Euro 2012

Rücktritt kein Thema - aber Löw gibt Fehler zu

Bundestrainer Joachim Löw sieht es offenbar mittlerweile als Fehler, sich gegen Italien für Toni Kroos und Mario Gomez entschieden zu haben.

Am Freitag um 13.07 Uhr war das Projekt Europameisterschaft 2012 endgültig beendet. Die deutsche Nationalmannschaft hob mit einer Chartermaschine der Lufthansa vom Flughafen Warschau ab. Trainerteam, Spieler, Spielerfrauen, Freunde und Familienangehörige – allen war die Enttäuschung am Tag nach dem 1:2 gegen Italien im Halbfinale anzusehen. „Die kann man nicht so leicht abschütteln“, sagte Bundestrainer Joachim Löw während des Fluges. „Es braucht etwas Zeit, bis wir das alles verarbeitet haben.“

Löw wird ein paar Tage in seine Heimat nach Freiburg fahren, ehe es mit seiner Frau Daniela zum Erholen nach Sylt geht. Es gelte nun erst einmal, das Turnier und die verlorene Partie zu analysieren. „Es wurde ja schon viel über die Aufstellung gesprochen. Diese Verantwortung übernehme ich natürlich auch“, sagte Löw. Offenbar sieht er es mittlerweile als Fehler, sich gegen Italien für Toni Kroos und Mario Gomez entschieden zu haben. Löw schränkt es gleichzeitig etwas ein: Die Gegentore hätten allerdings nicht unmittelbar mit der Aufstellung zu tun gehabt. „Und Gomez hatte bis dahin mit drei Toren ein sehr gutes Turnier gespielt.“

Wie bei der WM 2010 hätte auch diesmal eine Kleinigkeit gefehlt. Innenverteidiger Mats Hummels hatte bei seinem ersten großen Turnier bis zum Halbfinale überragend gespielt, „aber die Flanke vor dem 0:1 hätte er verhindern müssen.“ So schlecht der Dortmunder gegen Italien erstmals bei der EM gespielt hatte, so wenig Glück hatte der Bundestrainer erstmals mit Aufstellung – und Taktik. Während er und seine Spieler im Turnier immer propagiert hatten, auf dem Platz am liebsten selbst zu agieren, musste man nach dem Italien-Spiel fragen: Hat sich Deutschland zu sehr nach den Italienern gerichtet? „Es ist nicht hundertprozentig aufgegangen“, gestand Löw.

Deutschland seit 16 Jahren ohne Titel

Trotz der Enttäuschung verschwendete er auch am Tag danach keine Gedanken an einen Rücktritt. Auf die Frage danach entgegnete Löw: „So eine Frage zu stellen, das ist unpassend. Die stellt man vielleicht, wenn man in der Vorrunde ausgeschieden ist“. Löw unterbrach, hielt kurz inne und fuhr dann fort: „Die Mannschaft hat ein gutes Turnier gespielt, wir haben vieles gut gemacht. Jetzt muss man Abstand gewinnen um zu sehen, was für neue Reize und Möglichkeiten es gibt“, sagte Löw, dessen Vertrag beim Deutschen Fußball-Bund bis 2014 läuft.

Den Titel hatten Löw und die Spieler als Ziel ausgegeben. Doch nach diesem Turnier ist Deutschland seit 16 Jahren ohne Titel. Stellt sich die Frage, ob möglicherweise etwas Grundsätzliches fehlt – bei aller Freude über eine junge und qualitativ sehr gute Generation? „Nein“, sagte Löw, „die Mannschaft hat sich in den vergangenen Jahren nach vorn gearbeitet. Wir haben andere Nationen fußballerisch eingeholt. Das ist eine große Leistung. Ziel wird es sicher sein, die eine oder andere Nation zu überholen.“

Schon unmittelbar nach der Niederlage kamen erste Fragen nach fehlenden Führungsspielern auf. Nach Spielern, die im entscheidenden Moment mal dazwischen hauen, aber am Donnerstag im deutschen Team bis auf Sami Khedira nicht zu sehen waren. Löw verneinte das: „Ich denke nicht. Wir haben sehr gute Führungsspieler, die auf dem Platz Verantwortung übernehmen. Es ist eine andere Art von Führung heutzutage. Die Bayernspieler kamen vor der EM enttäuscht zu uns und haben die Mannschaft trotzdem sofort vorangetrieben.“

Nach der Ankunft in Frankfurt um 14.40 Uhr verabschiedeten sich die Spieler bereits auf dem Rollfeld voneinander. Die Bayernprofis stiegen direkt in einen Learjet, der sie nach München brachte. Auch die Dortmunder flogen mit einer eigenen Maschine heim.