Euro 2012

Montolivos italienisches Herz schlägt auch für Deutschland

In der "Squadra Azzurra" ackert Riccardo Montolivo als Mittelfeldspieler. Der Halbfinal-Klassiker ist für ihn ein ganz besonderes Spiel.

Foto: DAPD

Als Erstes bekommt Riccardo Montolivo einen Maulkorb verpasst. Auf keinen Fall werde er auf Deutsch antworten, sagt der Pressesprecher zur Eröffnung der Gesprächsrunde, damit da gar nicht erst irgendwelche Missverständnisse entstehen. Der Hauptdarsteller dieser Veranstaltung ist Italiener, auch am Tag vor der Abreise zum Halbfinale gegen Deutschland nach Warschau.

Dabei versteht der 27-Jährige, der als Jugendlicher zahllose Ferienwochen bei seinen Großeltern an der Ostsee verbracht hat und sogar beide Staatsbürgerschaften besitzt, jedes Wort. Manche sagen sogar: Er beherrscht die Sprache seiner Mutter Antje besser als mancher von Joachim Löws Schützlingen. Und doch trägt er am Donnerstag die Farben des Landes seines Vaters.

Deutsche Flagge auf dem Schuh

„Natürlich ist das ein besonderes Spiel für mich“, sagt Montolivo, der nach dem Turnier von Florenz zum AC Mailand wechseln wird, also auf Italienisch. Zu 90 Prozent fühle er sich als Italiener, sagt er. „Ich liebe das italienische Nationaltrikot, ich liebe das Land. Aber ich kann auch meine Wurzeln nicht verleugnen.“ Das bedeutet wohl, dass sein Herz immer noch zu einem Zehntel für Deutschland schlägt. Seine Schuhe sind definitiv ein Beleg dafür: Das rechte Arbeitsgerät ziert eine kleine Deutschland-Flagge, ein Gruß an seine Mutter, die aus der Nähe von Plön in Schleswig-Holstein stammt. Die hofft übrigens auf einen Sieg der Italiener, da ist ihr Sohn sicher: „Das bisschen Streit mit der Familie wird sie riskieren.“ Aber auch sie sagte, dass sie ihre Herkunft nicht vergessen könne.

Ihr Filius steht im Rampenlicht deutscher Medien wie wohl noch nie in seiner Karriere, seine Geschichte überstrahlte die Tage vor dem Halbfinalklassiker. Als sich Riccardo Montolivo vor beinahe zehn Jahren dafür entschied, in den italienischen Jugendmannschaften zu spielen und nicht in den deutschen, war das noch anders. Niemand notierte hierzulande den Verlust des Talents, das ebenso gut in Weiß und Schwarz statt in Blau hätte spielen können. Das Thema wurde schnell ad acta gelegt – wenn es überhaupt eines war.

Mittelfeldarbeiter

Denn die Zeit, wo der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit harten Bandagen um Talente wie Nuri Sahin oder Lukas Podolski, die ebenfalls zwei Pässe besitzen, kämpfte, hatte damals noch nicht begonnen. Bis auf das Champions-League-Achtelfinale mit dem AC Florenz gegen den FC Bayern München vor zweieinhalb Jahren hatte Montolivo keine Pflichtspielkontakte mit der Quasi-Heimat, seine Laufbahn lief hierzulande weitgehend unbeobachtet von der Öffentlichkeit. Das ist inzwischen vorbei.

Auf dem Trainingsplatz sind zahlreiche Objektive auf „il tedesco“, den Deutschen, gerichtet. Der grätscht und sprintet, als ginge es im Krakauer Pilsudski-Stadion schon um den Finaleinzug und nicht bloß um die Abschlusseinheit vor seiner wichtigsten Dienstreise. Riccardo Montolivo ist ein Mittelfeldarbeiter, das zeigt jede seiner Aktionen. Er spielt ebenso unauffällig wie effektiv. Zu großem Ruhm taugt dieser Stil nicht. Während weite Teile der italienischen Journaille im großen Auditorium den Worten von Impresario Andrea Pirlo lauschen, muss sich Montolivo mit dem deutlich kleineren Saal zufriedengeben. Dessen Reihen sind nur recht spärlich bevölkert.

Ginge es nach Trainer Cesare Prandelli, hätten die beiden ihre Bühnen wahrscheinlich getauscht. Der Nationaltrainer gilt als Montolivos größter Fan, seit er ihn 2005 aus Bergamo nach Florenz geholt hat. Dort bekam die Karriere den großen Schub. Im zweiten der gemeinsamen fünf Jahre in der Toskana formte Prandelli ihn zu Italiens Nachwuchsspieler des Jahres, kurz drauf debütierte Montolivo in der „Squadra Azzurra“.

Im Dienst der Mannschaft

Der damalige Nationaltrainer Roberto Donadoni nominierte ihn trotzdem nicht für die Europameisterschaft 2008. Erst in Südafrika durfte der Rechtsfuß sein erstes großes Turnier bestreiten, war jedoch nach drei sieglosen WM-Vorrundenpartien einer der Prügelknaben in der Heimat.

Diese aufgeladene Stimmung scheint in diesen Tagen so weit weg wie Kapstadt von Krakau. Die Laune rund um das Team ist bestens, täglich müssen die Spieler auf dem Weg ins Mannschaftshotel minutenlang Autogramme schreiben. Die Tifosi haben ihre Liebe zum viermaligen Weltmeister wiederentdeckt, sie überlagert die Wut über den Wettskandal in der Serie A.

Einer der Gründe dafür ist Montolivo, über den Prandelli sagt: „Er spielt großartig und agiert sehr, sehr mannschaftsdienlich.“ Dennoch wechselte er ihn in der Vorrunde lediglich im Spiel gegen Kroatien ein, gegen England im Viertelfinale durfte er dann von Beginn an auflaufen. Am Ende verschoss er ganz undeutsch einen Elfmeter. „In dem Moment bricht die Welt über dir zusammen“, erinnert er sich. „Aber als ich zur Mittellinie zurückgekommen bin, haben mich meine Kameraden umarmt. Da habe ich Vertrauen gefasst, dass wir doch weiterkommen.“ Für den angeschlagenen Teamkollegen Daniele de Rossi, der wahrscheinlich im Halbfinale wegen einer Muskelverletzung passen muss, trägt Montolivos Spiel sogar „Charakteristika von der Spielweise Pirlos“. Da ist sie wieder: Die kastrierte Form der Anerkennung, bloß ein zweiter Pirlo zu sein. Und nicht der erste Montolivo.

Allein die Fotografen der Klatschpresse widmen ihm regelmäßig stundenlang ihre Aufmerksamkeit. Allerdings liegt auch das weniger an seinen Leistungen auf dem Platz als an der Begleitung auf der Tribüne. Cristina de Pin heißt seine Freundin und arbeitet dankenswerterweise seit einigen Jahren als Unterwäsche-Model. Sie wird sogar nach Warschau kommen, um ihren Liebling anzufeuern. In regelmäßigen Abständen lassen sich beide gemeinsam ablichten. Doch auch da spielt Montolivo wieder nur die Nebenrolle.