Euro 2012

Für Christoph Metzelder ist Deutschland ganz klar Favorit

Der Schalker spielte 2006 im WM-Halbfinale, als seine Mannschaft gegen Italien verlor. Wiederholen wird sich das nicht, ist er überzeugt.

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Nur ungern denkt Christoph Metzelder (31) an den 4. Juli 2006 zurück. Zwei Minuten hatten der damalige deutsche Abwehrchef und sein Team im WM-Halbfinale gegen Italien noch zu spielen. Das Elfmeterschießen stand kurz bevor. Aber dann siegte Italien noch 2:0 und stürzte eine ganze Nation in tiefe Trauer – inklusive des 47-maligen Nationalspielers vom FC Schalke 04.

Morgenpost Online: Herr Metzelder, welche Erinnerungen haben Sie an das Spiel?

Christoph Metzelder: Die Schlüsselszene, an die ich mich erinnere, ist natürlich die in der 119. Minute. Wir haben den Ball abgewehrt. Doch dann kommt er zu Andrea Pirlo. Ein paar von uns stürmen raus zu ihm. Doch er hat die Ruhe und spielt ihn clever in den Strafraum zu Fabio Grosso, der dann das Tor macht. Ich weiß noch, wie wir alle dem Ball hinterherschauen. Das war richtig bitter.

Morgenpost Online: Weil man sich innerlich schon auf das Elfmeterschießen eingestellt hatte?

Metzelder: Ja. Ich kann mich gut daran erinnern, wie sich die Italiener ein paar Minuten vor dem 1:0 den Ball hin und her geschoben haben. Die wollten nichts mehr riskieren. Aber dann kam der „Lucky Punch“.

Morgenpost Online: In der Geschichte hat Deutschland bislang bei Turnieren gegen Italien immer den Kürzeren gezogen. Jetzt sagt der Bundestrainer, dass Italien reif sei. Stimmen Sie ihm zu?

Metzelder: Ich glaube, dass die Italiener 2006 schon am Zenit ihrer Möglichkeiten waren. Sie hatten damals viele Topspieler um die 30 in ihrem Team. Allein so einen Spieler wie Fabio Cannavaro. Im Hinblick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre sehe ich uns diesmal im Vorteil. Die Italiener haben sich runderneuert. Bei der EM 2008 konnten sie noch einigermaßen mithalten, zwei Jahre später bei der WM haben sie nur enttäuscht. Jetzt haben sie wieder eine Mannschaft, die gut funktioniert. Die Häutung ist den Italienern gut bekommen. Mit Mario Balotelli, Antonio Cassano und eben Pirlo haben sie Leute, die ein Spiel allein entscheiden können. Dass sie defensiv stabil sind, weiß jeder.

Morgenpost Online: Sie sagen, Deutschland sei diesmal im Vorteil. Worin genau liegt der?

Metzelder: Wie gesagt, die Italiener sind defensiv sehr stark und haben mit Pirlo einen genialen Strategen. Aber sie spielen einen sehr bedächtigen Fußball, ganz anders als die Spanier oder die Deutschen. Wir spielen sehr schnell und suchen den Weg zum Tor mit ganz viel Tempo. Das könnte die Italienern vor Probleme stellen.

Morgenpost Online: Bundestrainer Joachim Löw hat vor jedem Spiel bislang mit seiner Aufstellung überrascht und Wechsel vorgenommen.

Metzelder: Das kennzeichnet die neue Qualität im deutschen Fußball. Mit Joachim Löw hat seit langer Zeit ein Bundestrainer die Qual der Wahl. Das war 2008 noch ganz anders. Da waren Torsten Frings und ich im Vorfeld lange verletzt. Aber der Trainer musste mangels Alternativen auf uns bauen. Jetzt hat er Mut bewiesen und beispielsweise auf Mats Hummels statt auf Per Mertesacker gesetzt. Löw hat bei diesem Turnier mit seinen Entscheidungen viele Experten überrascht. Aber ich finde es gut, dass er den ganzen Kader im Auge hat. Das ist schon ein großer Luxus.

Morgenpost Online: Haben Sie Mitleid mit Per Mertesacker? Sie haben bei zwei Turnieren das Abwehrduo gebildet.

Metzelder: Ich denke, Per wird nach seiner Verletzung bis zum letzten Tag gekämpft haben, um überhaupt bei diesem Turnier dabei sein zu können. Klar ist es bitter, wenn man nicht spielt. Aber man weiß ja nie, vielleicht wird er ja noch einmal gebraucht bei diesem Turnier.

Morgenpost Online: Wer ist denn für Sie bislang der beste deutsche Spieler des Turniers?

Metzelder: Mats Hummels. Ihm ist erstmals nachhaltig gelungen, auch auf der internationalen Bühne zu überzeugen. Mats spielt ein herausragendes Turnier. Wer mir zudem noch ganz besonders aufgefallen ist, ist Sami Khedira. Er arbeitet unheimlich auf dem Platz und erledigt im deutschen Spiel viele wichtige Dinge, die man als Zuschauer draußen oft gar nicht so wahrnimmt.

Morgenpost Online: Wie stehen die Chancen für eine erfolgreiche Revanche für 2006?

Metzelder: Sehr hoch. Denn wenn ich die Spieler untereinander vergleiche und den bisherigen Turnierverlauf sehe, ist Deutschland für mich ganz klar Favorit.