Bundesliga

Herthas Trainer Jos Luhukay ist tief gekränkt

Die hohe Anspruchshaltung in Berlin nervt Hertha-Trainer Jos Luhukay. Der Niederländer redet sich den Frust von der Seele, der sich durch die Pfiffe im letzten Heimspiel angestaut hat.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Jan Huebner

Es muss lange in Jos Luhukay gearbeitet haben. Vielleicht hat es sogar gebrodelt tief im Inneren des Trainers von Hertha BSC. Am Ende musste es raus, musste ausgesprochen werden, was ihn seit einer Woche beschäftigt. Da wurde die Mannschaft nach dem 0:0 im Heimspiel gegen Freiburg von den eigenen Zuschauern ausgepfiffen. Für den Niederländer vor dem Sonntagspiel bei Mainz 05 (17.30 Uhr/Sky) der Anlass, einmal grundsätzlich zu werden.

„Ich bin traurig, wenn ich an das letzte Spiel denke. Die Mannschaft zeigt so viel Charakter, so viel Moral und Einstellung in der gesamten Saison. Da ist es schade, dass man solche Reaktionen auf ein Heimspiel bekommt“, sagte Luhukay und schob noch hinterher: „Dabei haben wir es noch nicht einmal verloren.“ Für den Niederländer sind solche Erfahrungen neu. Hertha spielt als Aufsteiger eine mehr als beachtliche Runde, steht mit 35 Punkten auf Rang acht. Der Abstand zur Abstiegsregion ist mit 14 Punkten sehr komfortabel.

Europapokal statt Abstiegskampf

Vielleicht hat die Nähe zu den Europacupplätzen die Sicht auf die realistischen Möglichkeiten der Berliner getrübt. Luhukay reibt sich auf jeden Fall an den gestiegenen Erwartungen. Die letzte Partie war sicher nicht das beste Hertha-Spiel der Saison. Wahrscheinlich gehörte es sogar zu den schlechtesten. „Aber aus unserer Sicht haben wir das Recht, auch mal nicht gut zuspielen“, fordert Luhukay. „Wir haben auf dem Platz alles gegeben. Da ist man bei einem Unentschieden sehr tief gekränkt, wenn man ausgepfiffen wird. Und das ist schade.“

Doch der Niederländer mochte nicht nur seine eigene Verletztheit nach außen tragen. Dem Trainer ging es um die grundsätzlichen Erwartungen an die Mannschaft und damit auch an seine Arbeit. Deshalb macht er einen großen Unterschied zwischen den äußeren Eindrücken und den internen Zielsetzungen: „Wir waren immer nüchtern und realistisch.“ Die Ansichten von außen nimmt er hingegen als schnelllebig wahr. Vom Aufsteiger Hertha und den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist in der Tat kaum noch die Rede.

Stattdessen fühlt sich der 50-Jährige mit Fragen nach der Berliner Heimschwäche und gleichzeitigen Auswärtsstärke missverstanden. Würden allein die Spiele auf fremdem Platz zählen, stünde Hertha auf Rang drei in der Bundesliga. Diese Sichtweise passt Luhukay nicht. „Das ist wie in der Gesellschaft. Es wird nur der Erfolg gesehen. Wir sind im Moment auswärts erfolgreicher. Aber das ist nur Zufall. Wir spielen zu Hause viel besser. Da erarbeiten wir uns mehr Möglichkeiten und sind viel dominanter.“ Aus Luhukays Sicht ist Hertha nicht heimschwach, sondern belohnt sich nur weniger für den betriebenen Aufwand. Auswärts sei Hertha ähnlich effizient wie die Gegner im Berliner Olympiastadion. „Da brauchen wir nur zwei, drei Chancen, um Spiele zu gewinnen.“

Hertha wollte Mainzer Koo holen

Vor allem sieht der Trainer zu wenig gewürdigt, welche Ausfälle die Mannschaft kompensieren muss. Spielmacher Alexander Baumjohann ist seit Monaten wegen seines Kreuzbandrisses nicht dabei. Dazu ist an einen Einsatz von Kapitän Fabian Lustenberger und Mittelfeldspieler Tolga Cigerci (beide Muskelfaserrisse) nicht zu denken. „Das sind Eckpfeiler, die bei uns wegfallen. Wenn solche Spieler bei Top-Teams ausfallen, wird das auch für diese Mannschaften schwer. Aber wir können das nicht kompensieren, sondern gehen immer wieder Kompromisse ein und hoffen, dass die dort eingesetzten Spieler ihre eigene Qualität einbringen.“

Selbst der nächste Gegner Mainz ist für Luhukay Anlass, auf die Unterschiede zu Hertha hinzuweisen. „Sie kaufen einfach für fünf Millionen Euro im Winter Koo Ja-cheol für den Angriff. Der stand auch auf unserer Liste. Aber wir können solch einen Transfer nicht verwirklichen, weil wir ein Aufsteiger sind.“ Mainz ist in seiner Entwicklung deutlich vor Hertha. Das ist der Punkt, den der Trainer immer wieder anspricht. Sei es, wenn er auf die Offensivstärke mit Eric Maxim Choupo-Moting oder Nicolai Müller hinweist, auf das neue Stadion in Mainz oder auf den breiten Kader. „Wir haben nur 20 Feldspieler und im Sommer eine Million Euro Ablöse bezahlt. Wir sind nicht das große Berlin. Wenn wir in Mainz punkten, ist das für Hertha ein großer Erfolg. Aber dafür muss bei uns das Team funktionieren.“

Mainz ist kein Vorbild für Luhukay

Als Vorbild will Luhukay die Rheinhessen trotzdem nicht sehen: „Wir sind Hertha BSC. Wir müssen das tun, was für uns nötig und machbar ist.“ Es ist nicht unbedingt Zufriedenheit, die der Trainer sehen möchte. Er selbst hat Ziele und möchte, dass sich der Verein weiterentwickelt und vielleicht auch bald einmal einen Transfer wie Mainz mit Koo abwickeln kann. Momentan fehlt ihm vor allem die Anerkennung für die Arbeit, die bei den Berlinern nach zwei Abstiegen in vier Jahren geleistet wird. In solchen Momenten wird mit jedem Wort die Leidenschaft des Trainers für seinen Beruf sichtbar. Und daraus wird auch seine Kränkung verständlich.

Manager Michael Preetz mag vielleicht ähnlich fühlen wie Luhukay, sagte aber trocken zu dem Plädoyer des Trainers: „Ich bin schon so lange in Berlin, dass mich nicht mehr viel überrascht. Aber es gibt einen Haufen Vereine in der Bundesliga, die unsere aktuellen Sorgen gerne hätten. Und darauf sind wir stolz.“