Euro 2012

Spanien demonstriert bei der EM seine Einzigartigkeit

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Florian Haupt

Zum ersten Mal hat eine Mannschaft erfolgreich den Titel des Europameisters verteidigt. Alba, Silva, Torres und Mata versenken Italien.

Der historische Pfiff ertönte um 23.36 Uhr Ortszeit im Olympiastadion von Kiew. Da war das Finale der 14. Fußball-Europameisterschaft beendet, da hatte die spanische Nationalelf ein neues, ruhmreiches Kapitel in der Geschichte des populärsten Spiels der Welt geschrieben. Als erste Mannschaft gewann die „Selección“ von Xavi, Iniesta und Iker Casillas auch das dritte große Turnier in Folge. Durch das 4:0 (2:0) über Italien verteidigte der Weltmeister von 2010 zugleich als erste europäische Auswahl den kontinentalen Titel. Und: Es war der höchste Sieg einer Mannschaft in einem EM-Finale.

Casillas nimmt Trophäe entgegen

Um 23.51 Uhr bekam Spaniens Kapitän Iker Casillas die Trophäe von Uefa-Präsident Michel Platini überreicht. Dann gingen der Torwart und seine Mitspieler in einem Konfettiregen unter. Es folgte die obligatorische Ehrenrunde. Einige spanische Profis hatten nun sogar ihre kleinen Kinder dabei. Jordi Alba, der Schütze des zweiten Tores, war natürlich überglücklich: „Unglaublich, dass wir Geschichte geschrieben haben. Wir werden das jetzt genießen, wir haben ein tolles Turnier gespielt. Es freut mich sehr, dass ich das Tor gemacht habe, denn normalerweise war ich für einen Einsatz ja gar nicht vorgesehen.“ Trainer Vicente del Bosque strahlte ebenfalls: „Wunderbar, wirklich klasse, wir können alle sehr, sehr stolz sein.“

Die unterlegenen Italiener waren faire Verlierer. So erklärte Trainer Cesare Prandelli: „Wir haben von Beginn an gesehen, dass die Spanier frischer waren als wir. Wir haben in der letzten Woche sehr viel Energie verbraucht und am Ende nicht mithalten können.“ Torhüter Gianluigi Buffon fügte hinzu: „Wir haben nicht die Form gehabt wie zuletzt. Wir können uns aber nichts vorwerfen, die Spanier waren heute einfach besser und haben eine fantastische Mannschaft.“

Wie es dem Anlass gebührte, lieferten die Spanier dabei die im vorherigen Turnierverlauf vermisste Demonstration ihrer Einzigartigkeit. Der Ball lief schneller, präziser, unvorhersehbarer als in den bisherigen Partien, wegen derer sie sich von Teilen des Weltpublikums sogar als langweilig bezeichnen lassen mussten. Nach den Toren von David Silva, Jordi Alba, Fernando Torres und Juan Mata wird das niemand mehr behaupten können.

Den ersten Treffer leitete Arbeloa ein, der einen weiten Diagonalpass perfekt stoppte, so dass er schnell auf die in der Mitte nachrückenden Xavi und Iniesta spielen konnte. Die kombinierten, tiki, taka, dann schickte Iniesta am rechten Strafraumrand Fàbregas, der geschickt zur Grundlinie zog und scharf in die Mitte flankte. Wo in den vergangenen Spielen vielleicht noch ein echter Mittelstürmer vermisst wurde, stand jetzt Silva. Der 1,70 große Kanarier brachte gedankenschnell seinen Kopf an den Ball und erzielte die Führung (14.).

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Danach erkämpften sich erst einmal der Gegner mehr Spielanteile. Die Spanier zogen sich minutenlang so passiv zurück, als wären sie Italiener der alten Schule, und die Italiener schoben ihre Linien so mutig nach vorn wie die neuen Italiener – zur Halbzeit hatten sie tatsächlich mehr Ballbesitz, was gegen Spanien seit Jahren keinem Team geglückt ist (52:48). Das Problem bloß: Viel mehr als ein paar weitere gefährliche Flanken, der eine oder andere Distanzschuss sowie je ein Versuch von Antonio Cassano und Mario Balotelli sprang dabei nicht heraus. Und dann passierte, was dem alten Italien wohl nie passiert wäre – es wurde eiskalt ausgekontert.

Nach einem Abschlag von Iker Casillas legte Linksverteidiger Jordi Alba in der Mitte quer zu Xavi und startete sogleich nach vorn durch. Xavi schickte einen wunderbaren Steilpass durch die italienische Abwehr und Alba nahm den Ball in einer Bewegung mit, bei der sich der handelsübliche Linksverteidiger sämtliche Knochen gebrochen hätte. Genauso lässig schob er den Ball dann an Buffon vorbei ins kurze Eck (41.). Die Kombination mit Xavi wird man künftig öfter bestaunen können, der 23-Jährige wechselt von Valencia zum FC Barcelona. Warum ihn dessen Guru Johan Cruyff vor ein paar Tagen als „Entdeckung des Turniers“ bezeichnet hatte, dürfte spätestens in diesem Moment jedem Zuschauer klar geworden sein.

Italiens vergebliche Versuche

Italien versuchte mit der Einwechslung von Antonio Di Natale zum Beginn der zweiten Hälfte noch einmal alles und provozierte damit zumindest ein paar frenetische Minuten mit zahlreichen Chancen auf beiden Seiten. Dann aber mussten sich die Azzurri beugen. Auf erneut perfekten Pass von Xavi erzielte der kurz zuvor eingewechselte Torres das 3:0 (84.). Lange hatte der Torjäger wieder auf seinen Einsatz warten müssen.

Vier Minuten später folgte eine Episode, die noch einmal vorzüglich illustrierte, was für einen perfekten Abend die Spanier da erlebten. Torres verzichtete auf sein viertes Turniertor, das ihn zum alleinigen Schützenkönig der EM gemacht hätte, und legte selbstlos quer auf Mata, der zum Endstand einschob.

Das Tor war ein Symbol für ein Erfolgsgeheimnis dieser Elf: ihre Demut, ihren erstaunlichen Teamgeist. Und es war die Krönung eines spanischen Monologs. Des Schaulaufens einer Fußballmannschaft, wie es sie noch nie gegeben hat. Das Schlusswort sprach Vicente del Bosque: „Das ganze Team hat zusammengehalten. Wir hatten viel Ballbesitz, das ist unser Spiel. Das haben wir bis zur Perfektion gemacht. Das ist das ganze Geheimnis.“ So einfach ist das.