Nach Fan-Protest

Hertha BSC spielt nur noch einmal gegen RB Leipzig

Am Sonnabend tritt Hertha BSC im Test gegen RB Leipzig an. Sehr zum Ärger vieler Berliner Fans, die den Verein als Retortenklub ablehnen. Ihr Protest wurde erhört: Es soll das letzte Aufeinandertreffen dieser Art sein.

Foto: Digitalfoto Matthias / pa

An Drittligist RB Leipzig und den damit verbundenen Unmut der Hertha-Fans hat Trainer Jos Luhukay bestimmt nicht gedacht, als er die nächsten schwierigeren Testspiele erwähnte. Das war nach dem 12:0 gegen Oberligist Altglienicke am Dienstag. Da herrschte noch ausgelassene Stimmung beim Anhang. Die verfliegt aber sofort, wenn das Thema auf den Retortenverein aus der sächsischen Metropole kommt, gegen den Hertha am Sonnabend (15 Uhr in Dessau) spielen wird. Ein Großteil der Berliner Fans will das Spiel boykottieren.

Der erst 2009 vom österreichischen Getränkehersteller Red Bull gegründete Verein gilt Fußballanhängern über alle Vereinsgrenzen hinweg als das Feindbild schlechthin. Kommerz und Verzicht auf Tradition lauten die Hauptvorwürfe, die sich auch Hertha-Manager Michael Preetz auf der Mitgliederversammlung im Mai von der Ultragruppe Harlekins anhören musste.

Ausgerechnet Union als Beispiel

Unter donnerndem Applaus forderte ein Mitglied: „Wir sollten Red Bull keine Plattform bieten, und der Name sollte nicht in einem Atemzug mit Hertha BSC genannt werden. Es würde mehr Charakter zeigen, wenn das Spiel abgesagt würde. Vorgemacht haben das Union, Hamburg, Aue oder Offenbach.“ Es passiert selten, dass sich Hertha-Fans den Lokalrivalen aus Köpenick zum Vorbild nehmen. Der Zweitligist hatte 2011 einen Test gegen Leipzig nach heftigen Fanprotesten abgesagt.

„Nicht alles, was aus sportlicher Sicht sinnvoll erscheint, passt zu Union. Das Präsidium hat entschieden, dieses Spiel abzusagen“, begründete Präsident Dirk Zingler damals den Schritt. Hertha sagt die Partie nicht ab. Schon auf der Mitgliederversammlung erklärte Preetz: „Das ist nicht so einfach. Wir unterstützen damit nicht RB, sondern erfahren finanziell selbst Unterstützung. Außerdem haben wir einen Vertrag geschlossen, aus dem wir nicht so einfach rauskönnen.“

Nicht einmal als Benefizspiel vom Hertha-Anhang akzeptiert

Trotzdem nahm sich der Verein die Kritik zu Herzen, suchte in mehreren Gesprächen mit den Fans einen Ausweg. Für das Spiel am Sonnabend fand sich letztlich kein für beide Seiten tragfähiger Kompromiss. Auch die Umwidmung der Partie zu einem Benefizspiel für die Flutopfer konnte die Wogen nicht glätten. 2010 verlor Hertha gegen RB ein von Protesten begleitetes Testspiel 1:2. Dieses Jahr konnten die Anhänger immerhin die Zusage erreichen, dass Hertha ein solches Spiel nicht erneut vereinbaren wird. Dieses eine Mal noch gegen Red Bull und dann nie wieder.

Der Förderkreis Ostkurve als Dachorganisation der Hertha-Fans ruft die Anhänger zu einer Gegenveranstaltung am Sonnabend auf. Statt im Paul-Greifzu-Stadion in Dessau Ronny oder Ramos zuzujubeln, soll im Haus der Fußballkulturen im Prenzlauer Berg eine Art Bezirksmeisterschaft der Hertha-Fans stattfinden, bei der ein Film über die „dunkle Seite von Red Bull“ gezeigt wird.

In Leipzig reagiert man eher belustigt auf die Diskussionen

In Leipzig ruft RB, das sich aus Gründen der deutschen Fußballregularien offiziell RasenBallsport Leipzig nennen muss, nicht mehr solch Reaktionen hervor. „Hier ist man eher belustigt über die Diskussionen bei Hertha“, meint Matthias Kießling. Der 39-jährige Journalist betreibt seit drei Jahren die populäre Fanseite rotebrauseblogger.de und hat aufgrund der Kritik an Red Bull eine Art Galgenhumor entwickelt.

„Wenn ein Fan eines Bundesliga-Vereins gegen RB als Kommerzklub wettert, kann ich angesichts der dort erlösten Summen nur lachen.“ In Leipzig stößt der Verein in eine durch die verstrittenen Rivalen Lokomotive und Chemie Leipzig völlig verödete Fußball-Landschaft. Vor allem Familien mit Kindern zieht die Sehnsucht nach der Bundesliga ins Zentralstadion.

Dritte Liga soll nur eine Zwischenstation sein

Etwa 100 Millionen Euro hat der Konzern Red Bull für den Marsch in die Bundesliga vorgesehen. Dazu gehört ein Trainingsgelände neben der WM-Arena von 2006, das bis 2015 für rund 35 Millionen fertiggestellt werden soll. „RB zieht die Kritik auf sich, weil der Klub in der Regionalliga und auch sicher als Drittligist ein absolut überdimensioniertes U-Boot ist“, sagt Kießling.

Die 3. Liga, in die RB dieses Jahr nach zwei vergeblichen Anläufen aufgestiegen ist, soll nur Zwischenstation sein. Dafür wird auf hohem Niveau investiert. Insgesamt 1,1 Million Euro Ablöse waren den Leipzigern das 18-jährige Talent Joshua Kimmich vom VfB Stuttgart und der dänische Junioren-Nationalspieler Yoshua Poulsen (19) wert. Summen, von denen andere Drittligisten träumen. Sollten die Spieler einschlagen, ist ein Durchmarsch in die Zweite Liga nicht ausgeschlossen.

Demokratische Vereinsstrukturen sind dem Aufsteiger fremd

Doch es gibt auch Kritik an RB, die Blogger Kießling für angebracht hält: „Für wen demokratische Vereinsstrukturen wichtig sind, der kann sich zu Recht an der Konstruktion des Vereins reiben.“ Beim Red-Bull-Ableger kostet die Mitgliedschaft 800 Euro jährlich, die einmalige Bearbeitungsgebühr ist 100 Euro teuer, und der Vorstand darf jeden Antrag ohne Begründung ablehnen. Laut RB gibt es 250 Mitglieder. Andere Quellen sprechen nur von acht. Das wäre gerade mal ein Mitglied mehr als für eine Vereinsgründung in Deutschland notwendig ist. Für die Anhänger bleiben die Fanklubs, die informell mitbestimmen.

Der symbolische Boykott der Berliner Fans wird den Aufstieg von RB Leipzig sicher nicht aufhalten. Über kurz oder lang wird der sächsische Retortenverein in die Bundesliga aufsteigen und dann muss Hertha wieder gegen die Leipziger antreten. Wenn auch unfreiwillig.