, marschierte Ronny nun allein herum.

Das Jungenhafte ist es ja, das sie dem 27-Jährigen in Berlin gern attestieren – mit zweierlei Konnotation: Verspielt wie ein ballverliebtes Kind auf dem Rasen einerseits. Unberechenbar in seinen Leistungsschwankungen wie ein Pubertierender andererseits. Letzteres hatte dazu geführt, dass Herthas Trainer Jos Luhukay zuletzt meist zögerte, Ronny in die Startelf zu stellen.

Nach Ronnys Einwechslung kippte das Spiel

Im Rückblick auf Mainz aber dürfte sich der Niederländer ärgern, es nicht getan zu haben. Denn erst mit der Hereinnahme des Spielmachers zur zweiten Hälfte kam Hertha in der Partie an, hatte den flinken Rheinhessen selbst etwas Kreatives entgegenzusetzen und überhaupt wieder Stabilität im eigenen Spiel. „Ronny hat uns Struktur gegeben und wieder Passsicherheit reingebracht“, sagte Luhukay am Montagmorgen.

In den vergangenen Wochen gab es solcherlei Lob eher nicht. Ronnys Künste waren immer verzichtbarer für die Berliner geworden. Im Zweitligajahr hatte der Linksfuß das Spiel der Blau-Weißen noch maßgeblich geprägt und sich mit 18 Treffern und 14 Vorlagen zur zentralen Figur der Aufstiegsmannschaft aufgeschwungen.

In der Bundesliga allerdings liefen ihm andere den Rang ab. Tolga Cigerci ersetzte ihn in einem nunmehr variableren Mittelfeld und ließ Ronny sogar bei dessen Spezialdisziplin, den Standards, vergessen.

Drei verschiedene Systeme in einer Partie

Doch Cigerci fehlte gegen Mainz wegen eines Muskelfaserrisses und wird auch die nächsten Partien aussetzen. Luhukay entschied sich dennoch gegen Ronny und für ein System mit zwei Stürmern und einer Mittelfeldraute dahinter. Weil dies gegen die ballsicheren Mainzer allerdings schiefging, stellte der 50-Jährige schon nach 20 Minuten auf ein 4-3-3-System um. Aber auch das sorgte nicht für Besserung.

Die 05er wurden immer stärker, und Luhukay bewies die Fähigkeit, gemachte Pläne zu verwerfen und während des Spiels neue zu präsentieren. Plan B diesmal hieß Ronny.

„Die Abstimmung im Mittelfeld war nicht so gelungen“, erklärte Marcel Ndjeng später die Maßnahme, der für Ronny zur Halbzeit weichen musste. „Mir sind zu viele Flüchtigkeitsfehler unterlaufen. Deshalb war es ein logischer Wechsel, dass der Trainer mit Ronny jemanden gebracht hat, der mehr Ruhe in der Zentrale hat.“

Luhukay stellte zum zweiten Mal um, diesmal auf ein 4-2-3-1 mit Ronny in alter Rolle auf der „Zehn“. „Wir haben die taktische Flexibilität im Team. Das sind immer nur kleine Veränderungen, aber die können viel ausmachen“, sagte der Trainer.

Ronny: „Ich bin nach wie vor wichtig für die Mannschaft.“

„In der ersten Halbzeit hatte ich ein paar emotionale Momente“, erzählte Luhukay und meinte damit die für ihn untypischen Wutausbrüche über die Fehlerhaftigkeit seiner Mannschaft im ersten Durchgang. In der zweiten Halbzeit seien die Emotionen dann vornehmlich positiv gewesen. Dass dies so war, hatte viel mit Ronny zu tun.

Mit ihm blieb Hertha auch mal im Ballbesitz. Mit ihm attackierte die Angriffsreihe auch mal geschlossen den aufbauenden Gegenspieler. Der Führungstreffer durch Adrian Ramos fiel, weil Ronny und Per Skjelbred den Mainzer Eric Maxim Choupo-Moting ins Dribbling vor dem eigenen Strafraum zwangen, dieser den Ball verlor und Ramos sicher vollstreckte.

Ronny hätte fast sogar das 2:0 erzielt, als er aus 35 Metern einen Freistoß unbekümmert draufdrosch, und der Mainzer Keeper gerade noch parierte.

Am Montagmorgen lobte Luhukay den zuletzt oft Gescholtenen daher besonders: „Mir hat gefallen, dass Ronny seine Chance genutzt hat, als er reinkam. Mit ihm kam die Qualität zurück“, sagte der Chefcoach. Auch Ronny selbst hatte das Gefühl, endlich einmal wieder zur Stelle gewesen zu sein, als er gebraucht wurde: „Ich habe gezeigt, dass ich nach wie vor wichtig für die Mannschaft bin“, sagte der Gelobte. Daran gezweifelt habe er freilich nie.

Startelf winkt gegen Hannover

Vielleicht hatte auch Luhukay nie seine Zweifel an Ronnys Wert. Zumindest hatte er das in den vergangenen Wochen immer wieder betont. Agiert aber hatte er zuletzt anders, als er ihn oft erst spät oder wie gegen Stuttgart gar nicht gebracht hatte.

Durch den Auftritt in Mainz hat Luhukay die Erkenntnis gewonnen, bei allen Verschleißerscheinungen und verletzungsbedingten Ausfällen im Mittelfeld – auch Änis Ben-Hatira und Alexander Baumjohann fehlen noch – wieder einen Plan B mit Ronny in der Hinterhand zu haben.

Die Verletzten will Herthas Trainer nicht als „Problem“ verstanden wissen, sondern als „Chance“, zu beweisen, dass der Aufsteiger auf die allermeisten Fragen auch Antworten finden kann. Ein Ronny in der Form von Mainz habe dabei eine äußerst beruhigende Wirkung auf den Trainer: „Ronny ist ein Wohlfühlfaktor für uns“, sagte er.

Im Heimspiel gegen Hannover 96 am Sonnabend könnte Ronny sogar zum Plan A werden und in die Startelf rücken. Im Hinspiel kam er in der 80. Minute in die Partie und drosch wenige Augenblicke später einen Freistoß aus 20 Metern zum Ausgleich in den Winkel. Er war schon damals Luhukays Plan B, und dieser ging auf.