Bundesliga

Hany Mukhtar - Herthas Kronprinz wird erwachsen

Der 18-jährige Junioren-Nationalspieler bestreitet in Belek bereits sein drittes Trainingslager bei den Profis. Trainer Jos Luhukay schwärmt von dem dribbelstarken Mittelfeldspieler.

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Jeden Abend im Hotelzimmer fliegen die Fetzen. Nichts wird sich geschenkt, wenn Hany Mukhtar auf seinen Stubennachbarn Änis Ben-Hatira trifft. Da kann es hässlich werden. Schließlich muss ermittelt werden, wer das Sagen hat – auf der Playstation. Nach Belek in Herthas Trainingslager hat Mukhtar die Spielkonsole mitgebracht, um sich die zähen Abende mit der Fußballsimulation „Fifa 14“ zu verkürzen. Ben-Hatira hat den Ruf, im Team der „Fifa“-Krösus zu sein. Nichts, was Mukhtar beeindruckt. „Änis ist ziemlich gut“, sagt der Mittelfeldspieler. Er selbst aber brauche sich auf der Playstation auch nicht zu verstecken.

Ohnehin ist das mit dem Verstecken nicht nach Mukhtars Geschmack. Vor einem Jahr schon, als der Hauptstadt-Klub ebenfalls sein Winterlager an der türkischen Mittelmeerküste aufschlug, war Mukhtar dabei. Damals war er 17 Jahre alt und gerade von Herthas B-Jugend, wo ein Spiel 80 Minuten dauert, zu den Profis aufgestiegen. Ein ziemlich weiter Sprung sei das gewesen, sagt Mukhtar heute: „Das Tempo, die Härte. Das war plötzlich anders.“ Damals hat sich der dribbelstarke Offensivspieler seine Strategie zurechtgelegt: „Man muss nur selbstbewusst genug sein und sich sagen: ‚Junge, du kannst auch was.’ Dann geht das schon.“

Profidebüt gegen den FC Bayern

Ein Jahr später ist Mukhtar wieder in Belek, sitzt in einem grauen Ohrensessel in der Hotellobby und lehnt sich selbstbewusst nach vorn. Pressegespräche sind noch neu für den 1,74 Meter großen Nachwuchsspieler. Kein einziges hat er seit dem Trainingslager 2013 gegeben. Dass es tatsächlich für ihn geht bei den Profis, hat er in den zurückliegenden Monaten bewiesen. Sieben Mal wechselte ihn Cheftrainer Jos Luhukay in der Zweitliga-Saison ein. Seine erstes Bundesligapartie bestritt Mukhtar mit 18 Jahren und 219 Tagen Ende Oktober beim Rekordmeister FC Bayern. „Erst habe ich das gar nicht so wahrgenommen“, sagt Mukhtar. „Aber zwei, drei Tage später, dachte ich: Oh Mann, die haben die Champions League gewonnen. Das guckt man sich eigentlich im Fernsehen an. Gegen die hast du gespielt.“

Drei Mal noch wechselte ihn Luhukay in der Hinrunde ein. Der Trainer, für den Mukhtar bereits im ersten Profijahr ein Anwärter auf die Rolle des Kronprinzen hinter dem brasilianischen Spielgestalter Ronny war, sieht eine positive Entwicklung: „Hany ist körperlich stärker geworden. Er hat Dynamik, Kraft und Robustheit dazubekommen.“ Mukhtar, der alle Jugendnationalmannschaften des DFB bis zur U19 durchlaufen hat, sei ein vorbildlicher Junge, der sein Ziel fokussiert verfolge. Doch Luhukay will die Erwartungen an ihn nicht zu hoch setzen: „Der letzte Schritt, in der Bundesliga ein Erste-Elf-Spieler zu werden, ist immer der schwerste. Man muss ihm Zeit geben.“

Vorbild für Hertha-Talente Syhre und Abderrahme

Dass sich bei ihm aber etwas entwickelt hat im zurückliegenden Jahr, ist auch Mukhtar aufgefallen: „Ich fühle mich ein bisschen reifer geworden. Ich traue mich jetzt viel mehr auf dem Platz“, sagt er. In den ersten Testspielen in Belek gegen Aarau (1:1) und Hannover (0:0) ließ ihn Luhukay jeweils eine Halbzeit lang spielen. Immer wieder setzte Mukhtar zu Dribblings an, manchmal in gefährlichen Situationen – etwas, was ihm sein Trainer abgewöhnen wird, damit er in Punktspielen keine Ballverluste provoziert. „Ich versuche jetzt, so schnell wie möglich erwachsen zu werden“, sagt Mukhtar und meint damit seine Spielweise. „Aber ich will mir das Jugendliche auf dem Platz auch bewahren.“ Jugendlich, das heißt für ihn Spielfreude und Unbekümmertheit.

Das ist es, was Mukhtar den ihm Nachfolgenden geraten hat. Neben dem 18-Jährigen hat Luhukay in Belek auch Abwehrspieler Anthony Syhre, 18, und Offensivakteur Farid Abderrahme, 17, dabei. Mit Syhre, der 2013 vom DFB mit der bronzenen Fritz-Walter-Medaille für den drittbesten Spieler seines Jahrgangs ausgezeichnet wurde und eigentlich in Herthas U23 spielt, gewann Mukhtar 2012 die Deutsche Meisterschaft der B-Junioren. Abderrahmane pendelt in dieser Saison zwischen der A-Jugend und den Amateuren. „Ich habe gesagt, dass sie keine Angst haben müssen“, erzählt Mukhtar. „Respekt ist gut. Aber auf dem Platz muss man zeigen, was man kann.“ Mukhtar ist ein gutes Beispiel für die Durchlässigkeit von der Jugend zu den Profis bei Hertha. Schon im vergangenen Jahr berief Luhukay mit Robert Andrich neben Mukhtar einen weiteren Jungspieler für das Aufgebot in Belek. Das Trainingslager werde Syhre und Abderrahme gut tun, glaubt Luhukay. Ihre Teilnahme ist als Signal an Herthas Jugendspieler insgesamt gemeint, dass sie sich mit guten Leistungen anbieten können.

Mukhtars Vertrag läuft bis 2015

Innenverteidiger Syhre hinterließ im Training und bei seinem 45-minütigen Einsatz gegen Hannover einen guten Eindruck. „Er ist mutig, konzentriert, traut sich viel zu“, sagt Luhukay. Abderrahmane dagegen wirkt schüchterner. „Farid muss körperlich noch zulegen, das ist in dem Alter normal. Tony spielt schon länger in der U23 und hat einen Vorsprung.“ Syhres Vertrag bei Hertha läuft im Sommer aus. Ein gutes Trainingslager dürfte sein Standing im Verein noch einmal verbessern.

Gegenüber beiden hat Hany Mukhtar den größten Vorsprung: Bereits 2012 unterschrieb der Sohn eines sudanesischen Chemieprofessors und einer deutschen Angestellten einen Profivertrag über drei Jahre. Hertha will Mukhtar über 2015 hinaus binden. Ein erstes Gespräch über eine Vertragsverlängerung hat es bereits nach seinem Bundesliga-Debüt gegeben. Auch Mukhtar sieht seine Zukunft in Berlin. „Ich bin Berliner“, sagt er. „Was gibt es schöneres, als wenn deine Kumpels ins Stadion gehen und man selbst steht auf dem Platz?“

Sich selbst bei „Fifa 14“ auf der Playstation im Hertha-Team aufzustellen, hat Hany Mukhtar übrigens bisher unterlassen. „Meine Fähigkeiten sind da noch nicht so hoch eingestuft“, sagt er. Das wird sich bald ändern.