Bundesliga

Herthas Torwart Kraft – „Mein Vater wäre stolz auf mich“

Vor der Partie gegen Mainz 05 spricht Herthas Stammtorwart über einen schmerzlichen Verlust in seiner Jugend, über seine Vertragsverlängerung in Berlin und schlechte Musik in der Kabine.

Foto: imago sportfotodienst

Thomas Kraft wirkt entspannt, als er zum Interview empfängt. Der mäßige Auftritt gegen Freiburg (0:0) am vergangenen Spieltag, die anschließenden Pfiffe der eigenen Fans – Herthas Stammtorwart bringt das nicht aus der Ruhe. Der 25-Jährige weiß, dass er trotz der bisher holprigen Rückrunde mit nur 27 Gegentoren die aktuell drittbeste Abwehr der Liga vor sich hat und der Aufsteiger nur noch wenige Punkte vom Erreichen des Saisonziels entfernt ist: Klassenerhalt.

Bei einem Sieg im Auswärtsspiel gegen Mainz an diesem Sonntag (17.30 Uhr/im Liveticker auf immerhertha.de) könnte Hertha auf einen Europapokal-Platz springen. Vor der Partie spricht Kraft im Interview über die gewachsene Erwartungshaltung, modernes und altmodisches Torwartspiel und seine Jugend ohne Vater.

Berliner Morgenpost: Herr Kraft, als die Mannschaft im vergangenen Jahr den Aufstieg mit einer Fahrt nach Prag feierte, fuhren Sie nicht mit. Man hört, Sie hätten dafür aber einen Abend dort bezahlen müssen. Dürfte teuer gewesen sein...

Thomas Kraft: Ich musste nicht bezahlen, sondern ich habe gesagt: Dafür, dass ich nicht mitfahre – die Jungs hatten mich natürlich schön gefoppt –, zahle ich euch einen Abend. Das habe ich auch gemacht und das wurde dann teuer...

Sieht ja so aus, als gäbe es auch nach dieser Saison wieder etwas zu feiern. Würden Sie diesmal mitfahren?

Nein. Dann bin ich Papa und habe keine Zeit mehr dafür.

Sie werden Ende März zum ersten Mal Vater. Es wird ein Junge. Glauben Sie, dass Sie das stark verändern wird?

Es wird ein komplett neuer Lebensabschnitt. Die Dinge bekommen andere Relationen. Ich hätte gern mit meinem Vater darüber gesprochen, aber leider ist er verstorben, als ich 15 war.

Wie haben Sie das damals erlebt?

Es war einschneidend für mich. Ich war noch ziemlich jung und musste plötzlich ohne Vater aufwachsen. Das war nicht einfach. Aber so ist das Leben. Es ist unglaublich schade, denn viele Dinge, die ich in den vergangen Jahren erlebt habe, hätte ich gern mit ihm zusammen erlebt. Ich denke noch oft an ihn, denn er war ein sehr großer Fußballfan und hat mich immer sehr unterstützt. Ich glaube, er wäre heute stolz auf mich.

Es wurde zuletzt oft über eine mögliche Verlängerung Ihres Vertrags bei Hertha gesprochen. Sie haben gesagt, Sie wollen erst die Entwicklung des Klubs in dieser Saison abwarten. Nun sind 23 Partien gespielt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Ich wollte sehen, dass es für uns als Team und als Klub nach vorn geht. Ich finde, wir entwickeln uns in eine gute Richtung. Ich bin richtig begeistert vom Team, wie wir in dieser Saison auftreten. Deswegen bin ich mehr als zufrieden.

Spricht dafür, dass Sie bald Ihren Kontrakt über 2015 hinaus verlängern werden.

Ich fühle mich sehr wohl in Berlin und könnte mir einen Verbleib vorstellen. Aber es gibt derzeit keinen Druck, mir darüber Gedanken zu machen. Ich bin zu Gesprächen bereit. Das steht fest. Aber warten wir mal ab, was kommen wird.

Würde es Sie reizen, irgendwann mal im Ausland zu spielen?

Darüber denke ich nicht nach. Als Profi in Deutschland bin ich in einer tollen Liga. Hier bin ich sehr gut aufgehoben.

Schon in der Zweiten Liga haben Sie gesagt, dass Sie mittelfristig mit Hertha im Europapokal spielen wollen. Die Chance auf die Europa League könnte sich ja schon in dieser Saison bieten.

Ich meinte damals, dass dies der nächste Schritt sein muss, wenn Hertha wieder in der Bundesliga etabliert ist. Aber daran arbeiten wir doch gerade noch. Wir sind erst etwas mehr als eine Hinrunde wieder dabei. Etabliert ist man nach zwei, drei Jahren. Die Europa League spielt für mich aktuell keine Rolle.

Die Hinrunde lief überraschend reibungslos für Hertha. In der Rückrunde konnte man aber beobachten, dass Sie auch an Grenzen gestoßen sind. Was fehlt dem Team noch?

Wir haben den ersten Schritt gemacht und guten Fußball gespielt. Normal ist dann, dass sich die Gegner auf uns einstellen. Jetzt gilt es, die nächsten Schritte zu machen. Wir müssen kaltschnäuziger werden. Das ist ein Prozess. Und der wird weitergehen.

Beim 0:0 gegen Freiburg am vergangenen Wochenende gab es zum ersten Mal Pfiffe der eigenen Fans. Wie haben Sie das erlebt?

Wenn die Leute pfeifen wollen, sollen sie das machen. Ich kann damit umgehen. Sicher sind die Erwartungen an uns gestiegen. Aber allen muss klar sein, dass wir nicht plötzlich jeden Gegner schlagen können.

Sie waren ein sehr junger Torwart, als Sie beim FC Bayern Nummer eins wurden. Nun haben Sie mit Marius Gersbeck, 18, einen jungen Mann hinter sich als Nummer zwei. Wie weit ist er aus Ihrer Sicht?

Marius macht große Schritte und ist ein sehr akribischer Arbeiter. Er muss sich noch weiterentwickeln. Aber er bringt alles mit und wird seinen Weg gehen.

Welche Eigenschaft braucht ein junger Torwart besonders?

Mentale Stärke ist zunächst das Wichtigste. Du wirst irgendwann Fehler machen und dann zeigt sich, wie du damit umgehen kannst. Dann kommt Kritik. Und das muss man aushalten können.

Auch Sie hatten in dieser Saison schon Momente, in denen Sie nach Fehlern kritisiert wurden. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe die Kritik wahrgenommen, aber sie hat mich nicht sonderlich beeinträchtigt. Als ich in München damals als junger Torwart gegen Hannover einen Fehler gemacht habe und heftig dafür kritisiert wurde, konnte ich damit noch nicht so gut umgehen. Das hat mich sehr beschäftigt. Aber ich habe es gelernt. Wenn ich jedes Mal, wenn ich jetzt kritisiert werde, in mich zusammenfallen würde, hätte ich den falschen Beruf gewählt.

Es gibt moderne Torhüter wie Manuel Neuer, der beim FC Bayern als elfter Feldspieler auftritt. Und es gibt altmodische, die das nicht tun. Sie werden eher zu den unmodernen Keepern gezählt. Nervt Sie das?

Es gibt doch überhaupt keine unmodernen Torhüter mehr. Dass wir nun verstärkt mitspielen, hat sich in den letzten Jahren so entwickelt. Manche, wie Neuer, machen es mehr, manche weniger. Aber es kommt immer darauf an, welche Anforderungen in der Mannschaft gegeben sind. Bei uns baue ich das Spiel nicht so oft auf, aber ich denke, dass ich das könnte.

Mainz 05 hat bisher eine starke Rückrunde gespielt (vier Siege, ein Remis, eine Pleite). Ist der Respekt groß vor den Mainzern?

Mainz hat einen Lauf. Dort zu bestehen ist schwer, weil die sehr aggressiv spielen. Aber wir haben die Chance, mit einem Sieg und dann 38 Punkten dem Klassenerhalt einen richtig großen Schritt näher zu kommen. Wir werden uns da also nicht verstecken.

Ihr Kollege Sami Allagui hat gesagt, dass Sie sich des Öfteren über die Kabinenmusik, die er auflegt, beschweren würden.

(lacht) Ja, manchmal sind da Songs dabei, da frage ich mich echt, wo sie die ausgegraben haben. Kein Ahnung, was das ist. Ich höre ja auch Hip-Hop und R’n’B, aber manchmal ist das nicht zu ertragen. Dann sage ich schon mal im Spaß: Mach die Musik aus! Es ist schon interessant mit den Jungs.