Euro 2012

Manipulierte EM-Übertragung - Tränen lügen doch

| Lesedauer: 6 Minuten

Erst der Balljunge, dann die Frau mit Tränen in den Augen. Bei der EM ist live nicht live. Die Uefa zeigt en Fußball, wie er ihr gefällt.

Die Szene wirkte rührend. Und ein wenig übertrieben. Gerade eben hatte Italiens Stürmer Mario Balotelli mit seinem zweiten Tor die deutsche Mannschaft geschockt, als auf der Tribüne bei einer Frau dicke Tränen über die schwarz-rot-gold gefärbten Wangen flossen. Muss das denn wirklich sein?, dachte sich der geneigte TV-Zuschauer. Es sind doch erst 36 Minuten gespielt, mithin dürfte doch noch alles drin sein in diesem Halbfinale?

Als dann am nächsten Tag auch noch zahlreiche Mails bei der aus Düsseldorf angereisten Anhängerin eingingen, in der sich Freunde nach ihrem Zustand erkundigten und nachfragten, ob die Reaktion nicht etwas übertrieben gewesen sei, flog der Schwindel schnell auf. Die Tränen waren nicht etwa Folge der Balotelli-Tore, sie waren schon beim Abspielen der Hymne geflossen, die Düsseldorferin war laut „Süddeutscher Zeitung“ offenbar ob der Atmosphäre im Warschauer Stadion von ihren Gefühlen übermannt worden. Die für die Übertragung des so genannten Weltbildes zuständige Produktionsfirma hatte die kurz zuvor aufgezeichneten Bilder einfach kurzerhand in eine ihrer Meinung nach passende Szene geschnitten.

Es ist der zweite eklatante Eingriff in eine Live-Übertragung mit Beteiligung der deutschen Nationalmannschaft, und er verstärkt den Eindruck, die Europäische Fußball-Union (Uefa) habe bei diesen kontinentalen Titelkämpfen ein eigenwilliges Verständnis von künstlerischer Freiheit und der Abbildung der Wirklichkeit. Ohne Hemmungen manipuliert die vom europäischen Verband beauftragte Regie offenbar munter Bilder. Der Zuschauer wird, gelinde gesagt, verkohlt – und Protagonisten werden fahrlässigerweise ins falsche Licht gesetzt.

Protest nach Balljungen-Affäre

Vor zwei Wochen bereits war beim Spiel der Deutschen gegen die Niederlande in der 22. Spielminute beim Stand von 0:0 ein spitzbübischer Bundestrainer Joachim Löw auffällig geworden, der einem Balljungen aus Spaß den Ball aus dem Arm schlug. Wow, ist der cool, dachten sich etliche Fans vor dem Fernseher, sogar in wichtigen Partien macht der Coach noch Späßchen am Spielfeldrand. Dass die Bilder aus der Aufwärmphase beider Mannschaften vor der Partie stammten und nachträglich in die Live-Übertragung geschnitten wurden, kam erst einen Tag später heraus. Damals hieß es, die öffentlich-rechtlichen Sender hätten Beschwerde beim europäischen Verband eingelegt. Offenbar aber ohne nachhaltige Wirkung, wie sich beim Deutschland-Italien-Spiel zeigte.

Nach dem neuerlichen Montage-Betrug, dem auch ARD-Kommentator Steffen Simon aufgesessen war („Für Tränen ist es noch zu früh“), regierte die Branche empört. „Wir sind erstaunt und irritiert“, sagte ARD-EM-Teamchef Jörg Schönenborn. „Diese Bilder sind für uns so nicht akzeptabel – zumal wir mit der Uefa über die Problematik vor wenigen Tagen gesprochen hatten. Wir werden jetzt erneut das Gespräch suchen.“

Am Sonnabend reagierte der gescholtene Verband in einer Stellungnahme und räumte die erneute Panne bei der Übertragung von TV-Bildern ein. Den Vorwurf der Manipulation aber wies man energisch zurück. „Die Uefa hat keinerlei Absicht, eine wie auch immer geartete Kontrolle über die den Sendeanstalten zur Verfügung gestellten Bilder auszuüben“, teilte der Verband mit. Immerhin bestätigte die Uefa, dass die Bilder der weinenden Anhängerin während der Hymne aufgenommen und verwendet worden seien, „um die Emotionen und die Anspannung der deutschen Fans bei diesem Spiel zu zeigen“. Die Produktionsleitung des Verbandes sei mit der Entscheidung des TV-Produktionsteams im Stadion, „diese Bilder gleich im Anschluss an das Tor zu zeigen, nicht einverstanden“. Weiter hieß es von der Uefa: „Im Rahmen unserer Qualitätskontrolle wurde das Produktionsteam vor Ort angewiesen, solche Reaktionen nicht mehr als Wiederholungen direkt im Anschluss an eine Live-Aktion einzublenden, um falschen Eindrücken vorzubeugen.“ Man habe „keinerlei Absicht, Bilder zu manipulieren“.

Kritik von Medienexperten

Der fortgesetzte Eingriff während der Live-Übertragungen, dazu noch ohne Kennzeichnung, ist auch deshalb eine fragwürdige Medienpraxis der Uefa, weil andere durchaus sendenswerte Bilder bei dieser EM auf der Strecke bleiben. Die vom Verband beauftragte Regie zeigt uns die EM, wie es ihr gefällt. Politische Protestplakate werden ebenso ausgeblendet wie leere Ränge, freie Plätze auf Ehrentribünen, Auftritte von Flitzern und das Abbrennen von Pyrotechnik in den Stadien.

Die Zensur ist neu, und noch wissen Betroffene wie Experten nicht so recht, wie dagegen vorzugehen ist. „Die Sportanbieter versuchen, die Berichterstattung zu kanalisieren und dadurch mehr Kontrolle zu erlangen“, sagt Professor Jürgen Schwier, Experte für Sportkommunikation an der Universität Flensburg. „Man könnte das als Kumpanei bezeichnen. Die Uefa hat ein großes Interesse an positiver Berichterstattung über die Europameisterschaft. Aber das haben die öffentlich-rechtlichen Sender auch.“ Zudem sei das vermutlich erst der Anfang. Auf Vereinsebene hätten bereits Vereine wie Manchester United damit begonnen, den Fernsehsendern eigene Bilder zur Verfügung zu stellen – Manipulationsmöglichkeiten inklusive.

Bei der Europameisterschaft gesteht der Verband den zuständigen Regisseuren künstlerische Freiheit zu und beruft sich darauf, dass es sich bei den eingespielten Konserven um keinen groben Eingriff in die Live-Übertragung handele. Doch bei anderer Gelegenheit präsentiert sich die Uefa als Gralshüter des Fußballs. Der Däne Nicklas Bendtner etwa muss 100.000 Euro berappen, weil im Vorrundenspiel gegen Portugal auf seiner Unterhose der Schriftzug eines irischen Wettanbieters für alle sichtbar prangte. Zudem ist er für das erste WM-Qualifikationsspiel seiner Mannschaft gesperrt. Bendtner will gegen die Sanktion vorgehen, als Argument könnte er ja vorbringen, dass die Szene aus dem Training stamme und nachträglich in die Live-Übertragung geschnitten worden sei. Man könnte ihm das abnehmen.