Euro 2012

Oliver Kahn fordert Rückkehr zu alten Fußball-Tugenden

Welche Zukunft hat der deutsche Fußball? Morgenpost Online sprach mit Oliver Kahn über das EM-Aus, Wohlfühloasen - und das Singen der Hymne.

Foto: Firo

Fußballexperten gibt es viele. Doch keiner war so präsent während der Europameisterschaft wie Oliver Kahn (43). Als ZDF-Fachmann spaltete er mit seinen Analysen die Nation in Verehrer und Verächter. Wie zu seiner Zeit als Aktiver steht der „Welttorhüter“ der Jahre 1999, 2001 und 2002 auch heute für klare Worte.

Morgenpost Online: Wie groß ist die Ernüchterung?

Oliver Kahn: Ich war schon ein wenig überrascht. Zum einen aufgrund der taktischen Aufstellung, denn ich wusste nicht, warum wir uns auf einmal nach dem Gegner richten. Und zum anderen aufgrund der Einstellung der Spieler. Sowohl nach dem 0:1 als auch nach dem 0:2 hatte ich den Eindruck, als würde die Mannschaft keinen Plan B in der Tasche haben. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Spieler noch in der Lage wären, das Spiel umzubiegen.

Morgenpost Online: Aber woran liegt das? Zuvor hatte die Mannschaft vier Spiele erfolgreich gestaltet.

Oliver Kahn: Solche individuellen Fehler darfst du auf diesem hohen Niveau einfach nicht machen. Je höher das Niveau wird, umso mehr Konzentration ist erforderlich. So eklatante Fehler im Defensivbereich werden gegen Weltklassespieler sofort eiskalt bestraft. Ob nun beim 0:1 von Mats Hummels oder beim 0:2 durch die beiden Innenverteidiger, die viel zu weit aufgerückt waren, in Kombination mit Philipp Lahm. Und dann hat eben diesmal das taktische Konzept von Joachim Löw nicht gegriffen, nachdem es vorher immer aufgegangen war. Natürlich stellt sich jetzt erneut die Frage, warum wir in den vergangenen Jahren die entscheidenden Spiele verloren haben.

Morgenpost Online: Und?

Oliver Kahn: Ich erkenne seit einigen Jahren eine Tendenz im deutschen Fußball, ganz wichtige, zentrale Tugenden und Werte zu ignorieren, die uns häufig ausgezeichnet haben. Aber das ist unsere Identität. Sie werden teilweise als antiquiert bezeichnet und hin und wieder sogar lächerlich gemacht. Stattdessen ist eine Art Systemgläubigkeit entstanden, die über allem steht. Es klingt moderner, über falsche Neuner, polyvalente Spieler oder inverse Außenverteidiger zu diskutieren. Dabei wird übersehen, dass jedes System nur funktionieren kann, wenn die Spieler es mit bestimmten Tugenden anreichern. Ob das nun Zweikampfhärte ist, Wille, Leidenschaft, Disziplin, Aggressivität oder auch eine gewisse Dreckigkeit, die nun mal zum Fußball gehört.

Morgenpost Online: Woran liegt das?

Oliver Kahn: Wir scheinen davon überzeugt zu sein, dass wir alles über spielerische Qualität lösen können. Das ist alles auch richtig und wichtig. Aber aus meiner Sicht liegt das Erfolgsgeheimnis in der Kombination dieser Dinge. Nehmen wir doch nur mal den Wert „Verantwortung“ heraus. Verantwortung zu übernehmen, das ist nicht nur im Fußball ein zentral wichtiger Faktor für Erfolg. Doch wenn ich die Spieler nicht mehr dazu erziehe, in bestimmten Momenten Verantwortung zu übernehmen, wie etwa nach den Gegentoren, dann wird es schwierig, solche Spiele wie das gegen Italien zu gewinnen. Bis auf Khedira und Neuer hatte ich nicht das Gefühl, dass sich alle mit letzter Konsequenz gegen die Niederlage gestemmt haben.

Morgenpost Online: Ist da der Deutsche Fußball-Bund gefordert, der in den vergangenen Jahren viel Wert auf die Ausbildung der Spieler gelegt hat?

Oliver Kahn: Matthias Sammer, der Sportdirektor des DFB, weist immer wieder darauf hin, wie wichtig neben der technischen, taktischen und körperlichen Ausbildung auch die Ausbildung der Persönlichkeit ist. Die Frage ist doch, ob ein Cassano oder ein Balotelli beispielsweise bei uns überhaupt einen Platz im Nationalteam finden würden.

Morgenpost Online: Weil sie Ecken und Kanten haben und nicht so pflegeleicht sind wie die deutschen Spieler?

Oliver Kahn: Eine Mannschaft besteht immer aus Individualisten, die auch mal schwierige Zeitgenossen sein können, den mannschaftsdienlichen Spielern und den Führungsspielern, die bereit sind, Verantwortung für das Team zu übernehmen. Eine gute Mischung dieser unterschiedlichen Charaktere macht die Qualität einer Mannschaft aus und ergibt deren Struktur. Schafft es ein Trainer, einen Spieler wie Balotelli in das Mannschaftsgefüge zu integrieren und ihm die nötige Freiheit zu lassen, kann dieser seinen Wert für das Team voll entfalten, und alle profitieren davon. Es ist oft von den flachen Hierarchien im deutschen Fußball die Rede. Der Nachteil dabei ist, dass die Spieler nicht zur Verantwortung erzogen werden.

Morgenpost Online: Mit Spielern wie Schweinsteiger, Lahm und Podolski haben Sie selbst noch auf dem Platz gestanden. Warum sind sie nicht in der Lage, in einem Spiel wie gegen Italien Verantwortung zu übernehmen?

Oliver Kahn: Das sind alles großartige Fußballspieler, die während der EM größtenteils mit sich selbst zu kämpfen hatten. Lukas Podolski fehlte durch den Abstieg mit Köln das nötige Selbstvertrauen. Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger waren und sind immer noch damit beschäftigt das verlorene Champions-League-Finale zu verarbeiten. Bei all den zweiten und dritten Plätzen besteht irgendwann die Gefahr, dass du Glaube und Motivation verlierst. Schweinsteiger war dazu körperlich nicht fit. So zweifelnd, wie er sich auf und neben dem Platz präsentiert hat, konnte er der Mannschaft keine positiven Impulse verleihen.

Morgenpost Online: Die Kritik nach dem EM-Aus ist groß. Da ist von Spielern die Rede, die zu lasch angepackt werden und zu viele Vorzüge genießen. Von einer Wohlfühloase ist die Rede, die den Spielern offenbar nicht bekommt.

Oliver Kahn: Das sind für mich alles Nebenerscheinungen, die immer dann in den Raum gestellt werden, wenn zwanghaft Gründe für einen Misserfolg gesucht werden. Es gibt natürlich viele Ablenkungen für die Spieler. Aber die hat es immer schon gegeben. Ich will gar nicht so viel über Wohlfühloasen reden. Entscheidend ist, dass die Spieler wieder verstehen, dass Erfolg bestimmte Eigenschaften voraussetzt, die sie sich immer wieder klar machen müssen und an denen sie konsequent arbeiten müssen. Ich finde es beispielsweise unglaublich, dass die spanische Mannschaft nach all den Erfolgen der Vergangenheit erneut im Finale steht, weil sie neben einem grandios funktionierenden Spielsystem vor allem Spieler in der Mannschaft hat, die sich mit dem Erreichten nie zufriedengeben.

Morgenpost Online: Ebenfalls kritisiert wurde, dass den deutschen Spielern gegen Italien schon beim Singen der Nationalhymne anzumerken gewesen sei, dass sie nicht voll bei der Sache waren. Einige sangen gar nicht, andere nur ganz leise, während alle Italiener mit voller Inbrunst gesungen hätten.

Oliver Kahn: Mir ist das auch aufgefallen. Die Italiener haben ihre Hymne ja fast geschrien. Dabei hatte ich den Eindruck, dass sie diesen unbedingten Willen haben, dieses Spiel zu gewinnen. Das möchte ich aber nicht überinterpretieren. Du kannst auch einen großen Siegeswillen in dir tragen, ohne dass du dich bei der Nationalhymne als großer Sänger hervortust.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie die Rolle von Bundestrainer Joachim Löw?

Oliver Kahn: Unter ihm ist seit 2006 eine klare Entwicklung zu erkennen, die wir mit ihm auch fortsetzen sollten.