EM 2012

Özil kämpft dagegen, alles schlechtzureden

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Lars Wallrodt

Foto: DPA

Die Niederlage im EM-Halbfinale schmerzt Mesut Özil noch immer. Im Interview arbeitet der Mittelfeldstratege die Partie noch einmal auf.

Ausgerechnet sein Bild stand symbolisch für die Trauer der deutschen Nationalmannschaft im Stadion von Warschau. Normalerweise lächelt Mesut Özil (23), doch nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien sah Özil einfach nur unendlich enttäuscht aus, saß minutenlang auf dem Rasen. Frust pur. Dabei sollte er eigentlich das Gesicht jenes neuen, frischen Teams sein, das seine phänomenale Entwicklung bei der Europameisterschaft 2012 mit einem Titel krönt. „Ich will unbedingt diesen Pokal“, hatte der Spielmacher stets gesagt.

Morgenpost Online: Herr Özil, wie groß ist Ihre Enttäuschung mit zwei Tagen Abstand zum Spiel?

Mesut Özil: Sie ist noch immer so groß wie direkt nach dem Schlusspfiff. Wir hatten uns so viel vorgenommen. Und wir hatten uns optimal vorbereitet. Es dauert noch lange, bis ich diese Enttäuschung überwunden habe.

Morgenpost Online: Wie haben Sie das Spiel gesehen?

Mesut Özil: Fußball ist nicht Eiskunstlaufen. Es gibt immer einen Gegner, der versucht, das Spiel direkt zu zerstören. Wir haben gekämpft, am Anfang aber Chancen vergeben. Da hat uns auch das Glück gefehlt. Und dann hat sich das Spiel total für die Italiener entwickelt. Erste Chance, erstes Tor. Aber das lag nicht an einer Dominanz, sondern an kleinen Fehlern. Auch wir hatten Chancen. Dass es am Ende komisch aussieht, wenn wir anrennen und der Gegner große Konterchancen hat, ist was anderes.

Morgenpost Online: Was sind Gründe für die Niederlage?

Mesut Özil: Insbesondere der Verlauf des Spieles hat für die Italiener gesprochen. Auf diesem Niveau entscheiden Kleinigkeiten. Und da haben die Italiener an diesem Tag keine Fehler gemacht. Aber wir müssen doch auch mal anerkennen, dass an einem Tag der Gegner besser ist, und dann müssen wir gratulieren. Das gehört doch zum Sport. Wir können doch nicht davon ausgehen, dass wir alle Spiele gewinnen. Aber deswegen ist doch auch nicht alles schlecht, was wir zwei Jahre lang gemacht haben in der Qualifikation und beim Endturnier.

Morgenpost Online: Die „Bild“ schreibt von „Memmen gegen Männer“. War die deutsche Mannschaft zu ängstlich?

Mesut Özil: Nein. Auf keinen Fall. Wir haben bis zur 90. Minute gekämpft, in der zweiten Halbzeit angegriffen, haben die Abwehr geöffnet auch auf die Gefahr hin, eine Schlappe zu kriegen. Das war nicht ängstlich. Dass die Italiener erfahrener sind als wir und somit auch etwas ausgebuffter spielen – das ist was anderes.

Morgenpost Online: Joachim Löw hat seine Taktik zum wiederholten Mal dem Gegner angepasst. Muss eine so starke Mannschaft wie die deutsche nicht einfach ihr Spiel spielen?

Mesut Özil: Wenn es so einfach wäre. Keine Mannschaft dieser Welt kann auf dem Niveau so spielen, als ob es den Gegner nicht gäbe. Im Halbfinale der EM muss man wissen, wie der Gegner spielt und sich auch darauf einstellen. Italien hat sein Spiel auch auf unser Spiel abgestimmt.

Morgenpost Online: Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Mannschaft zu wenig Führungsspieler habe. Ist das so?

Mesut Özil: Das ist viel zu einfach. Wer ist denn ein Führungsspieler? Lampard? Van Bommel? Rooney? Ribery? Wo waren die bei den Halbfinals? Es sind jetzt zwei Mannschaften im Finale, die hervorragende Mannschaftsleistungen zeigen. Wir dürfen nicht immer alles an einem Ergebnis festmachen. Wir haben mit der gleichen Mannschaft 15 Spiele gewonnen.

Morgenpost Online: Woran liegt es dann, dass Deutschland vier Mal in Folge unter den besten vier Mannschaften war, aber nicht den Titel holen konnte?

Mesut Özil: Um einen Titel zu holen, muss alles stimmen, man braucht auch Glück. Ich kämpfe dagegen, jetzt alles schlechtzureden: Vier Mal im Halbfinale zu sein, ist eine großartige Leistung. Auch wir wollen mal einen Titel gewinnen und tun alles dafür. Aber so einfach ist das nicht.

Morgenpost Online: Löw wurde nach dem Spiel gefragt, ob er seinen Job nun hinwirft.

Mesut Özil: Wegen einem knappen Ergebnis solche Diskussion? Wir hätten in der Anfangsphase drei Tore erzielen können. Und nun soll ein Trainer das verhindern? Seit ich dabei bin, kriegen wir viel Lob – vor allem im Ausland. Seit vielen Jahren. Und jetzt soll alles falsch sein?

Morgenpost Online: Die Nationalmannschaft war in ihrem polnischen Quartier komplett abgeschirmt. Ist das wirklich nötig, sich so abzuriegeln?

Mesut Özil: Das ist nicht entscheidend. Das hat nichts damit zu tun, ob Pirlo auf der Linie rettet oder nicht. Wenn wir in die Stadt gehen und verlieren, heißt es: Da trinken sie Kaffee – aber verlieren. Wir dürfen nicht immer alles am Ergebnis festmachen. Wir hatten perfekte Bedingungen in Danzig, waren hundertprozentig konzentriert. Bei allen fünf Spielen. Aber wir haben in den 90 Minuten gegen Italien nicht unsere beste Leistung gezeigt – und das lag auch an den Italienern.

Morgenpost Online: Sie haben stets selbstbewusst den Titelgewinn als Ihr Ziel ausgegeben. War das zu offensiv formuliert?

Mesut Özil: Auch so ein Missverständnis: Wir können doch nicht zur EM fahren und das Halbfinale als Ziel ausgeben. Titel muss unser Anspruch sein. Aber wenn wir dieses Ziel nicht erreichen, darf auch nicht alles zusammenbrechen. Der Sport ist so – man kann nicht immer gewinnen.

Morgenpost Online: Und Ihre eigene Leistung?

Mesut Özil: Kein Spieler kann in einem Turnier bei allen Spielen perfekt spielen. Ich überlasse die Beurteilung meiner Leistung anderen. Aber aus dem Ausland und von den Trainern habe ich mehr Bestätigung bekommen als von anderen. Aber mir ist es wichtig, was die Trainer sagen.

Morgenpost Online: Mit Blick auf die WM 2014: Was muss die Mannschaft machen, um dort den Titel gewinnen zu können?

Mesut Özil: Die Mannschaft hat auch dieses Mal alles gemacht. Sie braucht aber dort halt auch das notwendige Quäntchen Glück und ein bisschen mehr Erfahrung. Aber wir sind jung.

Morgenpost Online: Wem drücken Sie heute die Daumen?

Mesut Özil: Da ich seit zwei Jahren in Spanien lebe, bei dieser Mannschaft viele Mitspieler von mir spielen, drücke ich natürlich Spanien die Daumen.