Fit in den Frühling, Teil 2

Der aktuelle Feind: das Kohlenhydrat

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Achim Achilles

Die Ernährungsrevolution hat böse Folgen, weiß Wunderläufer Achim Achilles. Während man sich früher nach einem anstrengenden Lauf mit Wein und Bruschetta belohnen durfte, gibt es heute Tofu und Salat. Eine körperliche Verbesserung ist jedoch nicht zu erkennen.

Früher war ich zwei Stunden trainieren, Mona machte sich hübsch derweil. Frisch gefönt liefen wir bei Enzo in der Pizzeria ein, dem Kalorienlieferanten unseres Vertrauens. Mona stöckelte vorweg, stracks in Enzo hinein, der sein fröhliches „Ah, oh, ciao, Ragazza, Bella, Mamma Mia“ quiekte. Was Algerier eben für Italienisch halten, die in Wirklichkeit gar nicht Enzo, sondern Ali heißen.

Die größte gastronomische Herausforderung in Berlin besteht eben darin, dass Vertreter aller Nationen versuchen, wie Italiener auszusehen und zu reden. Mona fühlte sich jedenfalls wie Claudia Cardinale. In gemessenem Abstand kam ich angehumpelt. „Viele Sporte, molto Atletico, Achilles Olympico“, brabbelte Enzo anerkennend und in genau der richtigen Lautstärke, um den Gästen an den Tischen ringsherum einen widerwillig anerkennenden Blick abzunötigen – der kleine Triumph des Läufers, den er allerdings teuer mit zerfetzten Achilles-Sehnen und chronischem Hüftknarzen bezahlt.

Herrliche Zeiten damals, als Männer noch Männer waren, Frauen keine Gerippe und die Goldene Regel hieß: Laufen verbrennt Kohlehydrate, also können wir bei Enzo auf der Terrasse jede beliebige Menge nachladen: erst mal lecker Fluffiweißbrot mit Öl und Salz, Bruschetta, ein Mittelgebirge Nudeln gegen den Zwischenhunger, Biere gegen den Durst, ein Doppelzentner Ossobucco für die Kraftausdauer, mit Erdbeer-Panacotta abbinden und kontinuierlich mit Rosso spülen. Soll ja viel Eisen drin sein. Roter Wein, rotes Blut – passt perfekt. Und im Grappa ist bestimmt auch irgendwo ein Vitamin versteckt.

Bestgelaunt schwankten wir nach Hause, Hand in Hand wie am ersten Tag, um dort noch mal durch den Kühlschrank zu browsen. Pures Glück. Und genug schlechtes Gewissen, um am nächsten Morgen gleich wieder durch den Grunewald zu traben. Waren wir dicker damals? Unglücklicher? Langsamer? Eben.

Never change a winning Sieben-Gänge-Menü, sagt der Laufexperte. Und doch haben wir es alle getan. Seit etwa zwei Jahren dürfte der Pasta-Umsatz bei Enzo dramatisch gesunken sein. Mona und alle anderen Frauen dieser Welt sind der Iss-dich-fit-Sekte beigetreten. Und ihre Weicheier von Kerlen gleich mit. Essen dient nicht mehr dem Vergnügen, sondern muss eine tiefere Bedeutung haben. Der aktuelle Feind auf dem Teller: das Kohlehydrat.

Weißbrot und seine vielen Weißmehl-Verwandten sind allesamt verbannt. Olivenöl auch, weil Raps viel besser ist. Stundenlang muss ich nun vor Fenchel meditieren. Immerhin ist Kresse drauf und ein Spritzer Zitrone, weil der angeblich Fett verbrennt. Hätten wir Mäuse auf unserem Tisch, würden sie sich heulend zu Boden stürzen. „Ich brauche Treibstoff für mein Tempotraining“, winsele ich meine Gattin an. „Da ist ganz frischer Tofu im Kühlschrank“, sagt Mona, „und Linsenmus mit Ingwer.“ Super. Immerhin keine Rhabarber-Thunfisch-Paste an Vollwert-Mangold.

Wir sind nicht dünner geworden, seit meine Frau Ernährungsbücher liest. Aber unsere Laune hat sich verschlechtert. Und der Geruch unserer Magenwinde. Der Eierbecher voll Buttermilch, den Mona mir zum Frühstück gewährt, hält auch nicht den ganzen Tag vor. Von Brokkoli-Torte (ohne Teig) wird mir schlecht. Kein Wunder, dass ich mir bei jedem Drive-in einen Doppelstock-Burger mit Fritten besorge.

Früher habe ich versucht, den Zigarettengeruch aus meinen Klamotten zu kriegen, heute bekämpfe ich den Fastfood-Dunst. Zuckerfreie Salbeipastillen funktionieren ganz gut, wenn man sie kurz anlutscht und dann unter den Hemdkragen klebt. Verräterisch sind allenfalls die Fleischfasern in den Backenzähnen und der Ketchup-Fleck auf dem Revers. „Ist Linsenpaste mit Salbei“, erkläre ich Mona, „total lecker, du.“

Seit Essen eine Wissenschaft ist, ist die gute alte Fressromantik bei Enzo zum Teufel. Die Frau, die mal meine genussfreudige Gattin war, kommentiert die Tageskarte gnadenlos durch: Pizza? Geht nicht, wegen der Kohlehydrate. Und Fett schwimmt auch drauf, vom Mozarella. Nudeln? Dasselbe. Viktoriabarsch? Verboten, weil aus Afrika und daher zu viel CO 2 zwischen den Schuppen. Kalbsleber Veniziana? Giftbombe. Schweinefilet in Zitronensoße? Schwein? Willst du dich umbringen? Ja, will ich, am liebsten mit CO 2 -haltigem Kohlenhydratschwein.

Während die Kinder bei Enzo an ihrer Pizza herumsäbeln, werde ich zu Salat mit Lammstreifen verdonnert. Nette Vorspeise. Für Hasen. Mona behauptet, sie habe nie Hunger, weil sie viel Wasser trinke. Zum Glück verschwindet sie deswegen dauernd zur Toilette. „Papa hat Pizza geklaut“, petzt mein Sohn Karl, als sie zurückkehrt. Tolle Brut – kaum in der Pubertät, schon so loyal wie Andrea Nahles. Mona gießt mir zur Strafe noch mehr Wasser in den Weißwein.

Wie soll ich Spitzenleistungen erlaufen, wenn mein Kopf weiß, dass meine Speicher ratzekahl leer sind. Gefühlte Schwäche ist noch schlimmer als reale. Nach einer samstäglichen Fressorgie bei Enzo war ich früher mental bestens aufgestellt. Die Speicher fühlten sich proppevoll an, und das Gewissen mahnte: Lauf um dein Leben, einfach so, zum Spaß. Heute habe ich Angst vor einem Linseninfarkt mit Tofudurchbruch. Mona ist schuld an einem Sommer ohne Leistungsexplosion.

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Im nächsten Teil lesen Sie: Laufen in Berlin – Warum der Schlachtensee Berlins Monte Carlo, die Laufpiste mit erstklassigem Entertainment, ist und wo man die Prominenz der Hauptstadt beim Training beobachten kann