Berliner Halbmarathon

Laufen aus Spaß und für die Gesundheit

Am Sonntag startet der Berliner Halbmarathon. Für Erdmute Nieke ist es bereits der fünfte.

Erdmute Nieke bereitet sich auf den Halbmarathon vor

Erdmute Nieke bereitet sich auf den Halbmarathon vor

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Es ist ihr fünfter Berliner Halbmarathon. Erdmute Nieke aus Reinickendorf freut sich auf Sonntag. Die 46-Jährige hat Spaß am Laufen, doch es ist auch lebensnotwendig für sie. 2010 erfuhr sie von Ärzten, dass sie an Diabetes erkrankt ist. Abnehmen, Ernährung umstellen und Sport – „das war die knallharte Auflage“, erzählt sie. Langsam und kontinuierlich hat sie angefangen, das Trainingspensum gesteigert, die Strecken verlängert. Jetzt absolviert sie bis zu 15 Wettkämpfe im Jahr. In diesem Jahr auch den Marathon in Hamburg und in Berlin. 20 Kilogramm habe sie abgenommen, erzählt die Religionslehrerin, die am Evangelischen Gymnasium Hermannswerder in Potsdam unterrichtet. Früher sei ihr das Treppensteigen in der Schule schwergefallen. „Heute habe ich viel mehr Energie und Kraft.“ Wenn es kurz vor dem Klingeln heißt „Wer ist als Erster im Klassenzimmer“, dann hängt sie auch schon mal ihre Schüler im Wettlauf ab.

Drei Mal in der Woche Ausdauersport, Pulsfrequenz 140 – das war 2010 die Weisung aus der Diabetikerschulung. Fürs Laufen hat sie sich entschieden, weil es überall und zu jeder Jahreszeit möglich ist. Manchmal, wenn sie um 14 Uhr Unterrichtsschluss hat, zieht sich Erdmute Nieke schon in der Schule die Turnschuhe an und läuft in Caputh durch den Wald. „Da wird der Kopf frei“, sagt sie. „Die besten Ideen habe ich beim Laufen.“ Die Schüler haben zuerst gestaunt, ihre Lehrerin in Sportkleidung zu sehen. Jetzt sind sie es gewohnt. „Dafür sitze ich dann abends lange am Schreibtisch“, sagt die promovierte Pädagogin. Sie erinnert sich an die Anfänge. Sie lief los. Dann war der Puls zu hoch. Also anhalten. Wieder zu Atem kommen und weiterlaufen. Woche für Woche. „Das war mühsam.“ Eine Freundin sprach sie an. „Wie wär’s mit dem Frauenlauf, über zehn Kilometer?“ Erdmute Nieke hat es geschafft. Die nächste Idee: „Einmal beim Halb-Marathon dabei sein.“ Auch das wurde Wirklichkeit.

Die Wettkämpfe reihen sich aneinander

Seither reihen sich die Wettkämpfe aneinander wie Perlen in einer Kette. Erdmute Nieke war beim Run of Spirit des Evangelischen Johannes­stifts, beim Airport Night Run in Schönefeld, beim Cross-Lauf des Ruderclubs Tegel, beim Traditionslauf Hohen Neuendorf, beim Lionslauf Glienicker Brücke, beim Müggelturm-Halbmarathon. „Ich lebe seit 23 Jahren in Berlin“, erzählt sie, „aber erst durch die Läufe kenne ich mich in den einzelnen Bezirken besser aus.“ Außerdem lernt sie viele Menschen kennen. „Läufer sind gut gelaunt und optimistisch“, ist ihre Erfahrung. Es gibt auch außergewöhnliche Ereignisse, wie den Gefängnislauf in Plötzensee, bei dem sie als Kampfrichterin fungierte.

Viele Tipps für den Marathon hat Erdmute Nieke beim „Lauftreff Bernd Hübner“ bekommen. Sie hat auch gelernt, wie man Schnürsenkel so bindet, dass sie unterwegs nicht aufgehen. Sie weiß, wie man mit Seitenstechen während des Wettkamps umgeht – Tempo verringern, auf die Ausatmung achten, den Rücken strecken. „Hübis“ nennen sich die Freizeitsportler, die regelmäßig zum Lauftreff kommen. Ihre roten Trikots hatte Erdmute Nieke bei ihren ersten Wettkämpfen gesehen. Heute trägt sie selbst so ein Shirt, mit ihrem Vornamen drauf. Sie sei ein bisschen süchtig nach den Wettkämpfen, gesteht sie ein. Von den Zuschauern angefeuert werden, ins Ziel kommen, die Bewegung an frischer Luft – darauf will sie nicht mehr verzichten. Ihr Ehemann akzeptiert, dass seine Frau so oft unterwegs ist. Als ihn eine Nachbarin darauf ansprach, sagte er: „Sie hatte noch nie so viel gute Laune wie seit der Zeit, seit der sie läuft.“ Voll verausgaben will sich Nieke nicht. Sie sei eher langsam unterwegs, sagt sie, behalte noch Kraftreserven. Sodass sie am Abend nach dem Berlin-Marathon 2016 noch tanzen konnte. Überanstrengung und Verletzungen will sie vermeiden, um den Sport nicht unterbrechen zu müssen. „Meine Ärztin hat mich gewarnt, eine Laufpause zu machen.“

Trotz Diabetes lebt sie ohne Medikamente

Erdmute Nieke hat es geschafft, trotz Diabetes ohne Medikamente leben zu können. Vor sieben Jahren sind ihr von Medizinern die Folgen der Krankheit deutlich gemacht worden – Kribbeln und nachlassende Durchblutung in Fingern und Zehen sowie schwindende Sehkraft. Um das nachzuvollziehen, musste sie damals einen Handschuh anziehen, mit dem sie einen Apfel greifen sollte, es aber nicht mehr konnte. Und eine Brille aufsetzen, durch die sie nur noch Schatten sah. „Das hat mich anfangs sehr beim Laufen motiviert.“ Heute überwiegt der Spaß. Am Abend nach dem Halb-Marathon wird Erdmute Nieke mit anderen Läufern in einem Brauhaus in den S-Bahn-Bögen sitzen. Dann gibt es alkoholfreies Hefe-Weizenbier. „Das ist gut zum Regenerieren, um den Verlust an Mineralien auszugleichen.“