Hertha BSC

Wie sich Stürmer Wagner gegen die Konkurrenz behaupten will

Sandro Wagner wurde in der Vorsaison meist nur eingewechselt. Nun sieht er sich auf dem Weg zum Hertha-Stammspieler. Wie sich der Stürmer gegen Ramos, Lasogga und Allagui durchsetzen will.

Foto: Oliver Mehlis / pa/dpa

Seine erste Großchance hatte er per Heber über den Torwart hinweg gegen die Latte gesetzt. Bei der zweiten war er einen halben Meter vor der Torlinie von Teamkollege Sami Allagui aus Nahdistanz angeschossen worden, der Ball segelte dennoch am Pfosten vorbei. Der dritte Versuch saß endlich. Sandro Wagner nahm eine Eingabe auf und schoss flach ins linke Eck, es war der Treffer zum 3:0-Endstand im Test von Hertha BSC gegen Union Fürstenwalde.

Keine Frage, Wagner (25) hat sich einiges vorgenommen für die anstehende Bundesliga-Saison. Das dokumentiert der Stürmer nicht nur mit Toren. Er präsentierte sich zum Trainingsbeginn in einer Topverfassung. „Ich habe bei jedem meiner Vereine mit die besten Fitness-Werte gehabt. Das ist auch in diesem Sommer bei Hertha so“, sagte Wagner.

Gleichzeitig ist Wagner, der elf Jahre lang die Ausbildung des FC Bayern durchlaufen hat, ein Stürmer der neuen Generation. Einer, der mit der Entwicklung im modernen Fußball klarkommen muss. Früher gab es Stammspieler. Und dann einige hintendran. Das hat sich geändert. In der Aufstiegssaison kam Wagner zwar auf 31 Einsätze. Wurde jedoch 23 mal ein- und fünfmal ausgewechselt.

Erst drei, dann zwei, nun ein Angreifer

Ebenso hat sich Anzahl der Stürmer geändert. Früher gab es drei Angreifer, dann zwei. Aktuell lassen die meisten Trainer, so auch Jos Luhukay bei Hertha, mit nur einem Stürmer spielen. Da konkurriert der ehrgeizige Wagner mit dem genauso ambitionierten Pierre-Michel Lasogga und Adrian Ramos sowie Sami Allagui um eine einzige Position.

Lasogga war nach seinem Urlaub im Test gegen den Fünftligisten Fürstenwalde erstmals in dieser Saison eine Halbzeit im Einsatz. Im Anschluss umlagerten viele Fans den U-21-Nationalstürmer, der noch aus dem Mannschaftsbus heraus dutzende Autogramme schrieb und sich fotografieren ließ.

Trainer Luhukay sagte: „Pierre war sehr bemüht, aber nur wenig beteiligt an torgefährlichen Situationen. Das lag aber nicht an ihm, wir haben insgesamt zu wenig Torgefahr kreiert.“

Auch wenn die meisten Profis etwas müde wirkten am Ende des Konditionstrainingslagers am Scharmützelsee. Es war unübersehbar, dass der Konkurrenzkampf in der Offensive nun so richtig Fahrt aufgenommen hat. Im vorigen Spieljahr hatte der Trainer in der Startelf fast immer auf Ramos gesetzt. Wagner kam meist danach zum Zuge. Luhukay sagt: „Man muss nur sehen, wie das Geschäft heute läuft. Mario Gomez und Claudio Pizarro mussten vergangene Saison zurückstehen hinter Mandziukic. Bei uns hat das Sandro phantastisch hinbekommen. Er ist ein ganz wichtiger Spieler mit einer tollen Charaktereinstellung.“

Konkurrent Ramos quält sich durch die Vorbereitung

Auffällig ist, dass der „etablierte“ Ramos sich eher müde durch die Vorbereitung quält, während sowohl Wagner als auch Lasogga vor Tatendrang sprühen. Lasogga legt die Worte seines Trainers so aus, dass es bei Hertha noch schwerer sei, in die Startelf zu kommen als beim FC Bayern.

Wagner gehört mit seinen 25 Jahren nicht mehr zu den Jungen. Auf seinen Stationen bei Werder Bremen und dem 1. FC Kaiserslautern galt er als komplizierter Typ. Begabt, aber schwierig, wenn es nicht so lief. Wagner hat bereits Titel geholt. Er war Stürmer jenes Erfolgsteams um Neuer, Hummels, Jerome Boateng, Khedira und Özil, das 2009 in Schweden U21-Europameister wurde.

Während die Karriere der meisten Kollegen rasant an Fahrt gewann, ging es für Wagner in Wellen weiter. Er ist eine seltene Mischung in der Branche. Wuchtig, aber trotz seiner 1,94 Meter kein Kopfball-Ungeheuer. Er ist kein Technik-Genie, hat aber einen guten Blick für die Nebenleute. Ein großer Trumpf ist seine Unerschrockenheit. Ob es dreckig zugeht, ob auswärts vor 80.000 Zuschauern in Dortmund anzutreten ist: Wagner ist nicht beeindruckt. Der gebürtige Münchener bringt eine Schlitzohrigkeit mit, die bei Hertha sonst nicht so verbreitet ist. Allerdings weiß Wagner, dass seine Chancenverwertung besser werden sollte. „Ich brauche das Vertrauen, mal drei, vier Spiele in Folge zu bekommen. Dann kann das richtig explodieren.“

Der Familienvater ist ruhiger geworden

Zu seinen Emotionen sagt der Familienvater: „Ich bin ruhiger geworden.“ Mit Ehefrau Denise hat er Tochter Luca-Marie (2) und seit drei Monaten Sohn Hugo. Er fokussiert sich. Die Rangfolge: Familie ist wichtig. Dann kommt der Fußball. Twitter, Instagram, Facebook, die vielen Verlockungen der neuen Medienwelt, die viele Mitspieler umtreiben, „interessiert mich überhaupt nicht“. Fragt man ihn nach Tattoos, schüttelt er erschrocken den Kopf.

Zur branchenüblichen Alternative, einem etwaigen Klubwechsel – Stürmer werden ständig gesucht – positioniert sich Wagner klar: Ja, sagt er, es gäbe immer mal ein Angebot. Aber die Frage stellt sich ihm nicht. „Ich will bei Hertha bleiben.“ Ungeachtet des Konkurrenzkampfes im eigenen Kader lobt er seine Mitstreiter. „Mit Adrian und Sami verstehe ich mich gut. Mit Pierre liege ich auf einem Zimmer.“ Das Verhältnis untereinander leide auch nicht, je nach dem, wer spielen darf. „Keiner von uns stellt sich selbst auf. Das ist allein die Entscheidung des Trainers.“

Er findet, dass Hertha stolz sein könne, vier starke Angreifer zu haben. „Ich denke, dass uns einige Vereine beneiden um unsere Qualität in der Offensive.“ Was Wagner nicht davon abhält, eine klare Kampfansage in den Stürmer-Ring zu werfen: „Ich will viel öfter in der Startelf stehen als im Vorjahr. Ich bin sicher: Dies wird meine Saison.“