Herthas Gegner

Braunschweigs Davari hat den undankbarsten Job der Liga

Kaum ein Torwart der Bundesliga steht so unter Beschuss wie Eintracht Braunschweigs Daniel Davari. Mit dem Iran will der 25-Jährige zur WM in Brasilien, zuvor aber noch Rache an Hertha BSC nehmen.

Foto: Thomas Eisenhuth / pA/dpa

Neulich hatte Daniel Davari zum ersten Mal in seinem Leben Todesangst. Beirut, 19. November. Am Abend soll der Torwart von Bundesliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig sein zweites Länderspiel für den Iran bestreiten. Gegen den Libanon geht es um die Qualifikation für den Asien-Cup 2015. Doch daran ist kaum zu denken.

Am Morgen sterben bei einem Bombenanschlag auf die iranische Botschaftin Beirut mehr als 23 Menschen – über 150 werden verletzt. Das Länderspiel aber soll stattfinden – trotz der Gefahr eines weiteren Anschlages. „Das war eine Ausnahmesituation“, sagt Davari der Morgenpost. „Wir hatten Angst.

Der Weg zum Stadion war abgesperrt, das Stadion leer. Überall war Militär. Da kann man eigentlich kaum Fußball spielen.“ Dennoch gewinnt der 25-Jährige mit der iranischen Nationalelf 4:1. „Das hat den Leuten im Iran etwas Trost gegeben.“

Iranischer Vater, polnische Mutter

Die Leute im Iran, sie sind nun auch seine Leute, seit ihn Nationaltrainer Carlos Queiroz im vergangenen Zweitligajahr in Braunschweig entdeckte. Auch Dank Davari, dem in Gießen geborenen Sohn eines iranischen Vaters und einer polnischen Mutter, stieg die Eintracht nach 28 Jahren Abstinenz wieder in die Bundesliga auf.

Das machte den Torwart im Heimatland seines Vaters bekannt: „Die Leute erkennen mich im Iran auf der Straße“, sagt Davari. „Das hat mich überrascht. Sie sind mir mit viel Respekt entgegen getreten.“

Doch die vergangene Zweitliga-Spielzeit hielt auch die allererste Krise in der noch jungen Karriere für den 1,92 Meter großen Schlussmann bereit – und er verdankt sie Hertha BSC, dem Klub, auf den Davari im Aufsteigerduell am Sonntag (17.30 Uhr) in der Bundesliga trifft.

Schlechte Erinnerungen an Ronny

Am 28. Spieltag der vergangenen Saison unterlaufen Davari im Spitzenspiel der beiden Aufstiegsaspiranten im Berliner Olympiastadion zwei Torwartfehler. Herthas Brasilianer Ronny trifft zweimal per Freistoß. Zweimal sieht Davari nicht gut aus. Am Ende verliert Braunschweig deutlich mit 0:3 und Davari seinen Stammplatz bei den „Löwen“.

Die Kritik an dem Schlussmann ist plötzlich groß im Umfeld der Niedersachsen. Marc Arnold, Braunschweigs Manager, hat dafür heute noch wenig Verständnis: „Die Torhüter haben es hier in Braunschweig nicht leicht“, sagt der ehemalige Hertha-Profi. „Das liegt daran, dass es hier eben eine Tradition von hervorragenden Keepern gibt – wie die Nationaltorhüter Bernd Franke und Horst Wolter.“

Dabei seien die Verantwortlichen stets zufrieden mit Davaris Leistungen gewesen. Nur noch sporadisch kehrt Davari zum Ende der Zweitligaspielzeit ins Braunschweiger Tor zurück.

Zum Beginn der Bundesliga-Runde entscheidet sich Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht für das Beibehalten der auf der Torwartposition unübliche Rotation zwischen Davari und seinem Konkurrenten Marjan Petkovic. Doch Petkovic verletzt sich, und Davari hat seit dem 8. Spieltag endlich seinen Stammplatz zurück.

Die drittmeisten Torschüsse der Liga zugelassen

Das gibt dem Keeper am Sonntag die Gelegenheit, sich für die zeitweilige Karrieredelle bei Hertha zu revanchieren. Ronny ist mittlerweile nur noch Ergänzungsspieler bei den Berlinern.

Doch selbst wenn der Brasilianer eingewechselt werden sollte, fürchtet Davari seine Freistöße nicht: „In der Bundesliga gibt es nicht nur Ronny, der einen guten Schuss hat“, sagt Davari. „Wenn ich über jeden Spieler nachdenken würde, der einen guten Schuss hat, käme ich nicht mehr in den Schlaf.“

Dass es ein paar recht passable Schützen mehr in der ersten Liga gibt als eine Spielklasse tiefer, erlebt Davari jede Woche am eigenen Leib. Schon 16 Mal in zehn Partien musste er hinter sich greifen.

Nicht nur die anfänglich von Lieberknecht verwehrte Stammplatzgarantie, sondern auch die Fülle an abgegebenen Schüssen (164) auf sein Tor machen Davaris Job zum undankbarsten der Liga. Nur zwei Mannschaften haben bisher mehr Torabschlüsse zugelassen als Braunschweig – Nürnberg (191) und Bremen (177).

Sein Berliner Kollege Thomas Kraft zum Vergleich sah sich nur mit 109 Schüssen konfrontiert – die drittwenigsten der Liga hinter dem FC Bayern (78) und Borussia Dortmund (98). Auch dies dürfte ein Grund dafür sein, warum Hertha im Vergleich der beiden Aufsteiger schneller in die Bundesliga hineingewachsen ist als die „Löwen“, die auf dem letzten Tabellenplatz elf Punkte hinter den Hauptstädtern zurückliegen.

In Brasilien gegen Deutschland?

Für die Begegnung der beiden Bundesliga-Aufsteiger am Sonntag rechnet sich Davari dennoch gute Chancen auf einen Erfolg aus: „Wir wollen gegen sie punkten. Aber wir müssen gegen Hertha alle an unser Limit gehen, um etwas zu holen“, sagt der Torwart.

Zuvor aber wird Davari, den sie in Braunschweig nicht nur wegen der klanglichen Ähnlichkeit „Diva“ nennen, gebannt am Freitag auf die Auslosung für die WM-Endrunde in Brasilien im kommenden Sommer schauen.

Der Iran hat sich frühzeitig für das Turnier qualifiziert, und Davari sagt: „Ich träume von der WM. Es wäre toll, für den Iran dabei zu sein.“ Vielleicht bekommt Iran die deutsche Nationalelf als Gruppengegner zugelost. Es wäre ein besonderes Spiel für Daniel Davari. Ist er in Brasilien dabei, das hat Davari sich vorgenommen, soll auch sein Persisch vorzeigbar sein.