Bundesliga

Tolga Cigerci - Von der Tribüne ins Rampenlicht

Noch gehört Cigerci Wolfsburg, aber seine Zukunft liegt bei Hertha. Am Sonntag trifft Cigerci zum ersten Mal auf seinen ehemaligen Arbeitgeber - und träumt von einer Einladung zur Nationalmannschaft.

Foto: imago sportfotodienst

Abpfiff, auf der VIP-Tribüne nickte Tolga Cigerci zufrieden. „Wolfsburg 2, Hertha 0“ stand auf der Anzeigentafel. Drei Punkte für seinen Arbeitgeber. Für den nächsten Tag stand eine Einheit auf dem Trainingsprogramm des VfL Wolfsburg. Da war Cigerci schon nicht mehr dabei. An jenem 1. September 2013 unterschrieb der Angestellte des VfL Wolfsburg einen Leihvertrag bei Hertha BSC. Und freut sich nun auf das Wiedersehen am Sonntag. Längst hat er ihn nicht mehr, den „Stammplatz auf der Tribüne“, wie Cigerci sagt, diesmal wird er das blau-weiß gestreifte Trikot der Berliner tragen, wenn der VfL Wolfsburg am Sonntag im Olympiastadion antritt (17.30 Uhr).

Vom Tribünenhocker zum umworbenen Stammspieler, wenn einer etwas über Schnelllebigkeit im Profifußball erzählen kann, dann Tolga Cigerci. „Fußball ist manchmal krank. Von heute auf morgen kann alles ganz anders sein. So schnell kann man gar nicht gucken.“

Luhukay: Tolga ist unser Herz

Bei Hertha BSC haben sie den laufstarken Mittelfeldspieler zu Beginn der Rückrunde schmerzlich vermisst. „Tolga fehlt uns“, bekannte Trainer Jos Luhukay nach den Niederlagen gegen Frankfurt (0:1) und Nürnberg (1:3). Bei seiner Rückkehr am vergangenen Wochenende beim 3:0 in Hamburg war Cigerci auf Anhieb bester Mann auf dem Platz neben Doppel-Torschütze Adrian Ramos.

Cigerci würde das so nie formulieren. „Die Mannschaft hat nicht verloren, weil ich gefehlt habe, da war einiges an Pech dabei“, erinnert er an den nicht gegebenen Hertha-Elfmeter in Frankfurt oder an die kuriose Abseitsentscheidung des Schiedsrichter-Gespanns gegen Nürnberg, die im Nachhinein sogar vom Deutschen Fußball-Bund als Fehlentscheidung kritisiert wurde.

Um so erleichterter war sein Vorgesetzter über die erfolgreiche Rückkehr. „Tolga ist unser Herz, er hat uns wieder Leben eingehaucht“, sagte Luhukay nach dem fünften Auswärtssieg der Saison.

Spieler brauchen Vertrauen

Cigerci ist ein weiteres Beispiel in einer Reihe, in der auch Per Skjelbred (kam vom HSV zu Hertha) oder Pierre-Michel Lasogga (von Hertha zum HSV) stehen. Warum überzeugt ein Spieler beim neuen Klub, während er bei seinem Heimatverein schon länger keine Rolle gespielt hat?

Cigerci hat eine schlagende Erklärung: „Das Wichtigste ist Vertrauen. Wenn du kein Vertrauen vom Trainer bekommst, ist es egal, wie gut du bist. Dann kannst du dich nicht entwickeln.“ Und umgekehrt. Drei Jahre lang hatte Cigerci beim VfL Wolfsburg und als Leihspieler bei Borussia Mönchengladbach jeweils den letzten Schritt nicht geschafft. Bei seiner Ankunft im September in Berlin – das Leihgeschäft war dem Zufall geschuldet, der schweren Knieverletzung von Alexander Baumjohann – zog Luhukay ihn beiseite. Er vertraue Cigerci, der solle einfach machen.

Keiner läuft so viel wie Cigerci

Im zweiten Spiel wechselte der Hertha-Trainer seinen Neuen zur Pause aus. „Ich habe es auf der Doppel-Sechs gespielt wie zuvor, immer auf einer Höhe mit dem anderen Sechser. Aber das will der Trainer hier nicht sehen.“ Luhukay fordert, dass seine Doppel-Sechs versetzt steht. Cigerci fand sich rasch ein in die neue Rolle als „Schalterspieler“, als Scharnier zwischen Defensive und Offensive. Dabei hilft ihm seine Laufstärke, regelmäßig legt Cigerci mit mehr als 13 Kilometern pro Spiel die größte Distanz aller Herthaner zurück.

Cigerci redet übrigens, wie er spielt. Klar und schnörkellos: „Der Fußball schaut nie zurück. Es geht immer nur nach vorn.“ Nachdem seine Karriere fast drei Jahre auf der Stelle getreten war, geht es seit sechs Monaten steil nach oben. Sein Marktwert ist nach gerade zwölf Saison-Einsätzen rasant gestiegen. Gut für Hertha, dass die Konditionen, zu denen der Hauptstadtklub Cigerci kaufen kann, bereits im vergangenen Sommer festgelegt wurden. Manager Michael Preetz hat bereits signalisiert, dass Hertha von der Kaufoption zu Saisonende Gebrauch machen wird. 1,75 Millionen Euro werden die Berliner dafür zahlen müssen.

1,75 Millionen muss Hertha zahlen

Ein eher günstiger Preis für einen jungen Mittelfeldspieler, der Bundesliga-Niveau anbietet und noch einiges an Entwicklungspotenzial verspricht.

Cigerci unterstreicht in jedem Gespräch, wie sehr er sich freut über die Unterstützung von Trainer Luhukay, von der Mannschaft und dem Verein an sich. „Ich bin sehr, sehr dankbar.“

Der Traum von der türkischen Nationalmannschaft

Er hofft, dass seine Leistungen auch an anderer Stelle wahrgenommen werden. Cigerci, geboren in Nordenham, aufgewachsen in Peine, ist Sohn türkischer Eltern. Er hat für die deutsche U-20-Nationalmannschaft gespielt. Aber sein Herz hängt an der Türkei. „Nein, bisher gab es keinen Kontakt“, sagte Cigerci. „Aber es würde mich riesig freuen, würde ich eingeladen werden.“ Er meint die türkische Nationalmannschaft. Er hat den nächsten Termin des Teams von Nationaltrainer Fatih Terim sofort parat: „Am 5. März geht es in Ankara gegen Schweden.“

Für das Treffen mit dem VfL hat er sich nur vorgenommen „ruhig zu bleiben. Ich freue mich, aber ich werde spielen wie sonst auch. Einfach spielen, keine Überdinge machen.“ Den Stellenwert seines Berufes hat er sich aufs Handgelenk tätowieren lassen: „Football is my life“.