EM 2012

Balotellis Weg zum Volkshelden

Vor der EM standen viele Italiener Mario Balotelli skeptisch gegenüber. Nach seinen Toren gegen Deutschland wird er daheim plötzlich gefeiert.

Es war nicht so, dass sich Mario Balotelli zum ersten Mal so zeigte. Aber der Kommentator des italienischen Fernsehens geriet trotzdem in Verzückung. „Schauen sie sich diesen Körper an“, säuselte er mit einer Spur zu viel Bewunderung. Nur mit Sporthose und Badelatschen bekleidet sah man Balotelli nach der Trainingseinheit in die Kabine schlappen. Grinsend winkte er den Fans hinter dem Zaun zu, „Super Mario“, sagte der Kommentator.

Seit Donnerstag ist aus Mario Balotelli (21) „Super Mario“ geworden. Zwei Tore im Halbfinale gegen Deutschland reichten, und ganz Italien liegt ihm nun zu Füßen. Dem Sohn ghanaischer Einwanderer, der einst in Italien aufgrund seiner Hautfarbe verschmäht wurde. Über den sie vor EM-Beginn noch diskutiert hatten, ob er nicht der eigenen Mannschaft gefährlicher werde als dem Gegner, weil seiner sportlichen Hochbegabung immer auch Skandale und Skandälchen und ein äußerst reizbarer Charakter gegenüberstehen.

Nach dem Finaleinzug mit seinen zwei Toren überschlugen sich die heimischen Gazetten, „König Mario“, „Hulk Balotelli“, huldigten sie ihm. Und aus „Extraordinario“ (außergewöhnlich) wurde ein „Extraordi-Mario“. Italien habe er sich auf die Schultern gestemmt und „uns ins Finale gebracht“, applaudierte die „Gazzetta dello Sport“. „Ein Star ist geboren, dort, mitten aufs Feld gemeißelt wie eine griechische Bronzestatue“.

Tore für die Pflegemutter

Es mag vordergründig die Szene des Halbfinals gewesen sein, Balotellis Jubel nach dem 2:0, als er sich des Trikots entledigte und mit abgespreizten Armen posierte wie ein Bodybuilder. Sein blondierter Irokese, ein starrer Blick und jede Muskelfaser angespannt, als habe er extra für diesen Augenblick etliche Stunden Gewichte gestemmt. „Wer wegen dieses Jubels sauer ist, ist nur eifersüchtig auf meinen Körper“, sagte er. Ein typischer Balotelli-Satz, der es in Sachen Aufmerksamkeit und Exzentrik bei dieser EM gar geschafft hat, einen wie Cristiano Ronaldo in den Schatten zu stellen.

Doch wirkt jene Szene nur im Zusammenspiel mit einer anderen, einer, die ihn entwaffnend kindlich erscheinen lässt. Sie spielte sich nach dem Abpfiff am Donnerstag ab, Balotelli war zur Tribüne geeilt. Eine ältere Dame wartete in der ersten Reihe. Silvia, seine Pflegemutter, eine zierliche Frau über 70. Sie hielt seinen Kopf, er schmiegte sich an ihr Gesicht. Er war knapp drei Jahre alt, da gaben ihn seine leiblichen Eltern ab. Silvia und ihr Mann Francesco zogen ihn auf. Ihr widme er die zwei Treffer. „Ich habe ihr gesagt, die Tore waren nur für dich. Ich habe so lange darauf gewartet.“ Und, dass jener Abend einer der schönsten seines Lebens war.

„Er kann einer der Besten der Welt werden“

Im Nachklang mag das pathetisch erscheinen. Es bedarf beider Szenen, um Balotelli gerecht zu werden. Einer, der in Italien alle möglichen Altersklassenrekorde brach. Und dennoch jeden Trainer schier in den Wahnsinn trieb. Mit 15 debütierte er mit einer Ausnahmegenehmigung des nationalen Verbandes in der dritten Liga, nur zwei Jahre später, mittlerweile bei Inter Mailand unter Vertrag, in der Serie A. Für knapp 30 Millionen Euro wechselte er 2010 zu Manchester City. „Er kann einer der Besten der Welt werden“, sagte Jose Mourinho.

Balotelli vereine Technik, körperliche Voraussetzungen und Intuition. „Aber er macht oft den Eindruck, als hätte er nur eine Gehirnzelle“, sagte Mourinho. Aufreizende Trainingsfaulheit bescheinigte er ihm. Selbst Roberto Mancini, er befehligt ihn in Manchester, sanktionierte ihn in schöner Regelmäßigkeit, weil sich Balotelli Rote Karten wegen unsäglicher Tätlichkeiten abholte und Dinge leistete, die alle außer ihn selbst irritierten.

Mit Dartpfeilen auf Jugendspieler geworfen

Balotelli ist Champions-League-Sieger, italienischer Meister und Meister in England, vor zwei Jahren wurde er zum besten Nachwuchsspieler Europas gekürt. Doch die gängigen Geschichten über Balotelli handelten von Jugendspielern von Manchester City, die er aus Langeweile mit Dartpfeilen bewarf. Von Feuerwerkskörper, die er im Bad zündete. „Der Weg vom Talent zum Star ist kompliziert und weit“, sagt Prandelli.

Er ist einer, der Charaktere wie Balotelli zu zügeln weiß, ohne ihnen die Individualität zu nehmen. „Es gehörte viel Mut dazu, Mario für die EM zu nominieren“, hat Prandelli vor dem Turnier gesagt. Mut, der sich bereits ausgezahlt hat, dessen finaler Akt aber noch bevorsteht, sagt Balotelli. Sein Vater Francesco wird extra nach Kiew anreisen. Weil es im Halbfinale gegen Deutschland schon zwei Tore waren, so kündigte Balotelli an, „werde ich im Endspiel vier schießen“.