Euro 2012

Wutrede - der nette Herr Löw kann auch anders

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Lars Wallrodt

Foto: Getty

Sechs Wochen nach dem EM-Aus der Nationalelf rechnet der Bundestrainer mit seinen Kritikern ab und verteidigt seine Spieler.

Es lag kein Notizzettel vor Joachim Löw, und auch Pressesprecher Harald Stenger betätigte sich nicht als Souffleur. Und doch war der erste Auftritt des Bundestrainers seit dem Ausscheiden bei der Fußball-Europameisterschaft vor anderthalb Monaten alles andere als eine spontane Plauderei, wie es sie so oft auf Pressekonferenzen vor Länderspielen gibt.

Löw hatte sich auf diesen Termin intensiv vorbereitet, das wurde schnell klar. Am Frankfurter Stadion setzte er zu einem Monolog an, der nur am Rande mit der Partie gegen Argentinien am Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF) zu tun hatte und der in dieser Form vom besonnenen Freiburger bislang noch nicht zu hören war.

Alles muss raus

Keine Frage: Das 1:2 gegen Italien im Halbfinale hatte wochenlang in ihm gegärt, und die Kritik, die anschließend auf ihn und seine Spieler eingeprasselt war, war ein zusätzliches Triebmittel gewesen. Nun musste alles heraus, was sich angestaut hatte. Doch Löw ist clever genug zu wissen, wie so ein Rundumschlag aufgebaut werden muss. Bloß nicht zu aggressiv einsteigen, sonst ist schnell die Rede vom angefressenen Bundestrainer. So parlierte er fünf Minuten darüber, dass er aufgetankt habe und mit großer Motivation in die Saison starte. Er referierte kurz über eine umfassende Analyse der EM, die er und sein Trainerteam bereits begonnen hatten. Und, ja, natürlich sei die Niederlage gegen Italien enttäuschend gewesen.

Doch dann holte er tief Luft, drückte den Rücken durch und hob an: „Fakt ist eins“, sprach er und seine Augen blitzten, „unser Weg, den wir eingeschlagen haben, der stimmt. Wir haben ein langfristiges Konzept, an dem wir festhalten werden.“ 15 Pflichtspiele in Folge habe seine Mannschaft gewonnen, donnerte Löw, das sei Weltbestleistung. Und überhaupt: „Die Fans mögen unseren Spielstil.“

Nun war er in Fahrt, und Pressesprecher Stenger schien ein wenig den Kopf einzuziehen; er wusste wohl schon, was kommt. Nach dem Italien-Spiel, fuhr Löw fort, habe es vielerlei Kritik in verschiedener Form gegeben. Die sportliche Kritik, die nehme er gern an, „mit allem Verstand und mit aller Demut werde ich meine Lehren daraus ziehen“. Doch all die Polemik, die über dem Team ausgekippt worden sei, die knöpfte Löw sich dezidiert vor. „Teile davon halte ich nicht für zielführend, die Diskussion ermüdet mich“, sagte Löw und hätte seine Verachtung für Schlagzeilen, in denen Wörter wie „Memmen“ und „Versager“ vorkommen, nicht vornehmer ausdrücken können. Dann arbeitete er seinen geistigen Spickzettel ab.

Erstens: die Leitwolfdebatte

Nach dem Italien-Spiel und dem starken Auftritt von dessen Mittelfeldchef Andrea Pirlo war behauptet worden, dass der deutschen Mannschaft Führungsspieler fehlen würden. Unsinn, findet Löw: „Mit Spielern wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose haben wir enorme Fortschritte gemacht. Viele Mannschaften sind mit ihren klassischen Führungsspielern lange vor uns nach Hause gefahren.“

Zweitens: die Hymnendiskussion

Aus der Tatsache, dass die Italiener vor dem Spiel ihre Nationalhymne geschmettert hatten, während vor allem die deutschen Spieler mit Migrationshintergrund wie Mesut Özil und Lukas Podolski still geblieben waren, war mangelhaftes Engagement abgeleitet worden. „Was ich fatal finde“, sagte Löw, „ist der unterschwellige Vorwurf, dass diese Spieler keine guten Deutschen seien. Das finde ich schlecht.“ Natürlich sei es toll, die Hymne zu singen. Aber das sei kein Beleg für die Qualität einer Mannschaft: „Und schon gar nicht ist es ein Beweis für eine Unlust zu kämpfen.“

Drittens: die Luxusvorwürfe

Kaum war Deutschland ausgeschieden, wurde diskutiert, ob die Spieler nicht zu umsorgt seien mit eigenem Koch, Charterflügen, Fünf-Sterne-Hotels und reichlich Sponsorengeschenken. „Wir erwarten Spitzenleistungen“, entgegnete Löw, „darum haben alle im Umfeld der Mannschaft die Pflicht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.“ Es würde ja niemand ernsthaft glauben, dass die hochgelobten Spanier selbst kochen oder nur mit dem Bus reisen würden”, polterte Löw.

Viertens: die Sache mit der Halbfinaltaktik

Löw hatte Spielgestalter Özil nach außen beordert, Toni Kroos in die Mitte gezogen und auf Marco Reus und Miroslav Klose verzichtet. „Ich wollte die Italiener, die zu 90 Prozent durch die Mitte kommen, frühzeitig attackieren und stören“, erläuterte der Bundestrainer. Dass er sich zu sehr am Gegner orientiert habe, stimme nicht, sagte Löw: „Aber wir haben nicht mit unseren eigenen Waffen gekämpft, haben nicht zu unserem Rhythmus gefunden und nicht unser Spiel durchgesetzt.“ Er übernehme „die gesamte Verantwortung“ dafür: „Ich hatte eine klare Strategie. Mir war das Risiko bewusst, das besteht, wenn du in einer erfolgreichen Mannschaft Spieler wechselst. Aber das habe ich auch früher schon gemacht, und da ist es gut gegangen.“

Auch Babbel kriegt sein Fett weg

Ach ja, da war ja noch der Fall Tim Wiese. Vergangene Woche hatten Bundestorwarttrainer Andreas Köpke und Löws Assistent Hansi Flick dem Torwart gesagt, dass im Nationalteam künftig eher auf junge Torhüter gesetzt wird. „Löws Verhalten ist eine Katastrophe“, hatte Hoffenheim-Trainer Markus Babbel gewettert, weil der Bundestrainer die Entscheidung nicht selbst überbracht habe. „Wie und was wir machen, das bestimmen nur wir. Es ist eine Respektlosigkeit von Babbel gegenüber Köpke und Flick, wenn er solche Dinge von sich gibt.“

Nach 28 Minuten war Löws Monolog beendet. Auch wenn er ihn nicht mit den Worten „Ich habe fertig!“ schloss, lag ein Hauch Giovanni Trapattoni in der Luft.

Sechs Dortmunder – vier Bayern

Aufgebot: Bundestrainer Joachim Löw berief 19 Spieler in das Aufgebot für das Länderspiel am Mittwochabend (20.45 Uhr, ZDF) in Frankfurt/Main gegen Argentinien. Torhüter Marc-Andre ter Stegen wurde nachnominiert, weil Manuel Neuer vom FC Bayern München seine Teilnahme wegen einer Beckenkammprellung absagen musste. Tor Marc-Andre ter Stegen (Borussia Mönchengladbach/20 Jahre/1 Länderspiel), Ron-Robert Zieler (Hannover 96/23/1). – Abwehr Holger Badstuber (FC Bayern München/23/25), Lars Bender (Bayer Leverkusen/23/9), Jerome Boateng (Bayern München/23/25), Benedikt Höwedes (Schalke 04/24/8), Mats Hummels (23/19), Marcel Schmelzer (24/6).

Mittelfeld: Sven Bender (alle Borussia Dortmund(23/2), Sami Khedira (Real Madrid/25/32), Julian Draxler (Schalke 04/18/1), Mario Götze (20/15), Ilkay Gündogan (beide Dortmund/21/ 2), Toni Kroos (22/30), Thomas Müller (beide Bayern München/22/32), Mesut Özil (Real Madrid/23/38), Marco Reus (Borussia Dortmund/23/8), André Schürrle (Bayer Leverkusen/21/16).

Angriff: Miroslav Klose (Lazio Rom/34/121).

Fahrplan: Am 7. September steht in Hannover (20.45 Uhr/ZDF) gegen die Färöer in der Qualifikation für die WM-Endrunde 2014 in Brasilien das nächste Pflichtspiel auf dem Programm. Danach folgen:

11. September (WM-Quali): Österreich–Deutschland (20.45)

12. Oktober (WM-Quali): Irland–Deutschland (20.45)

16. Oktober (WM-Quali): Deutschland–Schweden in Berlin (20.45/ARD)

14. November (Test): Niederlande–Deutschland in Amsterdam (20.30 Uhr)